Nicht allein im Museum

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Wenn man wie ich tagtäglich IT absicherern lässt, Cyber-Bedrohungen analysiert und digitale Identitäten im Fokus hat, bewegt man sich in einer Welt aus absoluter Logik. Mein Alltag funktioniert in klaren Strukturen. Wenn ich mal abschalten will, schnappe ich mir mein Mountainbike und jage durch die Wälder des Harzes. Das wissen alle, die mich kennen. Kurzum: Ich bin ein rationaler Tech-Mensch mit starkem Hang zur Natur. Was ich keinesfalls bin, ein „Schöngeist“. Kunstgalerien gehörten bisher definitiv nicht zu meiner natürlichen Umgebung.

Und genau deshalb begann vor einigen Wochen ein ziemlich verrücktes Abenteuer, das mich ordentlich ins Schwitzen bringen sollte. Es war Mai, als mich die liebe Dori kontaktierte. Sie suchte für eine Veranstaltungsreihe im Goslarer Mönchehausmuseum eine ganz bestimmte Perspektive: Die Stimme von jemandem, der von der Kunstszene so weit entfernt ist wie ein der erste Nescape Browser von den heutigen Technologien. Sie wollte jemanden, der den Blick eines Digital-Experten mit einer großen Liebe zur Natur verbindet.

Ehe ich mich versah, hatte ich zugesagt, in vier Wochen einen Vortrag über die neue Video- und KI-Installation der Künstlerin Frances Scholz zu halten. Titel des Ganzen: „The Upson Girls“. Ich geriet angesichts meiner Zusage nicht in Panik, aber mich erfasste doch eine gewisse Nervosität. Normalerweise plane ich alles akribisch durch – egal ob ein wichtiges Firmenmeeting oder die nächste anspruchsvolle Radtour über die Alpenpässe. Ich brauche Fakten, Routen und Vorbereitung. Ich muss wissen, was auf mich zukommt. Also fing ich an, mich mit dem Thema Moderne Kunst per Google auseinander zusetzen (ja, ich hätte auch ein Buch lesen können). Ich las über Provokation, das Aufbrechen von Grenzen und konzeptuelle Widersprüche.

Meine Ehefrau Claudia beobachtete mein akribisches Treiben und gab mir den Rat, die Artikel, die mit Google über moderne Kunst ausgespuckt hat, wegzulegen und die visuellen Eindrücke einfach ohne Vorurteile auf mich wirken zu lassen. Aber versuch das mal als jemand, dessen Gehirn ständig im Analyse-Modus läuft!

Vier Wochen vor dem großen Tag stand ich schließlich in der Ausstellung. Und meine theoretische Vorbereitung? Völlig für die Katz. Ich begriff sofort, dass man Kunst nicht erlesen kann. Man muss sie erleben, quasi erfahren, wie ich meine Trails und Wege über die Alpen erfahre.

Besonders die digitale Wald-Installation namens „Earth Wall“ zog mich in ihren Bann und stieß mich gleichzeitig ab. Mithilfe von hochentwickelter künstlicher Intelligenz wurden hier virtuelle Landschaften generiert, in denen entwurzelte Bäume und schwebende Erdschichten durch den Raum glitten. Es war eine düstere, computergenerierte Scheinrealität, die temporär von einem tiefen, mechanischen Wummergeräusch untermalt wurde..

Dieses rhythmische Klopfen erinnerte mich sofort an das Hämmern meines eigenen Puls, wenn ich mich auf dem Fahrrad an extremen Steigungen völlig verausgabe. Doch im Museum spürte ich keine lebendige Natur, sondern die eiskalte Präsenz einer Rechenmaschine.

Als kritischer Zeitgeist fing ich sofort an, die Kehrseite der Medaille durchzurechnen: Diese flüssigen Bilderwelten verbrauchen bei der Erstellung Unmengen an Strom. Die Serverfarmen fressen die Ressourcen unserer Erde auf, während wir im Inneren eines historischen Fachwerkhauses sitzen und künstliche Bäume bewundern. Was für eine Ironie! Ich war fasziniert, aber auch irritiert. Wie sollte ich diese komplexen Gedanken verständlich rüberbringen, ohne wie ein weltfremder IT-Nerd zu wirken?

Gestern schlug dann die Stunde der Wahrheit. Ich hatte sogar eine private Feierei im Bekanntenkreis vorzeitig verlassen, weil mir diese Kunst-Präsentation so wichtig geworden war. Auf dem Weg zum Museum raste mein Puls. Würde das Publikum überhaupt verstehen, was ich als Kunstbanause in diesen abstrakten Bildern sieht? Würden die anwesenden Kunstliebhaber meine Perspektive ablehnen? Als ich schließlich vor den Gästen stand, verflog die Nervosität glücklicherweise mit den ersten Worten.

Ich sprach ganz offen über meine Skepsis, zog Parallelen zwischen unseren heutigen digitalen Datenspuren und den geheimnisvollen Namen der „Upson Girls“ und plädierte leidenschaftlich dafür, trotz aller KI-Begeisterung den Bezug zur realen Welt nicht zu verlieren. Ich forderte die Zuhörer auf, ihr eigenes, biologisches Gehirn zu nutzen, um die Lücken der Technologie mit menschlicher Wärme und echten Sinnen zu füllen.

Das Ergebnis war schlichtweg überwältigend. Nach dem Vortrag gab es nicht nur Applaus, sondern unglaublich viel Lob von allen Seiten. Die Besucher, Dori und die Museumsdirektoren spiegelten mir wider, wie erfrischend mein unkonventioneller, bodenständiger Blick auf die Digitalisierung der Kunst war.

Ich ging mit einem riesigen Lächeln nach Hause. Dieses Experiment hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, die eigene Komfortzone komplett zu verlassen. Wir müssen keine Kunstexperten sein, um ins Nachdenken zu geraten. Wichtig ist nur, dass wir neugierig bleiben, hinter die nächste Kurve blicken und mit beiden Beinen fest im echten Leben verwurzelt bleiben. Am Ende konnte diese Kunst-Pause absolut mit dem leckeren Geburtstagsbuffet konkurrieren, das ich ja links liegen ließ. Ob sie mit der Musik, meines Musiker-Freundes Rainer mithalten konnte – ich weiss es nicht, denn die hatte ich wg. meines Vortrags dann nicht mehr gehört.

Und wer meine Rede gerne nachlesen möchte, hier ist sie: