Fahrstuhl zur sozialen Tiefgarage?

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Der erste Monat des Jahres neigt sich dem Ende. Und während ich fünf Tage vor Monatsultimo auf der Dienstreise in einem Hotelzimmer sitze – irgendwo zwischen Koffer, Schreibtischlampe und dem obligatorischen Zimmerservice-Prospekt – versuche ich, die Erlebnisse der letzten Wochen zu sortieren. Ich hatte mir ja vorgenommen, in diesem Jahr jeweils am Ende des Monats eine Zusammenfassung des Monats zu machen. Aber im Augenblick drängen sich lediglich zwei Gedanken auf. Beharrlich. Wie Zimmernachbarn mit zu lauter Stimme.

1.) Ich bin mit meiner Umwelt sozial nicht kompatibel
2.) Oh man, wie sich die Welt doch verändert

Nun, Punkt Zwei ist keine Neuigkeit. Das tat sie schon immer. Still, schleichend, manchmal mit Ansage, manchmal mit Anlauf. Doch was mir in den letzten Wochen und insbesondere Tagen begegnet ist, hat eine neue Qualität. Und nein – ich werde hier nicht über Politiker schreiben. Auch nicht über die sich überschlagenden Vorschläge selbsternannter Spezialisten, die im Eifer des Gefechts gleich mal Arbeitsrechte, Teilzeitmodelle und Krankmeldungen entsorgen möchten, um uns dafür kriegstüchtig zu machen. (Nebenbei: Ist uns eigentlich bewusst, was „Kriegswirtschaft“ wirklich bedeutet?)

Ich werde auch nicht über das CNN-Frühstücksfernsehen berichten, das mir gerade heute im Hotel serviert wurde: Bilder von Schneepflügen aus allen erdenklichen Kamerawinkeln – so als ob man noch nie einen Schneepflug gesehen hat- garniert mit der Schlagzeile, die so ungefähr lautete: „catastrophic ice, snow, extreme cold, threatening millions“. Es geht um die U.S.A., wie man anhand der Sprache vermuten könnte. Währenddessen ist unten im Laufband die furchtbare Nachricht zu lesen gewesen, dass ICE-Agents in Minneapolis einen Menschen erschossen haben. Zwei Kontexte, ein Wort, eine gewisse… sagen wir: semantische Nähe. Nein, darüber lasse ich mich diesen Monat nicht aus, weil ich keine Details kenne. Auch nicht über Davos, Grönland oder andere Dinge, die man mittlerweile eher erträgt als diskutiert.

Mich beschäftigt etwas Kleineres. Es ist auch eigentlich eher etwas Alltägliches. Etwas, das mir in den letzten Tagen hier – in einer süddeutschen Großstadt – immer wieder begegnet ist. Das ich eben oben mit „sozial nicht kompatibel“ beschrieben habe. Ob das mich betrifft oder die anderen? Natürlich beide. Aber lassen wir das Euch, die Leser beurteilen.

Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich gerade sammeln darf. Dazu gehört allerdings auch etwas, das ich eher unter „notwendiges Übel“ verbuche: das Leben im Hotel. Zehn Tage lang. Amerikanische Kette, internationales Publikum. Im Frühstücksraum trifft sich die Welt: Deutsche Familien und Geschäftsleute, angloamerikanische Gesprächslautstärke, spanisch anmutende Menschen, asiatische Reisende, osteuropäische Touristen, arabische Eindrücke – zumindest meiner laienhaften Wahrnehmung nach.

Spannend. Wirklich! Und doch drängt sich eine Frage auf: Gibt es etwas, das sie alle verbindet? Schublade auf. Ja, rein mit ihnen, zumindest mit vielen. Schublade zu. Beschriftung drauf „Geändertes Sozialverhalten“. Nicht falsch verstehen: Ich sage nicht, dass es schlechtes Sozialverhalten ist. Ich sage nur, dass es vielfach nicht mehr dem entspricht, was ich gelernt, erlebt und verinnerlicht habe. Es sind Kleinigkeiten. Aber Kleinigkeiten sind bekanntlich das Fundament jeder Zivilisation.

  • 07:00 Uhr, Fahrstuhl. Die Tür öffnet sich. Fünf Personen stehen bereits drin. Ich sage „Guten Morgen“. International kompatibel ausgesprochen, fast wie „good morning“ Niemand antwortet. Nicht einmal ein reflexhaftes Kopfnicken. Beeindruckend. Effizient. Wortlos. Und das zog sich durch die gesamte vergangene Woche.
  • 07:10 Uhr, Frühstücksraum. Ich stehe mit respektvollem Abstand vor dem Getränkeautomaten. Plötzlich schiebt sich jemand an mir vorbei, greift beherzt zu. Offenbar herrscht akute Saftknappheit. Muss ich mir merken – oder doch nicht. . Nee, eigentlich nicht, weil ich auch das mehrfach in der Woche in ähnlicher Form erlebt habe.
  • Anderer Tag, gleiche Uhrzeit. Brötchenstation. Abstand? Geduld? Fehlanzeige. Ein Arm schießt zwischen mir und dem Backwarenangebot hindurch, als ginge es um die letzte Rettungsinsel. Man weiß ja nie, ob die gefühlt 50 Brötchen nicht gleich verschwinden. Oder wollte man nur Körperkontakt zu mir? Ich weiss es nicht. Noch ein Beispiel? Gern:
  • 5. Etage. Fahrstuhltür öffnet sich. Ich will sichtbar aussteigen. Eine Mutter mit Kind steht davor. Zur Seite gehen? Schwierig. Das Kind drängelt sich an mir vorbei in den Fahrstuhl. Die Mutter? Unbeeindruckt. Wo lernen Kinder Sozialverhalten? Dieses hier vermutlich nicht hier.
  • Ein weiterer Morgen. Wieder Fahrstuhl. Wieder 5. Etage. Eine junge Frau steigt ein. Kein Wort. Kein Blick. Halt – das stimmt nicht ganz. Der Blick ist da. Er gilt dem Smartphone. Wie bei etwa 90 % der Menschen, die mir diese Woche im Fahrstuhl begegnet sind.

Das Handy – der moderne Sklaventreiber. Fast so unerbittlich wie Ames in Roots, der Aufseher auf der Plantage der Familie Reynolds. Und sind wir nicht, bei allen Vorteilen, längst Leibeigene der digitalen Oligopole namens Meta, X, Apple, Google und Konsorten? Menschen sitzen am Frühstückstisch, In-Ear-Kopfhörer im Ohr, Blick aufs Display – sozial nicht ansprechbar. Und das ist kein Hotelphänomen. Auch im Nobelkaufhaus dieser Stadt beobachte ich Ähnliches. Nur dass das Publikum dort zusätzlich noch einen arroganten, überheblichen und dekandenteren Eindruck bei mir hinterlassen hat. Genau wie die beiden Herren und Damen, die am Nebentisch in unserem Restaurant offensichtlich ein Date hatten. Wir hätten mehr geredet, als wir jung waren und in die Augen der Dame und nicht die des iPhones geschaut.

Daher die Fragen: Wo ist der Blick? Wo der kurze Austausch? Wo die Kinderstube, die ich aus meiner Kultur kenne?

All das liegt in meiner Schublade „Geändertes Sozialverhalten“. Und ja – ich bin mir bewusst, dass ich damit vielen Unrecht tue. Da ist die Dame, die mich völlig unbegründet fragt, ob sie sich vorgedrängelt habe. Hat sie nicht. Vielleicht wollte sie ja nur ein Gespräch? Nun, hat sie bekommen. Oder der Herr an der Aufschnitt-Theke, der mich vorlassen will, obwohl er zuerst da war. Eine Loriot-reife Szene, bei der jeder dem anderen den Vortritt geben wollte, schloss sich an und endete mit einem Lächeln. Oder die drei Jugendlichen, die sich bedanken, als wir sie beim Spaziergang vorbeilassen. Das passt alles nicht in die Schublade. Und zum Glück gibt es das auch noch. Oft.

Trotzdem nehme ich die andere Schublade immer stärker wahr. Liegt es an mir? Werde ich unflexibel? Oder verändert sich das Miteinander wirklich so rasant? Gab es früher auch schon diese provokante Gehsteig-Besetzung durch Gruppen junger Menschen – man nannte sie damals „Halbstarke“, die mich daran vorbeizwängen zwang? Provokation, Ausprobieren? Oder schlicht Veränderung der Kultur? Fuhren früher so viele Menschen mit hochmotorisierten Fahrzeugen derart rücksichtslos durch Stadt und Land? Vorgesten sah ich alleine, dass der eine Mensch sich sputen musste, die Straße zu verlassen, so dass er noch nicht einmal vom Windzug umgeschmissen wird ? War das immer schon normal? In der Großstadt? In der Provinz, in der ich lebe?

Ich weiss es nicht. Ich glaube jedoch nicht. Ich will das alles gar nicht bewerten. Ich stelle nur fest: Ich nehme Veränderungen wahr. In der Häufigkeit. In der Konsequenz. In der Geschwindigkeit. Oder ich nehme sie heute anders wahr.

Was kann ich tun? Eigentlich: nichts. Ich kann die Menschen nicht verändern. Zumindest nicht die, die ich hier beschreibe. Aber ich habe etwas getan – dort, wo ich Einfluss hatte. Und darauf bin ich stolz. Ich schaue auf unsere Kinder. Ja, auch sie leben teilweise auch auf der Plantage der Familie Reynolds und kennen Ames. Ihr wisst schon, diese oben beschriebenen mobilen Begleiter, die ggf. nichts Gutes von uns wollen. Aber unsere Kinder und Ekelkinder und Verwandten haben ein anderes Sozialverhalten. Und sie geben es weiter. Das freut mich sehr. Also beginne ich dieses Jahr mit einem positiven Gedanken: Ich habe meiner Umgebung – den Menschen, die mir wichtig sind – einen kleinen Stempel aufdrücken können. Fußabdrücke hinterlassen. Im Kleinen etwas zum Guten entwickelt.

Ob das reicht für eine scheinbar egoistischere, unsozialere Welt? Vermutlich nicht. Aber ich bin dankbar, dass mir dieser erste Monat – und nicht zuletzt diese für meine Verhältnisse etwas längere Dienstreise – vor Augen geführt hat, dass nichts davon selbstverständlich ist: nicht meine Freunde, nicht meine Familie, nicht unsere Kinder und Enkelkinder. Hoffen wir also, dass auch sie noch in einer sozialen Welt leben können. In einer Welt, in der Sozialsein nicht als Schwäche gilt, sondern als zivilisatorische Errungenschaft. Denn eine soziale Welt ist keine romantische Idee aus besseren Zeiten, sie ist ein funktionierendes System. Sie entsteht dort, wo Menschen sich sehen, wo Rücksicht nicht als Zeitverlust empfunden wird und Höflichkeit nicht als überflüssiges Relikt. Eine soziale Welt ist leise. Sie braucht keine Regeln auf Schildern, keine Mahnungen in Laufbändern. Sie lebt von Selbstverständlichkeit.

Warum ist sie gut? Weil sie Vertrauen schafft. Weil sie das Leben einfacher macht – nicht komplizierter. In einer sozialen Welt muss ich nicht permanent auf der Hut sein, nicht kämpfen um den Platz im Fahrstuhl, das Brötchen oder die Vorfahrt. Ich kann davon ausgehen, dass der andere mich wahrnimmt. Und allein diese Annahme macht etwas mit uns Menschen: Sie entspannt. Warum ist eine soziale Welt notwendig? Weil Gesellschaft ohne sozialen Kitt zur bloßen Ansammlung von Einzelinteressen wird. Weil Kooperation ohne Mindestmaß an Rücksicht nicht funktioniert. Und weil eine Welt, in der jeder zuerst an sich denkt, am Ende für alle anstrengender wird – auch für jene, die sich gerade vorne wähnen.

Wie sähe jedoch eine unsozialere Welt aus? Sie ist lauter, hektischer, rücksichtsloser. Sie kennt viele Gewinner, aber kaum Gemeinschaft. Sie produziert Misstrauen, Aggression und das Gefühl, ständig zu kurz zu kommen. In ihr schaut man lieber aufs Handy als ins Gesicht, lieber auf den eigenen Vorteil als auf das gemeinsame Ganze. Und man sieht sie heute -heißt nicht nur in den vergangenen 4 Wochen- bereits: Im Straßenverkehr, in der öffentlichen Debatte, im Umgangston, im politischen Vorbild. Überall dort, wo Lautstärke mit Stärke verwechselt wird und Egoismus als Durchsetzungsfähigkeit gilt.

Wollen wir das? Wollen wir eine Welt, in der wir ständig schneller sein müssen als der andere, härter, kompromissloser? Oder wollen wir eine, in der wir uns – zumindest im Kleinen – wieder als Teil eines Ganzen begreifen? Ich weiß, was ich mir wünsche und weiß, dass es nicht egal ist, wie wir uns verhalten. Nicht im Fahrstuhl, nicht am Frühstücksbuffet, nicht im Alltag. Denn soziale Welten entstehen nicht durch große Programme oder wohlklingende Reden. Sie entstehen durch Millionen kleiner Entscheidungen. Jeden Tag. Von jedem Einzelnen. Und vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses Monats: Dass das, was uns Menschen ausmacht, nicht selbstverständlich ist. Dass es gepflegt, weitergegeben und verteidigt werden muss – leise, beharrlich, im Alltag. Damit unsere Kinder und Enkelkinder nicht eines Tages feststellen müssen, dass sie alles hatten. Sogar einen dem Weg in die soziale Tiefgarage und somit kein Miteinander mehr. Doch auf das Letzte können wir wohl verzichten