Gischt, Geologie und Gehversuche

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Der Sonnabend beginnt gemächlich – oder sagen wir besser: Er tut zumindest so. Eigentlich hatten wir uns einen lauen Tag gewünscht, das ganz große Nichts auf dem Outdoor-Terminkalender. Doch wer uns kennt, weiß: Selbst das Nichts wird bei uns schnell zum epischen Kapitel.

Zuerst das Wetter. Die Wettermodelle – hochkomplexe Orakel mit digitaler Aura – versprachen Sonnenschein, und auch die lokale Wetterfee hatte ein Lächeln in die Prognose gezaubert. Die Realität? Küstentypisch: wolkenverhangen, stimmungsvoll, fast mystisch. Ein Himmel in melancholischem Grau, das sich wie eine Bühnenkulisse über den Pazifik legte. Und genau dieser dramatische Ton machte sich besonders gut auf dem zweiten Akt unseres Abenteuers: Ein erneuter Besuch am legendären Rialto Beach, wo der Ozean alte Bäume zum Leben erweckt – oder besser gesagt, sie in den Tod schickt und dabei Kunstwerke erschafft.

Die Szenerie ist wie gemacht für ein Fantasy-Filmset: gewaltige Mengen an Treibholz, teils so groß wie Wikingerboote, andere wie bleiche Finger eines Riesen. Und die Entstehung dieser Szenerie ist ebenso spektakulär wie bizarr. Denn die Kombination aus Naturgewalt, Geografie und Historie formt hier ein Strandpanorama, das in seiner Wildheit fast ehrfurchtgebietend wirkt.

Winterstürme, so heftig wie sie nur im pazifischen Nordwesten vorkommen, reißen Bäume aus den Flussufern und schleudern sie über Umwege ins Meer. Der Quillayute River, ein temperamentvoller Strom in der Nähe von La Push, fungiert dabei als Holzlieferant Nummer eins. Und das Meer? Das schleift, bleicht und formt. Aus roher Natur werden abstrakte Skulpturen, aus Baumriesen silberne Fossilien. Historische Abholzung, einst Stolz der Region, fügt der Szenerie ihren industriellen Nachhall hinzu – Baumstämme, die nach Logging-Aktivitäten ihren Weg über die Flüsse in die Brandung fanden, leben nun als bleiche Wächter des Strandes weiter.

Ziel unserer heutigen kleinen Wanderung war das sagenumwobene „Hole in the Wall“, ein Durchbruch in einem massiven Basaltfelsen – entstanden nicht durch Sprengkraft oder menschliche Werkzeuge, sondern durch das geduldige Meißeln von Wellen, Wind und Zeit. Die vulkanischen Ursprünge des Gesteins machen den Tunnel umso faszinierender: Lava, die vor Millionen von Jahren erstarrte, wird nun vom Ozean durchlöchert wie ein Schweizer Käse auf geologischer Zeitlupe.

Doch bevor wir diesen Steinbogen durchqueren konnten, gab’s ein logistisches Intermezzo – besser bekannt als: Der Rückenschmerz-Moment. Beim finalen Schuhwechsel am Parkplatz – Wanderschuhe statt Sneaker, denn das Terrain versprach Unebenheit – zog es plötzlich im Kreuz. Zack! Ein stechender Schmerz in der Lendenwirbelsäule, der uns abrupt daran erinnerte, dass Abenteuer nicht nur im Kopf stattfinden, sondern auch im Bewegungsapparat.

Trotzdem ging’s los. Denn wer den Pazifik ruft, dem antwortet man – auch mit leicht gebückter Haltung. Der Weg war anspruchsvoll: knapp drei Kilometer über Kiesel, Treibholz und rutschende Steine. Ein Balanceakt zwischen Naturbewunderung und Muskelkontrolle. Während Claudia noch mit einer Bull Peitschen Seetang Alge kämpfte (und gewsnn), versuchten Oskar und ich heraus zu finden, woher die magischen Fußabdrücke im Sand wohl kamen. War es tatsächlich ein Cougar, der diesen Fußabdruck hinterließ? Wir belassen es mal bei dem Glauben.

Währenddessen genoß eine einsame Dame die Natur. Mit einer Tasse (Kaffee, Tee oder sonst etwas) bewaffnet saß sie auf einem dieser dicken toten Holzstämme und schien dem Meeresrauschen meditativ zu lauschen. Eine bessere Erholung gibt es wahrscheinlich nur im Altersheim.

Nur der kleine süße Vogel mit dem schon bekannten roten Bauch konnte offensichtlich nicht zur Ruhe kommen, denn bei jedem Fotoversuch verschwand er schnell und flog zu einem anderen Standort. Aber Hartnäckigkeit zahlt sich aus und so kann ich die folgenden Bilder präsentieren.

Eine Stunde später dann: das Ziel. „Hole in the Wall“ war erreicht. Majestätisch, rau, und geheimnisvoll erschien es uns. Doch bevor wir hindurch gehen konnten, eröffnete sich uns ein Biotop der ganz besonderen Art. Seeanemonen, jene räuberischen Blumen des Meeres, klebten an den Felsen wie nasse Edelsteine – ihre Tentakel bewegten sich in der Dünung wie das Haar eines Meeresgottes. Mit Nesselzellen bewaffnet, schießen sie mikroskopische Giftfäden auf alles, was ihnen zu nahe kommt: kleine Fische, Garnelen – oder ahnungslose Finger, die neugierig tasten. Glücklicherweise blieben wir verschont. Mein Rücken hatte genug Leid für diesen Tag verbucht.

Seesterne ruhten in den Gezeitentümpeln wie mythische Wappen, farblich von dezentem Orange bis tiefem Violett. Manche klammerten sich an den Fels, andere lagen schlafend da, als hätten sie gerade eine lange Reise hinter sich.

Und dann – die Krabbe. Claudia und Oskar haben sie entdeckt. Eine einzige. Winzig. Aber flink wie ein Schatten. Ein Moment, der fast übersehen worden wäre, hätte er nicht unser Entdeckungsradar aktiviert.

Nun hieß es aber endlich weiter gehen durch das Loch in der Wand. Hierfür hatte der liebe Gott noch eine Herausforderung für Claudia. Der Weg war rutschig und Halt gab es nicht immer. Genau das, was man mit einem lädierten Fußgelenk benötigt. Aber Oskar und ich halfen fachmännisch beim Weg hin und auch zurück über die glitschigen Felsen, so dass auch Claudia in den Genuß kam, durch das Tor durch zu gehen und die Ebbe auch auf der anderen Seite des Felsens zu genießen

Was bleibt, ist das Gefühl, Teil eines Werkes gewesen zu sein, das sich täglich neu schreibt.

Der Rialto Beach mit seinem Totholzfriedhof, der Tunnel durch Basalt, die Miniaturwelt aus Anemonen und Seesternen – all das ist mehr als nur landschaftliche Schönheit. Es ist eine Erinnerung daran, dass das Chaos der Elemente, die Geschichte des Holzes und die Geduld der Geologie eine Bühne bieten, auf der wir nur Gäste sind. Heisst, groß war die Vielfalt der schon erwähnten Kunstwerke aus Holz, die der Pazifik schuf.

Ebenso groß war unsere Geduld, die wir benötigten, um endlich ein Foto ohne zig Mit-Touristen im schönen Tor schießen zu können. Noch größer war Claudias Mut, mit verletztem Knöchel auf schlüpfigen -weil nassen- Steinen in Richtung des großen Tores zu balancieren.

Am größten war aber die Menschenmenge, die uns entgegen kam, als wir uns schon wieder auf den ca. drei Kilometer langen Rückweg zum Auto machten. Wir hatten alles gesehen und dank verhältnismäßig frühem Aufstehen auch noch einen Parkplatz am Rialto Beach ergattert. Die Menschen- und Fahrzeugmengen, die nun, nach 12 Uhr Mittags hier ankamen, die hatten nicht mehr so viel Glück und mussten ihre Fahrzeuge weit weg vom Strand parken. Also noch ein weiterer Kilometer am schlüpfrigen Strand, bei dem dank lockerem Kies jeglicher Körnung das Gehen doch sehr schwer war.

Der Nachmittag ist leicht erzählt: Wir fuhren auf der US 101 in Richtung Süden. Zum längsten Strand der Welt. Nach Long Beach. Auf dem Weg waren wir manchmal doch sehr irritiert. Aberdeen und Hoquiam, zwei Städte zum abgewöhnen. Wirklich abgewirtschaftet und runtergekommen. Zumindest entlang der 101, die wir gefahren sind. Und damit reihte sich das in die Reihe von herunter gekommenen einzelnen Grundstücken / Häusern ein, die wir neben schönen Küstenabschnitten zu Gesicht bekommen haben, bei denen wir uns die Frage stellten, wie man dort wohl wohnen kann und möchte.

Am Long Beach haben wir im Regensatz zum Rialto Beach Sandstrand und keinen Strand aus Kies. Das ist sicher auch besser so, denn  mit dem Auto ist festgefahrener Sand sicher leichter zu befahren als Steingeröll. Ja, ihr habt richtig gelesen. Hier fährt man mit dem Auto an den Strand. Es gibt nur einen Teil, der vom 15. April bis zum Labor Day für Autos gesperrt ist.

Uns ist das egal gewesen. Wir haben einen netten Spaziergang am Long Beach gemacht. Die Sonne schien schön, die Vogelwelt hier war auch zutraulich, und das haben wir in dem Bereich genossen, in dem keine Autos unterwegs waren.

Und nachdem wir den Morgen am Rialto Beach den Tag mit dem Betrachten von den (Holz) Skulpturen begonnen haben, haben wir ihn am Long Beach mit der Betrachtung von „Sand“ Skulpturen beendet. Denn heute ist hier das Sandburgenbau-Festival.

Und so konnten wir vor einem „Biergarten“ der den Namen Garten nicht verdiente, noch einer Band mit amerikanischer Musik für 2 Minuten lauschen. So ist ein erfüllter Tag zu Ende gegangen

Ob nun mit schmerzender Lende oder leuchtenden Augen – dieser Tag war ein Kapitel voller Eindrücke. Und wer weiß? Vielleicht wird der Mount Saint Helens übermorgen noch warten müssen. Mal sehen, wie es meinem Rücken gehen wird, denn die Tour ist noch nicht sicher, angesichts der Rückenbeschwerden. Aber eines ist sicher: Der Pazifik hat uns heute seine wildeste und poetischste Seite gezeigt.