10.168 Tage – das sind fast 28 Jahre….Als ich diese Zahl das erste Mal ausgerechnet habe, musste ich erst einmal durchatmen. Denn genau so viele Tage ist es her, dass ich meinen allerersten Arbeitstag in diesem einen riesigen Konzern hatte – jenem Unternehmen, das (mit einer fünfjährigen Unterbrechung an der Ostfalia Hochschule) mein berufliches und persönliches Leben zutiefst geprägt hat. Es folgen aus diesem Anlass ungewöhnlich mehr Worte als Bilder. Soviel sei vorweg gewarnt.
Als ich 1998 hier anfing, standen auf den Schreibtischen noch klobige Röhrenmonitore. Das höchste IT-Sicherheitsrisiko bestand damals darin, dass ein Kollege sein Passwort auf ein gelbes Post-it schrieb und sanft an den Bildschirmrand klebte. Smartphones, MS Teams, Künstliche Intelligenz im heutigen Ausmaß – all das war damals noch Science-Fiction.
Und nun ist in 3 Tagen der Moment gekommen, an dem ich meinen Werksausweis abgebe und mich im Rahmen einer Altersregelung aus dem aktiven Arbeitsleben verabschiede. Eine atemberaubende technologische, gesellschaftliche und persönliche Reise nimmt die nächste Abzweigung: Ausfahrt „Abschied“ – oder, wie man in der IT sagen würde, ein „kontrollierter Shutdown“.
Zwischen Abschiedsschmerz und Freiheit
Ich gebe unumwunden zu: So ein Abschied ist emotional. Weit emotionaler, als ich es mir im Vorfeld vorgestellt hatte. Ich gehe mit einem lachenden und einem sehr feuchten weinenden Auge. Und ehrlich gesagt: Anders wäre es auch schlimm. Wenn es nicht so wäre, hätte ich in den letzten zwei Jahrzehnten wohl so einiges falsch gemacht. Wer so viel Zeit in einem Unternehmen verbringt und über 20 Jahre lang Seite an Seite mit geschätzten Kolleginnen und Kollegen arbeitet, lässt nicht einfach nur einen Job zurück. Er lässt Menschen zurück. Ein Stück Heimat, vielleicht sogar ein Stück Familie. Schließlich habe ich im wachen Zustand fast mehr Zeit hier verbracht als zu Hause. Was ich verlasse, ist vor allem die tägliche Gemeinschaft.
Wenn man sich für diesen Schritt entscheidet, verzichtet man freiwillig auf so manches: auf das ehrwürdige Nicken bei der Übergabe der Visitenkarte mit dem Firmenlogo, auf internationale Reisen (auch wenn man ja eigentlich nur Flughäfen, Restaurants, Hotels und Büros sieht) eine gewisse „Macht“ und auf liebgewonnene Privilegien – wie den exklusiven Zugang zu Informationen. Ich verzichte auf den direkten Kontakt zu wunderbaren, klugen und brillanten Menschen im Konzern und bei Geschäftspartnern weltweit. Mir werden die spontanen Plausche auf den Fluren fehlen, der tägliche Austausch mit meinem geschätzten Team – und nicht zuletzt ein Stück persönlicher Entfaltung und Sinnstiftung.
Warum jetzt?
Warum tue ich es also trotzdem? Ganz einfach: Weil niemand von uns weiß, wie viel Zeit uns auf dieser Welt bleibt. Und da mache ich keine Ausnahme.
In den letzten Jahren habe ich gespürt, wie sehr sich die Arbeitswelt verdichtet hat. Meine Begeisterung und meine Motivation wurden zunehmend vom Takt des digitalen Fließbands getrübt: E-Mails im Akkord – 70, 80, 90 am Tag waren keine Seltenheit. Nahtlose Meeting-Marathons und ein Terminkalender, den meine fantastische Sekretärin mit artistischem Geschick jonglieren musste, damit überhaupt noch Zeit für eine gesetzliche Pause, ein Durchatmen oder den Gang zur Toilette blieb. Diese permanente Belastung und die ständige Aufmerksamkeit, die mein Job mit sich brachte, fordern irgendwann ihren Tribut.
Ich wollte nicht mehr nach einem fremdbestimmten Kalender leben, sondern wieder nach meinem eigenen. Ich wollte das Tempo drosseln, Stunden reduzieren und mehr bei mir selbst ankommen. Das hat nichts mit dem vielzitierten Modewort „Work-Life-Balance“ zu tun – das Begriffspaar ist meines Erachtens ohnehin oft in Schieflage. Nein, es ist schlicht die Einsicht, dass das Älterwerden unerbittlich ist. Auch im Berufsleben werden die Regenerationsphasen länger – genau wie im Sport. Und ohne echtes „Runterkommen“ geht es irgendwann nicht mehr. Und so bin ich glücklich, dass ich dieses frühere „nach Hause gehen“ schon vor vielen vielen Jahren geplant und dann auch vorbereitet habe.
Die immer offene Tür
Nun stehe ich also hier: drei Arbeitstage vor dem Tag, an dem ich Laptop und Telefon zurückgebe und meine Bürotür das letzte Mal schließe. Wobei Letzteres rein metaphorisch gemeint ist – denn meine Tür stand eigentlich immer offen. Offen für Kolleginnen und Kollegen, die Hilfe brauchten, die eine Entscheidung hinterfragen wollten oder selbst Rat suchten. Oder für alle, die einfach nur einmal das Herz ausschütten oder einen spontanen TROG machen wollten – einen „Technischen Rundgang Ohne Grund“ 😉.
Wenn ich zurückblicke, tue ich das mit großem Stolz – aber vor allem mit unendlicher Dankbarkeit. Meine Arbeit hat mir über all die Jahrzehnte unglaublichen Spaß gemacht. Ich durfte eine Entwicklung nehmen, die ich mir vor 30 Jahren nicht hätte träumen lassen: Vom neugierigen Einsteiger bis hin zur Führungskraft und internationalen Manager mit großer Verantwortung. Dass meine Laufbahn dabei nie einer ausgefeilten, strategischen Karriereplanung entsprungen ist, mag verwundern. Die Wahrheit ist: Es war eine wilde Mischung aus Neugier, glücklichem Zufall, eigener Leistung und Fachwissen – kombiniert mit meiner unnachahmlichen Fähigkeit, laut „Ja!“ zu rufen, noch bevor ich wusste, worauf ich mich da überhaupt einlasse!
Ich durfte entscheidende Themen prägen und meinen Teil zum Erfolg beitragen. Doch das Schönste daran war nie die Hierarchie. Die meisten von euch wissen, dass ich das Wort „Chef“ nicht besonders mag und mir Hierarchien im Alltag stets herzlich egal waren – außer vielleicht in echten Notfällen. Das Wertvollste war für mich die Chance, Menschen weltweit kennenzulernen, von ihnen zu lernen und mich gemeinsam mit ihnen weiterzuentwickeln. Und was mir ganz besondere Freude gemacht hat: Tolle Menschen zu fördern, Nachwuchskräfte wachsen zu sehen und Teams aufzubauen, die felsenfest zusammenhalten.
Dabei war es völlig gleichgültig, woher jemand kam, für welches Unternehmen er arbeitete, was er konnte oder wie er ausah. Es war immer primär die Haltung, die stimmen musste – alles andere lässt sich entwickeln. Für mich hat sich über die Jahre eine tiefe Überzeugung verfestigt: Ich begegne jedem Menschen mit Respekt – völlig unabhängig von Religion, Hautfarbe, Kultur oder Hintergrund. Denn echter Erfolg, gelungene Zusammenarbeit und ein gutes Miteinander funktionieren niemals im Alleingang. Sie gelingen nur gemeinsam: auf der Basis geteilter Werte und klarer Ziele.
Ein Blick ins Seelenleben
Lasst mich euch noch ein wenig an meinem Seelenleben teilhaben. In den letzten Tagen habe ich viele intensive Gespräche geführt: mit ehemaligen Wegbegleitern und mit den Mitgliedern meines jetzigen Teams. Und damit meine ich nicht nur die sogenannten „Direktberichtenden“, wie es in Großkonzernen so schön bürokratisch heißt, sondern alle – bis hin zum Werkstudenten. Was ich in diesen Momenten zurückbekommen habe, lässt sich mit Geld nicht aufwiegen: tiefe Wertschätzung und ehrliche Dankbarkeit.
Da fiel sogar das Wort „Legende“. Ich habe zur Sicherheit noch einmal im Duden nachgeschlagen:
„Legende: Person oder Sache, die so bekannt geworden ist, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben.“
Nun, diese Legenden würde ich zu gerne mal hören! Oder:
„Legende: außergewöhnliche, sehr bewunderte Persönlichkeit, die wegen ihrer Taten unvergessen bleibt.“
Hört sich gut an. Aber bin ich das wirklich? Wann werde ich vergessen sein? Wann mein Handeln? Oder habe ich doch das ein oder andere Pflänzchen gepflanzt? Ein sehr geschätzter Kollege sagte mir, er würde für mich sogar bis zur Rente arbeiten, andere, dass ich eine riesige Lücke hinterlasse. Das ist mir fast schon ein wenig unangenehm. Natürlich freue ich mich riesig darüber – auch wenn es manchmal schwerfällt, solche Zuschreibungen mit meiner persönlichen inneren Bescheidenheit in Einklang zu bringen. Aber es berührt mich zutiefst. Denn es zeigt das, was mir im Leben immer am wichtigsten war: Menschlichkeit und Wertschätzung. Selbst wenn es in manchen Diskussionen hart zur Sache ging, um das durchzusetzen, was ich für richtig hielt. Ich bin unendlich dankbar für dieses Feedback. Es wird mich emotional noch sehr lange tragen.
Das neue Lebensprogramm
Ein fantastisches, erfolgreiches Arbeitsleben im Konzern liegt hinter mir. Dafür danke ich allen, die Teil dieser Reise waren.
Und wer mich kennt, weiß natürlich: Ruhelos Däumchen drehen werde ich auch in Zukunft ganz sicher nicht. Ich glaube, ich kann das auch gar nicht. Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben und weiterhin ein aktiver, wertvoller Teil unserer Gemeinschaft bleiben.
Mein neues „Lebensprogramm“ braucht weder Planungsrunden und Budgetfreigaben noch Lenkungskreise, Eskalationen, komplizierte Freigabeprozesse oder Pflichtunterweisungen. Es wird angetrieben von reiner Herzensmotivation:
- Engagement für die Kleinsten: Ich unterstütze ehrenamtlich Schulkinder an der Grundschule in Oker. Für viele dieser Kinder findet das Leben nicht nur auf der Sonnenseite statt. Doch hinter all den Herausforderungen, die sie schon meistern müssen, steckt ein wahrer Schatz, den es zu heben gilt. Ich versuche das über meine Musik-AG im Ganztagsprogramm. Denn Musik verbindet, schenkt Selbstbewusstsein und stärkt die Gemeinschaft – ganz egal, woher man kommt oder was in den sozialen Medien gepostet wird. Das ist in unseren polarisierenden Zeiten wichtiger denn je.
- Familienunterstützung: Ich greife meinem Sohn bei Kohls-Energie unter die Arme. Wie die meisten wissen, hat er sich Anfang des Jahres mit seinem eigenen Elektro-Fachbetrieb selbstständig gemacht. Vier Hände packen mehr an als zwei – und manchmal braucht es eben doch noch etwas handwerkliche Verstärkung (einen ersten gemeinsamen Auftrag haben wir schon!). Zudem tüfteln zwei Köpfe bekanntlich besser an klugen Lösungen als einer. Ich freue mich darauf, Oskar auf seinem Weg zum Unternehmenserfolg zu begleiten.
- Neue Perspektiven im Sattel: Ich werde die Welt wieder intensiver auf dem Fahrrad erkunden – am liebsten in der Natur des Harzes. Aber auch ausgedehnte Radtouren stehen auf dem Plan: auf Fontanes Spuren durch Brandenburg, bei einer geplanten Transalp von der Ostsee zum Comer See oder auf Entdeckungstour durch schöne Städte und meine Heimatstadt. Geschichte und Natur vom Sattel aus erleben und das Gelernte mit anderen teilen – ab dem 1. Dezember lüfte ich ein Geheimnis dazu auf harzerfahren.de.
- Musikalische Zwischentöne: Und schließlich werde ich meine liebe Ehefrau – und hoffentlich später auch ein breiteres Publikum – wieder mit Musik erfreuen. Die Klavierfinger müssen entrostet werden, und die ersten dreckig-jazzigen Töne auf meinem Saxophon warten darauf, perfektioniert zu werden. Jetzt muss ich hierfür nur wieder die ersten Terminvereinbarungen mit meinem Saxophonlehrer machen.
Wie es mein lieber Freund Frank mit Unterstützung von KI zum Ausdruck brachte:

Ihr seht: Langweilig wird es mir garantiert nicht. Ich blicke voller Vorfreude auf all diese neuen Pläne und bin gespannt, was davon ich in die Tat umsetzen darf – immer vorausgesetzt, dass die Gesundheit mitspielt.
Der Schlussakkord
Noch einmal zurück zu meinen letzten drei Arbeitstagen im Konzern: Ein solcher Weg ist niemals eine Einzelleistung. Mein Erfolg ist nicht mein alleiniger Verdienst – er ist eine Teamleistung. Es ist unser gemeinsamer Weg mit allen Erfolgen (und auch den gelegentlichen Rückschlägen). Ein Führungskraft-Dasein bedeutet nach meiner Erfahrung einfach, ein Teammitglied mit besonderen Aufgaben zu sein: Geld organisieren, Aufträge ranholen, Impulse geben, Steuern, Hürden abbauen, Menschen fördern und unterstützen und auch mal die Schulter zum „ausheulen“ sein . Nicht mehr und nicht weniger.
Mein tiefster Dank gilt daher all meinen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern, Mentoren sowie Kolleginnen und Kollegen über alle Hierarchieebenen hinweg. Danke für das Vertrauen, für die großartige Zusammenarbeit, für das gemeinsame Lachen und das verlässliche Anpacken in schwierigen Zeiten. Und danke für den unvergesslichen Abschied, den ihr mir in der letzten Woche bereitet habt!
Der allergrößte Dank gehört jedoch meiner Frau und meinen Kindern. Sie haben mein unermüdliches berufliches Engagement über all die Jahre ertragen und mussten oft auf mich verzichten – auch in den Zeiten meines intensiven ehrenamtlichen Feuerwehrdienstes. Ich habe euch oft zu wenig Zeit geschenkt. Trotzdem – oder gerade deshalb – seid ihr mein allerschönster und größter Erfolg im Leben.
Nicht ihr habt mir zu danken, so wie ich das von netten Kollegen mit dem folgenden Bild ausgedrückt bekommen habe, sondern

sondern ich sage von Herzen:
