Auf der Flucht

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Willkommen bei meinem heutigen Bericht von der schönen Atlantikinsel Madeira. Es folgt eine Tagesbeschreibung über Buffet-Krieger, Drohnen-Helden und meinem persönlichen Marshall Gerard. Ihr kennt ihn nicht? Nun, dann wird es mit den folgenden Zeilen aber Zeit. Doch fangen wir wie immer vorne an: Ein weiterer Tag in unserem Urlaub auf Madeira neigt sich dem Ende zu. Und wie so oft sitze ich hier, lausche der Brandung des Atlantiks und versuche das Erlebte in ein paar Worte zu fassen und mit Bildern zu garnieren. Damit Ihr mit mir fühlen, Euch mit mir freuen, Euch mit mir ärgern oder einfach nickend vor dem Bildschirm sitzen könnt: „Jo, kenne ich.“

Eigentlich wollte ich diesen Artikel anders nennen. „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ wäre die perfekte Überschrift gewesen. Es beschreibt exakt das, was wir hier jeden Morgen und abgespeckt auch jeden Abend im Hotelrestaurant durchexerzieren. Gestern früh war es sehr schlimm, heute etwas besser, aber immer noch meilenweit entfernt von gehobener Tischkultur. Falls euch das klassische Lied von Reinhard Mey aus dem Jahr 1980 gerade nicht präsent ist – hier ein kleiner Refresher für die kulinarische Kampfsport-Ausbildung:

„…Dort steht das kalte Buffet.

Zunächst regiert noch die Hinterlist,

Doch bald schon brutale Gewalt.

Da spießt man, was aufzuspießen ist,

Die Faust um die Gabel geballt.

Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund

Kämpft jeder für sich allein…“

„…Bei der heißen Schlacht am kalten Buffet,

Da zählt der Mann noch als Mann.

Und Auge um Auge, Aspik um Gelee,

Hier zeigt sich, wer kämpfen kann!

Hurra, hier zeigt sich, wer kämpfen kann!“

Genauso ist es bei uns im netten Hotel. Sobald die Restauranttüren öffnen, brechen hier die tiefsten Urtriebe der Menschheit durch. Ich gebe zu: Ich fühle mich dabei nicht wohl. Und das liegt keineswegs nur an den Bergen von Essen auf den Tellern, mit denen manche Zeitgenossen versuchen, das komplette Buffet an ihrem Einzeltisch maßstabsgetreu nachzubauen. Es ist diese kompromisslose Rücksichtslosigkeit, die mich sprachlos macht. Und wer mich kennt, weiß: Dass ein Ullrich sprachlos ist, kommt extrem selten vor. Da greift ein Arm ohne Vorwarnung zwischen zwei wartenden Menschen hindurch, um ein! Brötchen zu ergattern. Da wird gedrängelt und man läuft mit Tunnelblick und Scheuklappen vom Tisch schnurstracks zum Buffet, als gäbe es ab morgen eine weltweite Hungersnot.

Ich bin mit meinem Ärger zum Glück nicht allein. Gestern Abend kam ich mit einem sehr netten Ehepaar ins Gespräch. Auch bei ihnen stellen sich angesichts des erlebten Verhaltens wohl jedes Mal die Nackenhaare auf – und nein, damit sind nicht die Borsten des Wildschweins gemeint, das auf dem Weg in den nächsten Schlund ist. Aber gut, lassen wir das Trauerspiel. Schließlich beginnen und enden die Tage hier zwar mit dem Essen, aber dazwischen liegt das eigentliche Leben. Und das war heute glücklicherweise wieder überwiegend richtig schön.

Erinnert ihr euch an den Filmklassiker „Auf der Flucht“? Harrison Ford als Dr. Richard Kimble und nicht zu vergessen, der grandiose Tommy Lee Jones? Kurzer Plot-Reminder:

Der Chirurg Dr. Richard Kimble wird unschuldig für den Mord an seiner Frau verurteilt. Auf dem Transport ins Gefängnis verunglückt der Bus, und er nutzt das Chaos zur Flucht. Fortan versucht er unterzutauchen, um den wahren Mörder seiner Frau zu finden. Stets dicht auf den Fersen: Der unerbittliche US-Marshal Samuel Gerard (Tommy Lee Jones). Mit Cleverness und waghalsigen Manövern entkommt Kimble seinen Verfolgern immer wieder nur um Haaresbreite.

Was das mit unserem Tag auf Madeira zu tun hat? So einiges. Und ich will es Euch erzählen. Heute ging es für uns vier Goslarer in den Nordosten der Insel. Keine Gefangenentransporte, keine Verurteilungen. Aber mehrere Fluchtversuche. Und davon berichten die folgenden Zeilen.

Unser Chief-Reisecoach und Head-Chauffeur Frank steuerte unseren Wagen sicher in Richtung Santana, um die berühmte Levada do Caldeirão Verde zu wandern.

Levadas sind -wie ihr ja wisst- die historischen Wasserläufe Madeiras, und diese hier gilt als recht flach. Verglichen mit gestern erwarteten uns keine senkrechten Abstürze, die mir sofort das Blut in den Adern gefrieren lassen. Als wir auf der Straße immer tiefer in den urwaldähnlichen Forst eintauchten, erreichten wir schließlich den Wanderparkplatz und mitten im Wald stand eine Schranke. Das Anzeigeschild versprach großzügig: „LIVRE“ (Frei). Nun ja, „frei“ war relativ. Frank zirkelte unser Auto gekonnt in die aller- oder vorallerletzte freie Lücke. Als wir ausgestiegen waren und die Rucksäcke schulterten, sprang die Anzeige prompt um auf „COMPLETO“ . Punktlandung oder einfach „just-in-time“.

Wir hatten den Slot für die Wanderung im Voraus reserviert – an den Touristen-Hotspots Madeiras mittlerweile Pflicht. Ein paar Euro wechseln den so Besitzer und man bekommt ein Zeitfenster zugeteilt. Einerseits eine sinnvolle Maßnahme gegen Overtourismus, andererseits extrem unflexibel, wenn das Inselwetter spontan andere Pläne macht (und das war heute wohl der Fall). An dieser Stelle sei aber vermerkt- ggf. ermöglichten wir durch die Bezahlung eine qualitativ hochwertige Sicherung gegen Absturz. Das war schon der große Unterschied zu gestern, als wir den kostenfreien Levada entlang spazierten. Und so wurden wir gleich am Eingang wurden wir an die Pflicht der Reservierung mit samt Reservierungsgebühr erinnert.

Noch ein Gegensatz zu gestern: Heute war es feucht. Es war wolkenverhangen, aber mit 17 Grad angenehm mild. Die perfekte Montur: Regenjacke kombiniert mit kurzer Hose. Auf in den Dschungel! Die Levada verläuft sanft. Und sie zeigt auch einige schöne Pflanzen und natürlich Bäume, wie z.B. auch Redwoods.

Natürlich gibt es ein ganz leichtes Gefälle bzw. ganz leichte Steigung – sonst würde das Wasser schließlich stehen. Aber die Höhenunterschiede merkt man kaum. Was man dagegen sehr schnell spürte, waren die eigenen Füße. Der Weg ist alles andere als ein Promenadendeck. Wir gingen durch die urwaldähnliche Natur entlang des Wasserlaufs: Wurzelgeflechte, nasse Steine und feuchter Matsch wechselten sich in verlässlicher Regelmäßigkeit ab. Stellenweise war der Pfad so schmal, dass zwei Menschen kaum aneinander vorbeikamen.

Da wir mit 10:30 Uhr eine recht frühe Startzeit hatten, hielt sich der Gegenverkehr auf den ersten Kilometern der insgesamt rund 13 Kilometer langen Strecke noch in Grenzen. Dafür wurden wir von hinten überholt. Und zwar ständig. Hier kam der Filmtitel wieder ins Spiel: Wir wollten die Natur, das tiefe Grün und die Ruhe genießen. Ruhe, Entspannung, Entschleunigung. Da waren wir wohl die Einzigen. Denn die Leute hinter uns (und später auch vor uns) waren offensichtlich auf der Flucht. US-Marshal Samuel Gerard war aber nirgends im Unterholz zu sichten. Weshalb also diese Hektik? Vor wem flüchteten die Menschen? Vielleicht vor sich selbst? Oder vor der Erkenntnis, dass Wandern auch schön sein kann? Wollten sie einen neuen Streckenrekord aufstellen?  Ich weiß es bis jetzt nicht. Ich nehme jedoch nicht an, dass sie alle fälschlicherweise beschuldigt wurden, ihre Ehepartner umgebracht zu haben. Obwohl… bei einem Pärchen war ich mir nicht ganz sicher. Er marschierte stramm 25 Meter voraus, während sie ihm mit einem derart mürrischen, arrogant-genervten Blick hinterhertrottete, dass man schon eine gewisse Motivation hätte vermuten können… aber gut, lassen wir das.

Was wir spürten, war eine permanente Unruhe. Dieser Druck von hinten passte so überhaupt nicht zur majestätischen Natur und unserer ruhigen Urlaubsstimmung. Und keinesfalls zu entspanntem Wandern. Und leider passte auch das Sozialverhalten vieler Wandergenossen nicht ins Bild.

  • „Danke“? Ein Fremdwort.
  • „Bitte“? Ausgestorben.
  • Ein Lächeln im Vorbeigehen? Fehlanzeige – wer flüchtet, hat schließlich keine Zeit für Freundlichkeiten.

Der Höhepunkt war ein junger, niederländischer respektloser „Halbstarker“. Der Kerl blockierte mitten auf einer schmalen Brücke den kompletten Durchgang, um ungestört seine Drohne steigen zu lassen. Hinter uns bildete sich eine Schlange von ca. 15-20 anderen Wanderern. Als Claudia ihn höflich bat, uns kurz vorbeizulassen, schnauzte er nur: „Be patient!“ (Sei geduldig!). Ich entgegnete direkt: „Be friendly!“ Das hinderte den Amateur-Piloten allerdings nicht daran, sich weiter Zeit zu lassen, die Wartenden Wartende sein zu lassen und im Weitergehen sich noch lautstark über Claudias Bitte lustig zu machen. Ein Verhalten irgendwo zwischen rücksichtslos, ungezogen, respektlos und völlig befreit von dem, was man im Englischen so schön common sense nennt.

Sollte ich eine Rangliste der unangenehmsten Begegnungen der letzten Tage führen, würden sich die Goldmedaille wohl Touristen aus Osteuropa und Frankreich teilen – dicht gefolgt von diesem niederländischen Post-Pubertierenden. Ich möchte betonen: Es sind niemals alle Vertreter eines Landes, und ich verabscheue Verallgemeinerungen. Aber bei mir hat sich in den letzten Tagen ein gewisses Muster eingebrannt und bei manchen Zeitgenossen hier würde ich am liebsten direkt vor Ort einen Grundkurs in menschlichem Miteinander anbieten. Andererseits: Wer auf der Flucht ist, versucht natürlich, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. Auch keine verbalen. (Disclaimer: Das sind meine ganz persönlichen Eindrücke und sie müssen nicht geteilt werden)

Der Weg selbst war trotz der Matschpassagen gut ausgebaut und extrem gut gesichert. Er war sehr schön und bot schöne An- und Ausblicke bis hinunter zum Atlantik.

Sobald es an der Seite steil abfiel, gab es durchgehende Seil-Geländer. Ein echter Vorteil der Park- und Reservierungsgebühren – ganz anders als gestern, wo manche Sicherungsseile ihre besten Jahre schon hinter sich hatten. Spannend wurde es in den niedrigen Felsentunneln. Kopfnüsse für unseren lieben Frank waren zwar nicht im Tagesprogramm vorgesehen und auch nicht reserviert, passierten aber trotzdem. Jeder deutsche Sicherheitsingenieur hätte hier sofort schwarz-gelbes Warnband abgeklebt. Wir gingen trotz Franks „Kopfverletzung“ mit Taschenlampe weiter, bis wir das Licht am Ende des Tunnels sahen oder die Wanderer unser Licht im Ende des Tunnels.

Irgendwann ging es wieder zurück. Denn ein Mitglied unserer Reisegruppe hatte mit den Tücken eines Fersensporns zu kämpfen. So entschieden wir uns vernünftigerweise, nicht die vollen Kilometer bis zum Ziel zu gehen, sondern ca 1 Kilometer vor dem Ziel umzudrehen. Der kleine Nachteil: Auf dem Rückweg kam uns der Hauptschwall der nachfolgenden Wanderer entgegen.

Der Genuss des Hinwegs blieb uns jedoch unbenommen, und nach knapp 4,5 Stunden ließen wir die flüchtende Meute hinter uns. Angesichts der Wegbeschaffenheit hatten unsere Beine auch noch eine kurze Reinigung verdient, denn unser Tag war noch lange nicht zu Ende und man will ja ordentlich aussehen.

Für den späten Nachmittag hatten wir das Zeitfenster für den PR1.2 Vereda do Pico Ruivo gebucht – Sonnenuntergang auf dem höchsten Gipfel Madeiras (1.862 Meter). Da wir etwas Zeitpuffer hatten, machten wir einen Zwischenstopp im Küstenort São Jorge. Die Dorfkirche wirkt von außen schlicht, überrascht innen aber mit pompösem, barockem Golddekor. Gleich um die Ecke liegt der Leuchtturm von São Jorge.

Und dort erlebten wir das genaue Gegenteil der Hektik an der Levada: Der Dienst habende Leuchtturmwärter der portugiesischen Marine – der hier in 7-Tage-Schichten rund um die Uhr stationiert ist – bat uns spontan zu einer privaten Führung herein. Ein herzlich warmer, aufgeschlossener Mensch, der sich ehrlich freute, ein paar Worte mit uns zu wechseln. Er war definitiv nicht auf der Flucht. Was für ein wohltuender Kontrast! Genau wie die kleinen, gemächlichen und doch flinken Echsen, die man hier überall sieht. Selbst an Strommasten genossen sie die Sonne und das ruhige Leben.


Danach hieß es: Auf geht’s Richtung Pico Ruivo!

Das Wetter am Pass sah düster aus. Dichter Nebel, Nieselregen, schlechte Sicht. Frank blieb optimistisch: „Das wird schon! Schau mal, da oben wird es schon heller!“ Nun ja. Wenn man sich etwas nur oft genug einredet, glaubt man es irgendwann selbst. Und so ging es los. Zu Fuß, denn der Wanderweg hier ist für Fahrradfahrer verboten.

Doch ist er ist so fantastisch angelegt, so dass Radeln möglich wäre. Breit, gepflastert, fast wie eine Promenade. Wir liefen los. Ich vorweg, voller Elan.

Und siehe da: Während unseres Aufstiegs durchbrachen wir später tatsächlich die Wolkendecke! Ein spektakuläres Bild: Die mächtigen Gipfel des Pico Ruivo und des Pico do Arieiro tauchten immer wieder aus dem strahlend weißen Wolkenmeer auf, umspült von der späten Nachmittagssonne.

Doch nach ein paar hundert Metern wurde ich stetig langsamer. Warum? Der Teufel weiß es. Der Weg war breiter als fast jeder Bürgersteig bei uns in Goslar. Rechts und links war so viel Platz, dass man die Abgründe darunter gar nicht richtig sehen konnte. Und trotzdem: Mein Kopf machte plötzlich dicht. Da war er wieder. Mein ganz persönlicher Marshal Samuel Gerard: Die Höhenangst.

Sie holte mich mitten in der schönsten Sonne ein. Und im Gegensatz zu Harrison Ford im Film war ich heute nicht mutig genug für waghalsige Manöver zur Rettung. Ich verlor das Katz-und-Maus-Spiel. Der böse Marshal Höhenangst hatte mich umzingelt. Verdammt, was für ein Mist! Nach einer kurzen, lieben Diskussion mit Claudia, die versuchte mir gut zuzureden (ebenso wie Frank und Antje), traf ich die Entscheidung: Ich drehte um. Frank, Antje und Claudia sollten den Weg zum Gipfel ohne mich fortsetzen.

Ich ging die paar Minuten zurück Richtung Parkplatz, blieb in der Sonne stehen, machte noch einige Fotos und Selfies und war einfach nur wütend auf mich selbst.

Ich fing an zu grübeln, sah noch ein Art Regenbogen oder Helo-Effekt.

Und ich ärgerte mich, analysierte die Situation.  Heisst: Ich ging die Sache rational an:

  1. Der Weg hier ist breiter als die Fußgängerzone in Goslar.
  2. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie grundlos von einem breiten Weg abgekommen. Warum sollte das ausgerechnet heute passieren?
  3. Ich habe bisher im Leben noch fast alles geschafft, was ich mir wirklich vorgenommen habe. Warum scheitere ich an einem gepflasterten Pfad?
  4. Muss ich diesen einen Sonnenuntergang unbedingt von ganz oben sehen? Hatte ich nicht schon wunderschöne Sonnenuntergänge in meinem Leben?

Fragen über Fragen. Die Antworten brachten meine Zuversicht zurück. Ich kehrte um und ging den Weg doch wieder hoch – diesmal allein. Nach fünf Minuten kamen mir Claudia, Frank und Antje schon entgegen. Sie hatten beschlossen, wegen des auffrischenden Windes und des Nebels ebenfalls umzudrehen.

So gingen wir die letzten Meter gemeinsam zurück zum Auto, nicht ohne -fast wie zu Zeiten von Corona- noch eine Pause mit anständigem Abstand zu machen.

Auch wenn es nur ein paar hundert Meter waren, die ich ganz allein noch einmal hochgegangen bin: Ein klein wenig Stolz war da. Und gleichzeitig die Wut auf diese unbegründete Blockade im Kopf.


Trotz allem: Es war ein großartiger Urlaubstag. Die Natur Madeiras ist schlicht überwältigend. Ärgerlich waren stellenweise die Mitmenschen – aber wenn man bedenkt, dass sie sich auf der Flucht vor grundlegendem Sozialverhalten befinden, muss man Nachsicht haben. Noch ärgerlicher war meine eigene, vorübergehende Niederlage gegen den Marshal Höhenangst. Aber das ist eine Rechnung, die ich irgendwann noch begleichen werde. Nur nicht mehr in diesem Urlaub.

Ich hoffe, ihr hatte Freude beim Lesen und beim Betrachten der Bilder! Bis zum nächsten Mal,

Euer „Dr.“ Ullrich „Kimble“