Gestört, aber geil

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Eigentlich wollte ich nie viel Aufhebens um Geburtstage machen.Schon gar nicht um runde Geburtstage. Und erst recht nicht um den Sechzigsten. Zahlen waren für mich immer nur Zahlen. Ob 39, 49 oder nun eben 60 – morgens tut das Aufstehen gleich weh, der Rücken knackt an denselben Stellen und beim Blick in den Spiegel sieht man ohnehin nur den Menschen, der man schon gestern war.

Und trotzdem. 60 Jahre. Da bleibt man kurz stehen.

Nicht weil man sich plötzlich alt fühlt. Sondern weil man merkt, dass inzwischen mehr Weg hinter einem liegt als vor einem. Irgendwo hinter dem nächsten Jahrzehnt wartet die Rente. Ein neuer Lebensabschnitt. Vielleicht der letzte große. Da darf man schon einmal nachdenken.

Die Frage war also: Große Feier? Freunde einladen. Feuerwehrkameraden. Kollegen. Familie. Oder etwas ganz anderes? Ich entschied mich für die Alternative: Pfingsten mit der Familie. Nicht irgendein Ort sollte es sein, sondern der Ort unserer schönsten Familienurlaube. Das Montafon. Unsere ganz persönliche Zeitmaschine.

Dorthin, wo Felix und Oskar in den Ferien groß geworden sind. Wo wir gelacht, gewandert, gespielt und Urlaub gelebt haben. Dorthin, wo Erinnerungen nicht in Fotoalben wohnen, sondern hinter jeder Kurve des Tales auf einen warten. Die Besetzung war schnell gefunden:

Claudia und ich, Oskar und Alicija, Felix (Alina musste arbeiten), Die Enkelkinder Mathilda, Luise und Runa. Meine Schwester Sabine. Und dann war da noch meine Mutter. Genauer gesagt: zunächst nicht. Mit fast 90 Jahren erschien mir das Montafon vielleicht nicht als der ideale Ort. Außerdem war ich in den vergangenen 60 Jahren bestimmt 20 Mal an meinem Geburtstag allein gewesen. Warum also sollte es diesmal anders sein?

Tja. Das war eine ausgesprochen schlechte Idee. Es folgten Diskussionen, Missverständnisse, Verletzungen und einige Telefonate, die man sich lieber spart. Am Ende war klar: Natürlich gehört meine Mutter dazu. Und rückblickend war das genau die richtige Entscheidung.

Also ging es los. Drei Fahrzeuge. Zehn Mitglieder der Familie Kohl. Und unterschiedliche Abfahrtszeiten, die sich auszahlten, oder auch nicht. Denn ungefähr halb Deutschland ebenfalls auf dem Weg in Richtung Süden. Ausgerechnet am Geburtstag meines ältesten Sohnes Felix. Was sollte da schon schiefgehen? Die Antwort lautet: Fast alles.

Während Mutter und Schwester bereits gegen 18 Uhr in Gargellen ankamen, erreichten Claudia und ich immerhin Bregenz. Immerhin. Dort sprinteten wir als letzte Kunden durch den Supermarkt. Die Kinder? Nun ja, die standen in einer Vollsperrung auf der A96. Irgendwo vor Lindau. Bewegungsgeschwindigkeit ungefähr vergleichbar mit einem Gletscher. Vielleicht sogar etwas langsamer.

Irgendwann saßen Claudia und ich im Auto und ich fragte mich ernsthaft, ob diese Geburtstagsidee möglicherweise kompletter Unsinn gewesen war. Ob es nicht gestört war, diese Idee zu haben.

Warum hatte ich nicht einfach einen Grill aufgestellt und Getränke kaltstellen? Egal, jetzt haben wir uns entschieden und das wird jetzt durchgezogen. Es wurde 21:30 Uhr.

Die Kinder sind da, alle waren angekommen. Die Sonne war fast hinter den Bergen verschwunden.

Und plötzlich war sie da. Diese Ruhe. Dieses Gefühl, angekommen zu sein. Alle waren entspannt. Bis auf die eine Spinne und Mathilda ;-). Aber das war eine Kleinigkeit. Ach ja, und Oskar, der war auch nicht entspannt. Denn Oskar hatte auf der Autobahn noch Bekanntschaft mit einem Betonklotz gemacht, der dort ungefähr so verloren herumlag wie ein Pinguin in der Wüste.

Das Ergebnis: Beschädigte Felge, beschädigter Reifen, beschädigte Laune. Die Heimfahrt am Montag stand plötzlich auf der Kippe. Aber das Problem durfte bis zum nächsten Morgen warten. Und der nächste morgen, der Sonnabend begann mit Sonne. Mit Bergen. Mit einem Frühstück, das nur im Urlaub so schmeckt.

Und er brachte die Erkenntnis: Einen passenden Reifen aufzutreiben ist offenbar schwieriger als ein gebrauchtes Einhorn zu kaufen. VW-Händler zwischen Schruns und Lindau konnten uns zwar problemlos ein neues Auto verkaufen. Einen Reifen wechseln? Auf gar keinen Fall. Sie wussten noch nicht einmal, ob sie einen gehabt hätten, denn Werkstatt und Lager hat zu. Das nenne ich mal Service. Hier ist sicher noch Optimierungsbedarf – ganz ohne KI, sondern einfach nur mit Nachdenken könnte man Prozesse verbessern. Wie nun einen passenden Reifen beschaffen? Oskars Idee und der Hinweis eines Händlers brachte die Rettung.

Ein freier Reifenhändler in Dornbirn konnte helfen. 60 Minuten Fahrt. Ein gebrauchter Reifen. Ein Preis, bei dem mir kurz die Luft wegblieb. Nennt sich Marktwirtschaft, Angebot und Nachfrage, und die hatte der letztlich aber sehr nette Herr für sich genutzt. Was soll’s. In zwei Tagen werde ich 60. Und irgendwie müssen wir schließlich wieder nach Hause. Also Reifen gekauft, montiert, Problem gelöst.

Und weiter Weiter ging’s. Um 13 Uhr saßen wir am Golm. Wieder vereint. Claudia, Mutter, Sabine, Kinder und Enkelkinder genossen schon die Maisonne.

Traumwetter einfach. Auf den Gipfeln lag noch Schnee.

Unten leuchtete das Montafon in sattem Grün.

Touristen gab es viele. Aber manchmal ist Schönheit so groß, dass sie sich nicht stören lässt. Mit meiner Enkeltochter Luise testete ich anschließend noch meine Kondition. Und meine Höhenangst. Hinauf zum Golmer Joch. Wir gingen durch Schnee, trafen Erwin den Hund, bis wir beide oben am Joch waren. Ich überlebte die Anstrengung und auch die Höhenangst. Sogar überraschend gut. Mit 59 Jahren darf man sich über solche Siege freuen.

Talwärts ging es mit der Seilbahn und für die Enkelkinder, Felix und mich mit der Naturrutsche. Ein herrliches Abenteuer.

Am Nachmittag stand ein Wiedersehen an. Ein ganz besonderes: Bitschweil. Für Außenstehende eine Jausenstation. Für uns ein Stück Familiengeschichte. Spartanisch, einfach, herzlich. Hier haben wir unsere schönsten Urlaube verbracht. Hier wurden Erinnerungen gemacht. Und hier regiert bis heute Dieter Wieser, unterstützt von Renata und Dragi. Originale, wie man sie heute kaum noch findet. Wir aßen Schnitzel, erzählten Geschichten, lachen, erinnerten uns. Und zeigten Mutter und Schwester diesen besonderen Ort hoch über Tschagguns. Es fühlte sich an, als würden wir ein Familienalbum betreten. Nur dass die Bilder plötzlich wieder lebendig waren.

Die Sonne ging dramatisch unter – ein schöner Tagesabschluss

Der letzte Tag mit 59 Jahren führte uns aufs Hochjoch. Die Sonne meinte es fast zu gut. Meine Mutter entschied sich schnell irgendwann für den Rückzug ins Tal. Der Kreislauf war mit den Temperaturen und der Höhe nicht kompatibel. Eine kluge Entscheidung. Der Rest genoss die Berge, die Natur, die Aussicht. Und es war toll. So schön, dass man die Sonne und Berge (fast so wie die Yoga-Enthusiasten) ins Herz lassen konnte.

Und die seltene Gelegenheit, einfach nur gemeinsam Zeit zu verbringen. Denn es gab keine Termine. keine Verpflichtungen. Es war kein Alltag, sondern nur Familie, wenngleich ich am Ende mit Felix alleine ging und wir das Silbertal von oben genossen.

Am Abend wartete noch eine letzte Prüfung. Die Aquastiege. 400 Höhenmeter. 1,26 Kilometer. Direttissima. Laut Beschreibung in 30 Minuten machbar. Ich brauchte 32. Aber ganz ehrlich: Die zwei Minuten gingen ausschließlich auf das Konto von Sonnencreme und Schweiß in den Augen. Nicht auf das Alter. Ganz bestimmt nicht! Und ich sehe am Ende der Aquastiege noch genauso gut und entspannt aus, wie am Anfang. Die folgenden Bilder beweisen es.

Oben angekommen wartete eine Johannisbeerschorle. Später Kässpätzle, Schnitzel und schließlich der vermutlich beste Kaiserschmarrn westlich des Mississippi. Über manche Dinge muss man nicht diskutieren. Sie sind einfach wahr.

Dann wurde es still und sentimental. Wir machten Fotos. Claudia und ich und die Kinder. Vor unserer alten Ferienwohnung. Vor dem Ort, an dem nach Aussage von Felix und Oskar die schönsten Urlaube ihres Lebens stattfanden.

Und plötzlich wurde mir etwas bewusst. So wie an diesem Abend wird unsere Familie wahrscheinlich nie wieder zusammenkommen. Vier Generationen. An diesem Ort – zu diesem Zeitpunkt – in dieser Konstellation. Es war einer dieser Momente, die man gleichzeitig festhalten und verlängern möchte. Weil man spürt, wie kostbar sie sind. Und so musste es nochmal ein Abschiedsblick ins Tal sein. Ein Blick, den wir vor 20 Jahren so häufig genossen hatten.

Am 25. Mai wurde ich 60. Geburtstagsstimmung wollte zunächst nicht so recht aufkommen. Vielleicht weil die Gedanken noch in der Vergangenheit unterwegs waren. Vielleicht weil die Kinder schon früh wieder aufbrechen mussten. Vielleicht weil mir bewusst wurde, wie schnell die Zeit vergangen war. Um sechs Uhr wurden Geschenke ausgepackt. Danach Verabschiedungen von den Kindern. Um sieben Uhr Frühstück mit Mutter, Schwester und Claudia. Und dann war da dieses merkwürdige Gefühl zwischen Freude, Dankbarkeit und Wehmut. Vier Generationen – so jung -so gesund – so vollständig. Ob das jemals wieder gelingt? Nein, keinesfalls! Eigentlich kein Gedanke für einen Geburtstag. Und doch ein Gedanke, der dazugehört.

Als Mutter und Schwester später verabschiedet waren, denn sie fuhren weiter in den Süden blieben Claudia und ich allein zurück. Wir schauten wir noch einmal an dem Ferienhaus vorbei ins Tal.

Zum ersten Mal an diesem Wochenende war es ganz ruhig. Wir fuhren nach Lindau. Die Sonne spiegelte sich im Bodensee. Boote glitten übers Wasser. Ein paar Unerschrockene badeten bereits. Im Hintergrund standen die schneebedeckten Alpen. Fast so, als wollten sie den Abschied noch etwas schwerer machen.

Wir schlenderten an der Promenade entlang. Genossen die Ruhe. Und sagten wir nach dem Geburtstagskuchen irgendwann: „Servus.“ Nicht für immer, nur bis zum nächsten Mal.

Und da war dieses Schild, das dem Artikel hier den Titel gab. Gestört aber geil. War diese Idee verrückt? Ganz sicher. Hat sie Stress verursacht? Oh ja. Staus, Reifenpanne, Diskussionen, Organisation – jede Menge davon. Würde ich es wieder tun? Sofort! Denn es war geil. Denn zwischen all dem Chaos lag etwas, das keine große Geburtstagsfeier hätte schenken können. Gemeinsame Zeit mit den wichtigsten Menschen meines Lebens.

Wenn ich heute auf meinen 60. Geburtstag zurückblicke, dann war er wahrscheinlich die schönste Geburtstagszeit, die ich in diesen sechs Jahrzehnten erleben durfte. Dafür bin ich dankbar. Und ich hoffe, dass noch viele Geburtstage folgen. In Gesundheit, mit Fitness und mit Claudia, den Kindern, den Enkeln und meiner Familie. Denn eines habe ich gelernt: Es spricht überhaupt nichts dagegen, noch einmal an einem schönen Ort zusammenzukommen.