Relaxen

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Eigentlich war der Plan ganz einfach: Entschleunigen. Genießen. Den Kopf freibekommen und der Hektik des Alltags entfliehen. So empfahl es Claudia, meine Arbeitskollegen und auch die Ärztin meines Vertrauens. So sollte es ja auch hier in Garmisch-Partenkirchen passieren. Und nach zwei intensiven und schweißtreibenden Tagen im Sattel meines Mountainbikes schrien meine Oberschenkel nach Pause. Angesichts meiner – sagen wir mal höflich – noch zu optimierenden Fitness war das Mountainbiken alles andere als Erholung gewesen, auch wenn die Aussichten supergeil waren. Heute sollte also die ruhige, entspannte Tour folgen.

Gut war der Plan. Die Realität hatte allerdings, wie so oft, ihre ganz eigenen Vorstellungen von Plänen. Alles begann gestern Abend vor dem Hotel. Ich kam gerade zurück, als er da stand: ein Urgestein von einem Bajuwaren. Ein typisch bayerisches Mannsbild wie aus dem Bildband oder Heimatfilm der 60er Jahre. Knackige Lederhose, kariertes Hemd, Weste drüber und natürlich der passende Hut auf dem Kopf (ob mit oder ohne Gamsbart, habe ich gar nicht registriert). Er wirkte wie der Alm-Öhi bei Heidi, nur mit einem entscheidenden Unterschied: Er war keineswegs mürrisch, sondern strahlte eine herzerwärmende Freundlichkeit aus.

Er sprach mich sogleich an und schwärmte: „Mei, hier lässt’s sich scho recht schee radeln!“, meinte er schmunzelnd. Wir kamen ins Ratschen. Recht hatte er! Man hat das Gefühl, der liebe Gott habe hier bei der Schöpfung einen ganz besonderen Kuss hinterlassen. Wir kamen ins Plaudern. Als ich von meinen Ausflügen zum Schachenhaus und zum Eibsee erzählte, zeigte er hinüber zu den Weidewiesen. : „Die kommen von der Esterbergalm. Da kannst gut rauf. Und wo’s s a bissl steil ist, da ist asphaltiert! Sonst nur Forstweg“ Und er ergänzte mit Blick auf die Kühe vor meinem Zimmer: „Das ist die Alm, auf der die Kühe ihren Sommerurlaub verbracht haben. „Des is de Alm, wo de Küah eanana Summafrische verbracht ham.“. Aha, jene Kühe, die mir in der vergangenen Nacht mit dem ununterbrochenen, monotonen Bimmeln einer einzelnen Kuhglocke den wohlverdienten Schlaf geraubt hatten und heute so friedlich vor dem Hotel grasten.

Höflich bedankte ich mich für den Tipp. Ein freundliches „Servus!“ zum Abschied, und jeder ging wieder seiner Wege. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, am heutigen Tag definitiv nicht aufs Bike zu steigen. Schließlich stand mir am Samstag und Sonntag noch mein Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs bevor, für den ich überhaupt erst hierher gereist war.

Der Morgen begrüßte mich mit Morgennebel.

Aber was macht man nun mit so einer verlockenden Information? Wenn man alleine unterwegs ist und nicht weiter weiss, kann man ja schlecht einen Arbeitskreis bilden. Also konsultierte ich das weltweite Netz. Ein Klick auf die Website des Almgasthofs Esterberg – und die Falle war gestellt: Das sah traumhaft aus! Die Routenvorschläge für eine kleine Wanderung klangen verlockend und absolut machbar.

Das klang nach einem guten, keineswegs überambitionierten Plan: Fünf Kilometer bergauf mit knapp über 500 Höhenmetern, gefolgt von fünf Kilometern Richtung Wank. Überlastung ausgeschlossen, Entspannung garantiert. Dachte ich.

So ging es am Morgen – um 09:15 Uhr war es noch spürbar maikühl (und das Ende September) – los. Ich war gerüstet: lange Hose, feste Wanderschuhe, Funktionsshirt (Mikroplastik lässt grüßen), Kletterjacke (obwohl ich ja gar nicht klettere) und eine wärmende Reservejacke im Rucksack. Von der Talstation der Wankbahn nahm ich den Weg bergauf. Die letzten Wolken des Morgennebels lösten sich gerade in Luft (oder sagen wir Wasserdampf) auf.

Schon nach den ersten Metern ging mir durch den Kopf: Um Himmels willen, wie soll man diese Steigung jemals mit dem Bike schaffen?

Nachdem ich noch einer grasenden Kuh zuschaute,

O

entdeckte ich die asphaltierte Straße zur Umfahrung. Ich als Wanderer folgte jedoch brav den Schildern – Direttissima den Berg hinauf, quer unter der Seilbahn durch. Den Klettergarten ließ ich rechts liegen und wähnte mich endlich auf dem ersehnten Forstweg zur Alm. Ein Wegweiser bremste meine Aufheiterung sogleich ab: 2,5 Stunden für lächerliche 5 Kilometer? Ich war baff. Aber es würde wohl seine Gründe haben.

Vor mir marschierten zwei Pärchen. Hinter mir? Keine Menschenseele, dafür aber der ohrenbetäubende Lärm eines Baggers, der versuchte, mit einem mächtigen Presslufthammer das Erdreich zu zertrümmern. Naturidylle klingt anders. Ich legte einen Zahn zu, um dem Lärm zu entkommen, und hatte die beiden Pärchen schnell überholt. Die Jüngeren suchten sich bereits nach zehn Minuten völlig geschafft eine Bank zum Rasten; die Älteren (vermutlich noch älter als ich) gingen es schlicht noch beschaulicher an.

Aber ging ich es wirklich gemütlich an? Ich hatte meinen Rhythmus. Da kannste nix machen. Aber konnte ich hier von Relaxen sprechen? Ich hatte da meine berechtigten Zweifel. Meine Kletterjacke war bereits vollkommen durchnässt, sodass ich sie ausziehen musste. War ich zu schnell? Ich glaube nicht einmal. Aber die Steigungen auf den asphaltierten Passagen hatten es in sich: satte 18 bis 20 Prozent! Nach gut zwei Kilometern flachte es kurz ab. Juhu, das Schlimmste ist geschafft!, dachte ich bei mir.

Ab und zu gab es dann noch schöne Ausblicke ins Tal.

Bei Kilometer drei holte mich die unbarmherzige Realität des „Relaxens“ vollends ein. Hier begann eine Steigung von weit über 20 Prozent. Ich versuchte es auf dem Foto festzuhalten. Doch irgendwie gelingt das ja nie. Trotzdem teile ich die „misslungenen“ Fotoversuche.

Meine Fitness-Software sprach später von unbarmherzigen 29 bis 37 Prozent! Wobei 37 vermutlich eher meiner Hautoberflächentemperatur entsprach. Als ich gerade eine weitere Wanderin überholte, drehte ich mich kurz um und erblickte ihn: Graumelierte Haare, lässig zum Dutt hochgebunden, braungebrannt, Dreitagebart. Man hätte ihn The Machine nennen können. In einer stinknormalen Jeans und einem locker hochgekrempelten Oberhemd flog er förmlich an mir vorbei. Kein Tropfen Schweiß auf der Stirn. Zumindest sah ich keinen Er grüßte mit einem tiefenentspannten „Griaß di“ in meine Richtung und war gefühlt mit Lichtgeschwindigkeit auf und davon.

Einen Überschallknall hörte ich zwar nicht, dafür aber ununterbrochen das Dröhnen des Straßenverkehrs unten im Tal. Das störte mich gewaltig. Ihr wisst, wie sehr ich die Berge liebe, gerade um die tiefe Stille zu genießen. Das nächste akustische Störsignal ließ nicht lange auf sich warten: Ein hochfrequent summender E-Bike-Motor kündigte den nächsten Ausflügler an. Zack – zog ein älterer Herr mühelos auf seinem Elektro-Drahtesel an mir vorbei. Oben an der Kuppe wartete er entspannt. Nicht etwa auf mich, sondern auf seinen (vermutlichen) Sohn, der knapp zehn Minuten später angestrengt auch mit E-Bike nachkam.

An dieser Stelle war der Punkt erreicht, an dem es laut Schild noch 30 Minuten bis zur Esterbergalm sein sollten. Rechts abzweigend eine Stunde zur Mittelstation. Nein, dahin wollte ich jetzt noch nicht. Ich fühlte mich trotz der Strapazen wohl; meine Kletterjacke war ja längst im Rucksack verstaut, und so steuerte ich flotten Schrittes auf die Alm zu. Linksseitig ging hoch zum „Fricken“. Wer sich wohl solche Namen ausdenkt?

Ich freute mich schon riesig auf den Idylle versprechenden See, der laut Homepage so still und spiegelnd inmitten der Hochebene liegen sollte. In der Realität angekommen fragte ich mich: Wo um alles in der Welt ist dieser See? Er war schlichtweg weg!

Schade drum, aber das einsame schöne Hochtal und die grasenden Lämmer und auch Kühe entschädigten für alles.

Ach ja, seit ich bei der letzten richtigen Steigung Richtung Westen abgebogen war, verstummte auch der nervige Verkehrslärm aus dem Tal (bei dem – wie bei uns zu Hause – die knatternden Motorräder den Löwenanteil ausmachten). Also jetzt war alles Bestens.

Man spricht ja gerne von „Leben wie Gott in Frankreich“. Hier passte eher: Leben wie Gott in Bayern. Der E-Biker und sein Sohn entschwanden, ich sah sie nie wieder. Ich schloss das Weidetor hinter mir und in mir stieg die Vorfreude auf ein kühles Getränk. Hunger hatte ich eigentlich gar keinen. Aber man fällt ja doch immer wieder auf gute Werbung rein – das ist beileibe kein rein weibliches Alleinstellungsmerkmal.

Die Wirtin war ausgesprochen nett, ausgestattet mit einem (Zitat Franz Eberhofer:) „Dirndlbusen“, der ja zum derzeitig in München laufenden Oktoberfest passen würde. Doch hier wirkte es natürlich und nicht Schicki-Micki aufgesetzt in einem Trubel, der so niemals meiner sein wird. Und sie hatte ein herzliches, gewinnendes Lächeln. Aber es war nicht ihre Erscheinung, die mich verführte – es war das zauberhafte Wort auf der Holztafel, das mich augenblicklich anfixte: Kaiserschmarrn! Den hatte ich in diesem Urlaubsabschnitt noch gar nicht genossen. Heute sollte es so weit sein. Ich bestellte und gleichzeitig noch eine Haus-Limo.

Trotz des strahlenden Sonnenscheins begann ich zu frösteln. Mein Trikot war klitschnass geschwitzt, und die sensiblen Kälterezeptoren an meinem Rücken tanzten Tango. Also: klitschnasses Shirt aus, dicke Reservejacke an! Auch die Kletterjacke war noch klamm. Ich breitete beide Kleidungsstücke in der Sonne aus, wo sie zum Glück rasch trockneten. Das wurde auch Zeit, denn in der dicken Jacke drohte meine Körpertemperatur unter der brennenden Alpen-Sonne rasch in kritische Höhen zu klettern. Es war warm, fast zu warm für meine Verhältnisse, sodass ich ratzfatz – noch bevor der Kaiserschmarrn serviert wurde – wieder in die fast getrocknete Kletterjacke schlüpfen konnte.

Der Kaiserschmarrn? Kein Drama, sondern ein Gedicht. Die Haus-Limo war es ebenfalls.

Es war eine herrliche Ruhe eingekehrt. Fast magisch. Kaum jemand sprach, alle genossen einfach nur den Moment. Die einzigen Geräuschquellen waren die Wespen, die munter um meine Hauslimonade und das duftende Apfelmus schwirrten, sowie der Hofhund der Alm. Der dachte gar nicht daran, auf seine Besitzerin zu hören, und bellte zwischenzeitlich ausdauernd, weil ihm zwei anwesende Gasthunde so gar nicht ins Konzept passten.

Eine wunderbare Kulisse, die ich mehr als 45 Minuten lang zusammen mit meinem phänomenalen Schmarrn in der Sonne aufsaugte. Übrigens: Ich war nicht die veranschlagten 2:30 Stunden hochgelaufen, sondern knapp 1:30 Stunden. Das nenne ich mal Effizienz. War irgendwie mein Rhythmus, und den hat man oder man hat ihn nicht.

Doch wie es im Leben nun mal ist: Man soll das Schöne verlassen, wenn es am besten ist. Verabschiedung, noch ein Blick auf die Rest-Kuhherde, wo sich die braun-gefleckte wohl ihrer eigenen Definition von Entspannung hingab. Ein Foto, zack im Kasten und ich beschloss, nicht dieselbe Strecke abzusteigen, wie ich hochgekommen bin.

Nein, es sollte der Abzweig Richtung Wank-Mittelstation sein, den ich nehmen wollte. Um meine Knie zu schonen wollte ich mir die knapp 560 Höhenmeter steilen Abstieg sparen. Der Weg zur Mittelstation versprach entspannter zu sein, sollte er nur noch knapp 5 Kilometer messen – bei überschaubaren 300 Metern Abstieg und 200 Metern Gegenanstieg. Da kann ich jetzt wirklich relaxen, dachte ich mir, die veranschlagte Stunde brauche ich dafür im Leben nicht.

Falsch gedacht! Ich brauchte die volle Stunde – schlichtweg, weil an schnelles Gehen nicht zu denken war. Nach kurzer Zeit verwandelte sich der schmale Trail nämlich teilweise in eine rutschige Angelegenheit. Insbesondere bei den Bergab-Passagen. Es hatte in der Nacht zuvor geregnet, und rechts des Weges ging es deutlich steiler bergab, als es meinem Sicherheitsgefühl lieb war. Da standen zwar Bäume im Hang, aber ein echter Trost war das nicht.

Da ich auf feuchten, rutschigen Wurzeln auf diesem an wenigen Stellen nur 80 Zentimeter breiten Pfad einmal im Ansatz weggerutscht war, setzte bei mir Unsicherheit ein (ja, auch Ullrich kann unsicher sein). Ganz besonders an den zwei etwas ausgesetzteren Stellen. Eigentlich nicht schlimm. Da musste ich jetzt durch. Und so lernte ich den Pfad mit der Zeit doch zu schätzen – denn er war unglaublich abwechslungsreich. Er führte mich über eine in den Fels gehauene Treppe mit hölzernen Stufenabschlüssen, die wirklich sehr glitschig waren. Obacht war geboten. Denn war ich nicht schon einmal auf so nassen Stufenabschlüssen weg gerutscht? Nun gut, das war mit dem Fahrrad, aber es zog einen kaputten Helm, eine Fahrt im Pinzgauer Rettungswagen und ein kaputtes Knie nach sich. Und ich hatte definitiv auch kein zweites Mal vor, meinen Ehering zu verlieren! ;-). . Ich fand eine tollen Übersichtsstelle, an der eine Bank zum platz nehmen einlud. Und sonst war der Weg auch teilweise etwas mystisch.

Ich erreichte nach knapp 50 Minuten Spannung die schrecklich laute Mittelstation. Die Aussicht von hier oben: Schon schön. Garmisch und Partenkirchen lagen mir direkt zu Füßen.

Im Hintergrund ragten die Thörlen auf, links das imposante Wettersteingebirge mit den Waxensteinen und der erhabenen Zugspitze. Ich wäre gerne noch verweilt, aber das Getöse der Seilbahntechnik zerstörte jegliches Naturerleben. Sicher, ich nutze diese technischen Errungenschaften ja selbst gerne – aber diese Geräuschkulisse brauchte ich nach der Ruhe auf der Alm heute wirklich nicht mehr.

Also schnell 11 Euro bezahlt, rein in das Gondel-Technikwunderwerk (wobei ich mir prompt noch den Kopf an der niedrigen Decke stieß) und ab ging es zufrieden, mit klitschnassem Trikot und fröstelndem Rücken in Richtung Tal.

Jetzt stellt sich die Frage: War es immer relaxend? Für die Kuh an der Alm schon. Für mich? Um Himmels willen, nein! Insbesondere der rutschige Teil am Schmalspur-Pfad, wo es steiler nach unten ging, als mir lieb war, hat an meinen Nerven gezehrt. Umdrehen war keine Option, und so war das psychisch durchaus fordernd. Auch physisch war der Anstieg eine stramme Herausforderung – eine volle Stunde schneller als angegeben zu sein, spricht ja eine deutliche Sprache. Trotz alledem bin ich glücklich und dankbar, diese Tour gemacht zu haben, auch wenn meine Beine bleischwer sind.

Das war mein letzter Bericht über diese Herbsttour. Denn wie ich in meinem Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs Reanimationen in der Walachei durchführe, Sturzverletzungen in der Natur verarzte oder Druckverbände anlege, interessiert hier ja nun wirklich niemanden.

Daher sage ich bis nächsten Artikel leise Servus– und ich hoffe sehr, dass Euch meine Ausführungen gefallen haben!