Gestern hat der Herbst angeklopft und ich berichtete darüber. Kalendarisch – und bezüglich meiner (nicht so sehr) florierenden Mountainbike-Fähigkeiten. Heute zog das Wetter konsequent nach: Die Sonne ging in den Warnstreik, wollte offensichtlich eine Gehaltserhöhung oder Beschäftigungssicherung, die Temperaturen machten den Abflug (dachte ich), und die farbenfrohe Postkarten-Idylle von gestern wurde spontan durch ein sehr ehrliches, oberbayrisches Almgrau ersetzt.
Da stand ich nun vor der täglichen Frage: Wandern oder Radeln? Eigentlich wollte ich die Oberschenkel schonen, schließlich wartet am Samstag mein MTB-Outdoor-Erste-Hilfe-Lehrgang. (Profi-Tipp von mit: Wenn man weiß, wie man sich gleich selbst verarztet, fährt es sich viel unbeschwerter.*) Das Wetter schrie zwar förmlich nach „Wandern per Pedes“, aber mein innerer Schweinehund (und Claudias Rede in mein Gewissen am Telefon) plädierte leidenschaftlich für den Sattel. Gesagt, getan: Ab aufs Radl! Der Freitag bleibt zum Muskel-Entspannen. Theorie steht.
Nächste Frage: Wohin? Esterbergalm? Ach nö, zu kurz. Eckbauer? Heute definitiv zu steil für mein Oberschenkel-Drama (wer kennt die Eberhofer Dramen nicht, an die sich dieser Titel anschmiegt?). Plansee-Trail? Auch verlockend. Aber nein, heute gehe ich All-In und wähle die eine Strecke, die ich schon hundertmal gefahren bin – und die ich eigentlich gar nicht so sehr leiden kann: Über Grainau hoch zum Eibsee.
Dazu kam eine Prise alpiner Nervenkitzel: Am Dienstag gab es doch diesen gewaltigen Felssturz an der Zugspitze, über den die gesamte Medienlandschaft berichtete. Staubwolken wie in einem Hollywood-Blockbuster! Meine Familie schickte Nachrichten, weil sie dachte, dass ich grob in Richtung Hochthörlenhütte unterwegs war – dessen Weg sich (wenn man sehr sehr großzügig ist) in der Nähe des Einschlaggebiet unterhalb der Abbruchstelle befindet oder befinden könnte. Aber sie dachte auch nicht daran, dass ich sagte: „Ich mache nix Gefährliches, keine Angst!“, Trotzdem war ich schon interessiert, wie Deutschlands höchster Berg aussieht. Nicht als Gaffer, sondern als naturwissenschaftlich hochinteressierter Beobachter! (Schließlich hatten meine Schwester und ich erst kürzlich den schwindenden Permafrost im Gebirge debattiert.)
Die Entscheidung stand. Nach einem Frühstück, das auch die Gesamtheit der im Hotel anwesenden Mitarbeiter der ADAC Luftrettung gesättigt hätte (wie gut, so war hier zusätzlich noch die gesamte Besatzung von Christoph 1 in der Nähe und ich konnte mit sicherem Gefühl losfahren), ging ich zum Rad, was noch im Auto lag. Erste Hürde: Mein Steinschlagschutz an der Federgabel hatte sich durch fachmännisch-unsachgemäße Nachtlagerung so krass verbogen, dass er wie eine Feststellbremse auf dem Vorderrad schleifte. Zwei Optionen: Zurückbiegen oder Abreißen. Ich entschied mich für die radikale Variante – wobei die zweite Option bei mir lediglich das physikalische Resultat des gescheiterten Versuchs von Option eins war. Ratsch. Oh ha.
Pulsuhr an und ab geht’s! Gleiche Montur wie gestern, aber – Überraschung – trotz Wolken war es wärmer als gedacht. Das gemächliche Transpirieren setzte bereits auf dem Radweg von Farchant über Burgrain nach Garmisch ein. Nach genau 30 Minuten und 7 Kilometern die nächste Glanzleistung: Der Blick auf das Handgelenk verriet, dass die Uhr brav stumm blieb. Ich hatte voller Tatendrang nicht „Mountainbike“, sondern „Indoor-Cycling“ gewählt. Großartig. Meine Uhr glaubte also, ich strample im klimatisierten Muckibudenkeller bzw. auf meinem Spinningrad zu Hause, während mir in Wahrheit die Bergluft um die Nase wehte. Sehen wir es positiv. Ich bin also offiziell der erste Mensch, der Outdoor-Indoor-Cycling erfunden hat. Aktivität gestoppt, Uhr umgestellt und schon ging es weiter!
Ab in Richtung Grainau. Die Beine kurbelten erstaunlich gut, aber mein persönlicher Endgegner warf bereits seine Schatten voraus: Das Asphaltstück hinter Grainau. Physikalisch gesehen ist das eine Frechheit von einer Steigung. Zu steil, um im dicken Gang geschmeidig drüberzufliegen. Zu flach, um im Schneckentempo vor sich hin zu zuckeln. Auf all meinen Transalp-Touren (und es waren einige!) habe ich diesen Anstieg nie gemocht. So wie – ach nee, das veröffentliche ich jetzt mal nicht 😉
Kurzer Stopp beim Herrgott am Wegesrand: Jacke ausziehen.

Ob mir der Hergott hilft, dass mir die Steigung heute besser gefällt? Ich weiss es nicht, vielleicht hat es geholfen. Oder war es die Motivation, die jemand auf die Straße gepinselt hatte? „Hop Hop Ulle!“ stand da auf dem Asphalt. Und zwar so breit, dass ich noch nicht mal Ulle komplett auf das Foto bekommen habe.

Äh… Moment. So hatten mich doch vor Jahren die Läufer genannt?! Haben die hier gestern auf der Straße gecampt? Das Rätsel löste sich ein paar Meter weiter auf. Dort prangte der nächste Kreideschriftzug nachdem ein weiblicher Name gesprüht war: „Jetzt Brustfrei!“ Gut, damit war klar: Weder der Herrgott noch meine geschätzten Laufpartner von gestern hatten hier ihre Finger im Spiel…
Ich kurbelte weiter im Wohlfühltempo, kreuzte die Zahnradschienen der Bayerischen Zugspitzbahn und öffnete das Weidegatter. Schließlich die schicksalhafte Weggabelung. Links oder rechts? In meinem Hinterkopf dämmerte es: „Nimm den rechten Weg, der ist länger, also flacher!“
Ha! Wie blöd ich doch war, in Richtung Steinriglwald zu fahren. Da war sie wieder, meine geliebte Altersamnesie. Ich hatte verdrängt, dass dieser Weg schlichtweg höher hinausgeht. Was bedeutete: Erstmal auf 1025 Meter hochquälen, um danach das teuer erarbeitete Höhen-Guthaben wieder runter zum Eibsee zu vernichten! Ich fluchte innerlich wie ein Rohrspatz in mein zunehmend nassgeschwitztes Trikot. Die Steigung schwankte gütig zwischen knackigen 13% und brutal steilen 20%. Und als Bonus war der Weg gefühlt mit sehr viel Geröll gepflastert. Frei nach Bodo Wartke hieß es jetzt: Da muss er durch!

Schließlich spuckte mich der Wald aus und der Eibsee lag vor mir. Ein Naturjuwel! Neun Kilometer südwestlich von Garmisch, eingerahmt von den gewaltigen Felswänden des Wettersteingebirges, gliedert er sich in fünf Teilbecken (Weitsee, Untersee, Braxensee, Steinringpriel, Frillensee). Mechanisch getrennt durch Bergsturzschwellen, hydraulisch aber verbunden – Naturheilkunde für die Seele. Dass dieser Traum in Privatbesitz ist, verblüfft mich jedes Mal aufs Neue. Heute war der sonst so geplagte See angenehm ruhig. Kein Zeichen von Overtourism (tolles Wort, welches ich heute gelernt habt). Wahrscheinlich war das Wetter zu kühl. Zumindest fast kein Overtourism.

Bevor ich das smaragdfarbene Wasser genießen konnte, musste ich mich slalom-artig durch eine sechsköpfige Wandergruppe manövrieren, die geschlossen vor einem einsamen Wald-Dixie-Klo Schlange stand. Ach schau an, das gibt es hier mitten im Wald. Da war es unten am Parkplatz, an dem vorhin ganz verschlafen 3 Frauen vermutlich orientalischer Herkunft aus ihrem Auto krochen, gar nicht nötig, die vielen Tempotaschentücher in den Wald zu schmeißen.
Ich begann die Umrundung gegen den Uhrzeigersinn. Normalerweise leuchtet das Wasser hier in Farben, für die man in der Karibik Tausende Euros zahlt. Heute blieb die Sonne schüchtern, nur kurz habe ich sie gesehen und so ist es auch kein Wunder, dass das Wasser auch mal trist aussah. Aber die Kulisse war gerade deshalb wohl auch fantastisch rau.

Ich suchte linksseitig die berühmte Insel an. Genau DIE Insel! Ein mystischer Ort. Das Wasser drumherum ist zwar nur hüfttief, aber augenscheinlich gehen von dieser Insel dunkle Mächte aus. Vor einigen Jahren durfte ich hier nämlich eine bildhübsche Dame retten, die im hüfthohen Wasser gefangen war und Todesängste litt. David Hasselhoff und Pamela Anderson hätten die Tretboot-Rettungsaktion von mir in Baywatch nicht dramatischer inszenieren können.
Ich fuhr weiter um den See und wunderte mich derweil, warum er so leer war. Lag es an den Zuflüssen? Ggf. gab es zu wenig zufließende Materie?


Es ging hoch und gerade und mal wieder runter. Aber immer schön in der Natur von schönstem Laub und Steinmännchen begleitet.


Am Ende war ich erschrocken, wie leer nicht nur der Eibsee, sondern auch das kleine Gewässer mit Namen Frillensee war.


Schade eigentlich, denn hier war meine heldenhafte Baywatch Hilfe heute auch nicht gefragt. Schade, man hilft ja gerne. Dafür musste man aufpassen, nicht zwei selbsternannte Social-Media-„Göttinnen“ zu überfahren. Die beiden waren am Strand so beschäftigt damit, Posen zu werfen (wobei teilweise deutlich mehr Haut als bei der aerodynamisch optimierbaren Körperform sinnvoll gewesen wäre, gezeigt wurde), dass ich Angst hatte, dass sie rückwärts ins eiskalte Wasser stürzen würden. Das hätte zumindest Haltungspunkte gegeben und mir die Notwendigkeit einer weiteren Baywatch Rettungsaktion!

Die Alternative waren andere Damen, die vor lauter Gesichts-Vermummung (so kalt ist es doch nicht) kaum noch aus den Augen schauen konnten und wie Blindschleichen über den Kiesel stolperten. Aber auch hier war keine Hilfe notwendig, denn ihre Begleiter passten selber auf sie auf.
Da niemand meine Hilfe benötigte, wollte ich die besagte Tretboot-Rettungs-Insel fotografieren. Doch siehe da: Trotz niedrigem Wasserstand war die Insel einfach… weg! (Fast) vom See verschluckt.

Vielleicht hatte die Dame von damals doch recht und das Gewässer ist von uralten Monster-Kräften besessen, die unachtsame Jungfrauen und ganze Landmassen verdauen? Ggf. gibt es nicht nur in Loch Ness ein Seeungeheuer, sondern auch im Eibsee. Aber sagen wir einfach so: Es lag vermutlich eher an der Perspektive, aber die Story mit dem Seemonster klingt besser.
Am Ende der Umrundung juckte es mich doch nochmal im Fuß. Das Schild „Hochthörlenhütte“ lachte mich an. Aber nein! Vernunft siegte über Größenwahn. Der Nachmittagssport sollte nicht im Wolkenbruch enden. Ich bog vom Hochthörlenweg noch links ab in Richtung Höhenweg nach Grainau. Und das war die absolut richtige Entscheidung: Landschaftlich ein absoluter Traum! Schlag Punkt 12 Uhr – untermalt vom feierlichen Geläut der Kirchenglocken – entdeckte ich eine Traum-Bank hoch über Grainau. Direkt unter den Waxensteinen.


Zeit für eine zünftige Brotzeit!


Der Ausblick auf Garmisch-Partenkirchen war nett, aber der Blick in den Himmel verhieß nix Gutes. Dunkle Wand voraus! Nach exakt 30 Minuten Mittagspause (man hält sich schließlich brav ans Arbeitszeitgesetz) trat ich den Heimweg an. Der Wind hatte gedreht und blies mir nun stramm von vorne mitten ins Gesicht. Meine Beine schrien um Gnade, aber ich verweigerte dem Körper jede Geschwindigkeitsreduktion – ich wollte trocken ins Hotel!
Fazit: Hotel trocken erreicht, Beine bedient, Seele gerettet. Rückblickend sind jedoch noch die Zugspitz-Rinnen zu erwähnen. Diese frischen, hellen Farbveränderungen, die ggf. Ergebnis des Felssturzes waren.



Faszinierend, wie dynamisch die Natur arbeitet. Morgen rücken die Wissenschaftler mit Drohnen und Infrarotkameras an – ich bin gespannt, was die Permafrost-Analyse ergibt.
Es war vielleicht kein spektakulärer Tag für den Tacho, und die Strecke nach Grainau werde ich auch im nächsten Leben nicht lieben. Aber um einfach mal komplett runterzukommen und die Natur vor der Haustür zu genießen, war es schlicht perfekt. Genau deshalb bin ich schließlich hier.
Und jetzt, wo ich hier so sitze und diese Zeilen zu Papier oder besser „Speicherchip“ bringe, da kommt doch das angesagte schlechte Wetter vorbei. Gut, dass ich da nicht radeln muss ;-). Selbst die Kühe vor meinem Zimmer haben sich Schutz vor dem Regen gesucht.

Morgen schreibe ich ggf. über die Musik der Alpen. Zumindest die, die ich Abends und manchmal Nachts in meinem Hotelzimmer höre. Kein Wunder bei den vielen Kuhglocken, die vor meinem Zimmer weiden.

