Wer bei dieser Überschrift spontan an die Aktivitäten unserer geschätzten Volksvertreter denkt, liegt vielleicht nicht völlig daneben. Aber keine Sorge – heute geht es nicht um politische Ausbeutung, sondern um echte Raubritter. Also jene mittelalterlichen Adligen, die Reisenden gerne die Reisekasse erleichterten und dabei vermutlich ähnlich charmant waren wie ein schlecht gelaunter Bundeskanzler. Und obwohl ich als politisch interessierter Mensch mittlerweile regelmäßig erschrocken bin von Hiobsbotschaften, Besserwisserei und pädagogischen Belehrungen aus Regierungskreisen, soll es heute ausnahmsweise nicht um Politik gehen. Auch wenn der Gedanke, wer eigentlich der Souverän ist, durchaus ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch wert wäre. Aber gut – Schwamm drüber.
Heute geht es um etwas viel Wichtigeres: Claudia, mich und eine Mountainbiketour, die mir alles abverlangt hat. Denn heute haben sich Claudia und ich auf die Matscher Raubritter Mountainbiketour begeben. Und darüber möchte ich im Folgenden berichten. Doch zuerst ein kleiner Wissenshappen, was Raubritter überhaupt sind: Raubritter waren Adlige im Mittelalter, die oft Kaufleute und Reisende überfielen. Dabei plünderten Sie Waren, verlangten Lösegeld und erhoben oft unerlaubte Zölle auf Straßen und Flüssen. Kurz, sie nahmen sich von anderen, was sie wollten.
Und wo wir schon im Mittelalter angekommen sind, mag ein kurzer geschichtlicher Einschub erlaubt sein. Hier in der Gegend Mals, Schluderns, d.h. dort, wo wir uns gerade befinden, gab es im 13. Jahrhundert auch ein Adelsgeschlecht. Und zwar das der Herren von Matsch. Innerhalb der Familie kam es wiederholt zu heftigen Erb- und Machtstreitigkeiten – unter anderem zwischen Ulrich von Matsch und seinem Bruder. Na, wenn der Name nicht geil in dem Zusammenhang ist. Diese Fehden führten zu Überfällen, Belagerungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen, wie sie im Mittelalter üblich waren. Auch mit dem Bischof in Chur waren sie verstritten. Und so hat dieser Bischof im 13. Jahrhundert als Gegenburg zu der Burg der mächtigen Herren von Matsch die Churburg errichtet. Später gelangte die Burg selbst in ihren Besitz der Herren von Matsch.
Die Herren von Matsch betrieben zwar weniger Straßenraub, trotzdem werden einzelne Mitglieder der Familie in der regionalen Überlieferung manchmal mit dem Raubrittertum in Verbindung gebracht. So, jetzt habt ihr auch etwas von Ulrich von Matsch und dem Raubrittertum erfahren und seid vorzüglich gerüstet, die nächsten Zeilen zu verstehen.
Also zurück zur Mountainbiketour der Matscher Raubritter. Warum die Tour so heisst, erschloss sich uns gestern nicht, als wir nach zwei anstrengenden Wandertagen entschieden, es etwas gemächlicher anzugehen und heute einen Mountainbiketag einzulegen. Und ich sage Euch: Heute wissen wir, warum die -eigentlich einfache- knapp 50 Kilometer lange und knapp 1500 Höhenmeter umfassende Tour den Matscher Raubrittern gewidmet ist. Und ihr werdet es auch gleich verstehen. Fangen wir mal wieder von vorne an.
Das Wetter sollte heute etwas bedeckter sein. Nicht ganz so warm, eben bedeckt und weniger Sonne. Die Wetterapps sprachen von niedrigen Wolken, nebligem Boden und moderaten Temperaturen. Nun denn, genau das richtige für eine schöne Mountainbikerunde, die pünktlich um 10 Uhr an unserem Hotel, dem Glieshof im Matschertal begann.

Es könnte sein, dass das ein Fehler war. Denn die Tour beginnt eigentlich am Bahnhof in Mals Und so überwindet man dann die ersten 1000 Höhenmeter, wenn man noch fit ist und wenn es morgens noch kühler ist. Doch nicht bei uns. Wie gesagt, begannen wir auf der Hälfte der Tour, nämlich bei der Abfahrt. Nach ca 60 Metern ging meine Schaltung nicht mehr. Kunststück, fehlte doch das Akku für das Schaltwerk. Also schnell mein Ersatzakku aus dem Rucksack eingebaut und los ging es. Man könnte auf die Idee kommen, dass der Geist der Raubritter aus Matsch schon bei der Abfahrt tätig war und mich 60 Meter hinter unserem Hotel schon um meinen Akkus erleichtert haben. Und das war erst der Anfang.
In frischer Morgenluft ging es bergab, mal wieder etwas bergauf und wir erfreuten uns der klaren Luft, der schönen Natur und später auch den tollen Einblicken runter in das Vinschgau. Der Ortler vor uns war etwas im Dunst – siehe obige Aussicht der Wetterapps.

Unserer Freude tat das keinen Abbruch, denn wir hatten gestern, auf unserer zweiten nicht unanstrengenden Wanderung ja schon vielfache Blicke auf den höchsten Berg der Ostalpen geworfen.
Ein kleiner S1 Trail, der bergauf ging und recht schmal war, zwang uns zum Schieben.

D.h. ich war ganz Gentleman und schob das Rad meiner lieben Claudia. Man weiss ja schließlich was sich gehört.

Nun ging es weiter durch Wälder auf Waldwegen, bis Claudia Marmorsteine entdeckte. Nun, es waren nicht so viele, wie ich im letzten Jahr auf dieser Tour, aber es war Marmor in nicht geringer Menge. Ich hatte keinen Blick dafür, bin ja selber schon auf Marmor geradelt, und genoss somit eher den Blick ins Vinschgau.

Und nachdem wir noch einen außergewöhnlichen Bienenstock / oder -stöcke gesehen hatten, ging es nach einer weiteren Steigung über knapp 100 Höhenmeter irgendwann bergab.

Zuerst auf Forstwegen, dann leider auf Asphalt. Die Höhenmeter wurden recht fix verbrannt. Und trotz vieler Fotostopps erreichten wir Schluderns nach knapp 2 Stunden. Wir wollten ja entspannen ;-). Ist uns bis hierhin auch gut gelungen.
Hier gab es auch den zweiten Kontakt mit den Raubrittern. Die Churburg, ein wahrlich schönes Exemplar von Bauwerk trohnte majestätisch über der Ortschaft. Und man spürte förmlich, wie die Raubritter von hier aus ihrem dunklen Verließ überlegten, wen sie heute ausnehmen könnten.

Wir genossen die Durchfahrt durch die kleinen Gassen des Ortes, um nachfolgend unter der Staatsstrasse 40 in Richtung Etschdamm zu radeln. Dort, wo der Radweg aus Richtung Reschen bis weit hinter Meran führt. Und auch wir fuhren den Damm entlang. Die dahin rauschende Etsch kühlte die Luft ein wenig. Es ging tendenziell bergauf. In Glurns, jenem schönen mittelalterlichen Städtchen, das von einer beeindruckenden Stadtmauer umgeben ist, ließen wir das Stadttor rechts liegen. Sicherheitshalber, man weiß ja nie, ob die Raubritter dort Eintritt verlangen.
Statt dessen hielten wir bei einer holden Magd aus der regionalen Apfelanbau-Genossenschaft, die ihre Produkte pfeil bot, an. Apple-Break nennt man das wohl neudeutsch.

Cosmic Crisp, so hieß der sehr saftige, knackige Apfel, der auch großzellig sein soll. Mir egal, ich verkostete den Apfel und er schmeckte richtig gut. Zwei Exemplare wurden uns nach einem tollen Gespräch über Gott und die Welt geschenkt und wir verstauten sie recht schnell in den Rucksäcken, damit uns die möglichen Raubritter nicht die Äpfel stehlen konnten. So ging es mit schon etwas geleerter Trinkblase (ja, hier unten im Vinschgau war es mindestens 10 Grad wärmer als oben im Matschertal) und einem saftigen Apfel weiter flussaufwärts in Richtung Mals. Rechtsseitig sahen wir noch die Bunkeranlage in Laatsch, die aus dem 2. Weltkrieg stammte.

Auch hierüber gäbe es in Zeiten der Kriegstüchtigkeit einiges zu schreiben und zu denken. Doch lassen wir das und beschreiben, wie wir ratz fatz rechtsseitig abbogen, um am Bahnhof in Mals den eigentlichen Start der Raubrittertour zu beginnen. Heisst: Das Navi musste noch einmal die Route starten.
Von nun an ging es bergauf. Die Sonne brannte unbarmherzig, sobald man den Schatten verließ.

Und hier kam nun die Zeit der Raubritter. Deren Geist, der wahrscheinlich schon seit dem Aussterben von Ullrich von Matsch und seinen Gesellen hier sein Unwesen treibt, schlug gnadenlos zu.
Doch diesmal nicht mit Schwert und Pferd, das können Geister ja nicht. Nein, die Geister schickten ein hochspezialisiertes medizinischen Überfallkommando. Während des Anstiegs, der in praller Sonne auf einem Schotterweg begann, haben sie mir kurzerhand den Blutzucker (Glukose) aus dem System geraubt und wahrscheinlich eine ausgewachsene Hypoglykämie hinterlassen. Meine Energiereserven wurden geplündert, die Muskulatur meldete den Dienst nach Vorschrift ab und die Beine wechselten in den Modus „energiesparende Notabschaltung“. Als Nächstes entwendeten die finsteren Gesellen meine Flüssigkeitsreserven. Durch massives Schwitzen entwickelte sich eine Dehydratation mit drohendem Volumenmangel – mein Kreislauf suchte verzweifelt nach Wasser, das die Raubritter offensichtlich auf ihrer Burg eingelagert hatten. Gleichzeitig verschwanden auch wichtige Mineralstoffe wie Magnesium und Kalium, wodurch die neuromuskuläre Versorgung ins Wanken geriet: Die Muskeln bekamen die Anweisung „treten“, antworteten aber nur noch mit einem müden „wir prüfen das später“.
Doch die Plünderung war noch nicht beendet. Die Sonne schickte ihre Hitzearmee vom Himmel, während die Raubritter auch noch die körpereigene Kühlung entführten. Ergebnis: Verdacht auf Hyperthermie mit möglicher Hitzeerschöpfung und einer persönlichen Einladung zum Sonnenstich. Mein Thermoregulationssystem lief im roten Bereich, während die innere Klimaanlage offenbar von den Raubrittern abgeschaltet worden war.
Auch der Sauerstofftransport zu den Muskeln wurde zur Zielscheibe: Die Beine verlangten nach mehr Sauerstoffversorgung, die Leistungsfähigkeit sank und das Gehirn schaltete auf reduzierten Betrieb. Eine gefühlte Belastungshypoxie machte sich breit – nicht weil die Luft verschwunden war, sondern weil Kreislauf, Flüssigkeitshaushalt und Energieversorgung gemeinsam beschlossen hatten, in den Streik zu treten.
Am Ende saß ich also auf meinem Fahrrad – beraubt von Glukose, Wasser, Elektrolyten, Kühlung und Leistungsfähigkeit. Die Raubritter hatten eine komplette multifaktorielle physiologische Krisensituation hinterlassen: eine Kombination aus Dehydratation, Hypoglykämie, Elektrolytdefizit, Hyperthermieverdacht, Kreislaufinsuffizienz und muskulärer Erschöpfung. Das Ergebnis zeigte sich an einer cruden Idee. Ich legte mein Fahrrad auf einen Lastenschlitten und wollte warten, bis genug Schnee da ist, um zurück ins Tal zu fahren.

Kurz gesagt: Die Raubritter haben nicht nur meine Wegzehrung gestohlen – sie haben mein gesamtes inneres Versorgungssystem geplündert und mich mit einer mittelalterlich-modernen Diagnose zurückgelassen: „Akutes Fahrradfahrer-Syndrom nach vollständiger metabolischer und thermischer Plünderung.“
Wie geht man damit als erfahrener Mountainbike-Guide um? Nun, man macht als erstes ein Foto von einem Kreuz und bittet den Herrn von ganzem Herzen um Unterstützung.

Und dann sagt man seiner Radpartnerin „Lass uns mal schieben“, „Ich muss mal ne kleine Pause im Schatten machen“, „Jetzt esse ich mal den Apfel“, „Ich muss aus meiner Trinkblase trinken, fahr Du schon mal vor“. Und so schob ich, fuhr, machte Pause, legte mich hin, kühlte im Schatten ab und war stinksauer.



So schlecht bin ich noch nie Fahrrad gefahren. Die mehreren Hundert Höhenmeter hätte ich vor einem Jahr noch auf der linken Pobacke abgefahren. Meine Laune war sicher nicht die beste. Und wer war Schuld? Claudia? Nein, dieser Schatz hat mich immer wieder motiviert, weiter zu fahren und mit klugen Maßnahmen (Sprich Pausen im Schatten) den Raubrittern einen Streich zu spielen. Nun, das hätte ich ja auch prophylaktisch machen können. Wir hätten die Energiereserven bei einer Pause in Mals, Glurns auffüllen können. Wir hätten die Muskeln durch die Pause auch etwas entspannen können (wollten wir ja im Urlaub). Ich hätte auch meine Trinkblase, die ich in Mals an einem Brunnen des Altersheimes (ja, so fühlte ich mich heute teilweise) wieder gefüllt habe, regelmäßiger leeren können. Aber ich tat es nicht.

Dummheit wird bestraft und so hatte ich wirklich schon schönere Mountainbiketouren in meinem Leben. Vor allen Dingen schnellere. Ich hatte gar nicht mehr den Blick für die Natur, sondern kämpfte und kämpfte. Und mit mir meiner Supporterin Claudia, die gute Seele, die letztlich mit Motivationskünsten, die Emil Rakelbrand oder wie die ganzen anderen Scharlatane auch heißen, in den Schatten stellen kann. Ja, der Schatten, den ich heute mehrfach benötigte.
Aber es war auch schön. Wir hatten immer wieder wunderbare Ausblicke ins Vinschgau. Und die Tour hat uns zusammengeschweißt, auch wenn ich heute sicher nicht der beste Gesprächspartner war. Also bin ich dankbar für die Tour, denn sie war etwas besonderes. Sie war langsam, zeigte mir, woran ich wieder arbeiten muss (ja, auch an Kraft, Kondition und Ausdauer sowie besserer Planung). Und sie zeigte, dass ich heute die beste Begleiterin bei mir hatte. Trotz der heutigen Belastungen haben wir es genossen, und haben uns daran erfreut, diese Mountainbiketour hoch über dem Vinschgau gemeinsam gefahren zu sein.

Ja und auch trotz der ggf. etwas negativ interpretierbaren Ausführungen oben, ist festzuhalten, dass der Humor bei uns nicht auf der Strecke blieb. Denn irgendwelche lustigen Zeitgenossen hatten eine Skulptur im Wald hinterlassen, die irgendwie meinen heutigen Zustand darstellte. Kaputt und von den räuberischen Tätigkeiten der Raubritter gebeugt. Und so konnte ich Claudia auch noch zeigen, wie ich Modell für die Skulptur gestanden habe.

Kurz vor Matsch ging mir allerdings die letzte Kraft komplett aus. Da half auch der Humor nicht mehr. Ich setzte mich auf eine Bank und überlegte, was zu tun ist.

Die Schönheit des Ausblickes sah ich nicht mehr. Na ja, ich schaute ja auch nicht hin ;-). Aber meine Gedanken führten zu einem Plan. Und wer mich kennt, weiß, dass ich es liebe, wenn ein Plan funktioniert. Wir beschlossen, nur bis Matsch zu fahren und dort eine Brause im örtlichen Gasthof zu trinken. So konnte ich wenigstens den Zuckerhaushalt und auch den Flüssigkeitshaushalt wieder in ein besseres Niveau bringen. Die letzten 7 Kilometer in Richtung Hotel wollten wir nicht mehr fahren. Das wären eh nur noch Asphalt-Kilometer gewesen. Und so beendeten wir hier in Matsch, umgeben von hunderten von Fliegen (die ich angesichts meiner Dysfunktionalität meines Körpers gar nicht mehr spürte 😉) unsere Tour.
Morgen sind wir schlauer und werden nach 3 anstrengenden Tagen mal eine entspannte Zeit einlegen. So haben wir es uns vorgenommen. Das Wetter, unser Alter und die Erfahrungen von heute sollten genug motivieren.
Zum Schluß noch ein Gedanke: Ich glaube, dass ich die Tour hätte besser aussuchen oder einplanen sollen. Nach zwei anstrengenden Wanderungen eine Mountainbiketour, die in großer Hitze häufig in der Sonne stattfand, hätte man nicht unbedingt machen müssen. Insbesondere nicht, wenn man in diesem Jahr kaum Fahrrad gefahren ist. Aber wir haben die Tour gewählt. Und man kriegt ja in der Regel, was man bestellt. Und da schließt sich der Kreis zum ersten Absatz. Das ist ja auch in der Politik so: Man bekommt was man wählt. Und letztlich zeigt sich das (Aus)Gewählte nicht von der besten Seite. Man ist enttäuscht und aus einer schön anmutenden Radtour ist eine Tortur geworden. Und das Ergebnis einer demokratisch gut anmutenden Bundestagswahl könnte der geneigte Leser ggf. auch mit Raubrittertum verbinden. Wollen wir hier aber nicht. Und damit gute Nacht und bis zum nächsten Bericht nach der morgigen Pause.
