Feeling Madeira

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Madeira ist eine Insel, die sich nicht besonders viel Mühe gibt, überschaubar zu sein. Aber man kann ihre unterschiedliche Art und Weisen fühlen. Und so taten wir das auch die letzten Tage auf unseren Touren. Dabei wechselten sich auf wenigen Kilometern üppige Wälder, schroffe Berge, steile Küsten und Landschaften ab, die aussehen, als gehörten sie eigentlich auf eine andere Insel. Dazu kommen Straßen, bei deren Planung die gerade Linie offenbar als unzulässige Vereinfachung galt. Und all das haben wir die letzten zwei Tage erfahren – im Wahrsten Sinn des Wortes. Denn wir fuhren zu beinahe unwirklichen Wäldern, hinunter zum Atlantik und wieder hinauf zu einem Sonnenuntergang über den Wolken. Dazwischen lagen rund 190 Kilometer, gefühlt 6000 Höhenmeter und genügend Kurven, um die Frage aufzuwerfen, wo die Grenzen der Fahrzeuglenkung eines Nissan QashQuai liegen. Und dann war da noch die Sache mit der Höhenangst. Aber dazu später.

Vorgestern begann mit einer Fahrt zum Vereda do Chão dos Louros. Dieser Weg liegt mitten im Laurissilva‑Wald Madeiras. Das ist einer der letzten großen Lorbeerurwälder der Erde. Und so ist er seit 1999 UNESCO‑Weltnaturerbe. Warum? Ich las, weil er ein nahezu unberührtes Relikt aus der Tertiärzeit ist. Das ist lange her. Sehr lange. Grob liegt das zwischen 66 und 2,6 Millionen Jahren zurück. Das ist, als würdest du in einem Familienalbum ein Foto finden, das so alt ist, dass selbst der Ur‑Ur‑Ur‑Ur-Ur-Ur.. (weis ich, wie viel Ur 😉) Großonkel darauf aussieht, als hätte er gerade erst gelernt, aufrecht zu stehen. Der Wald ist somit ein Zeugnis, der zeigt, wie es hier, oder auch in Europa aussah, bevor Eiszeiten und Forstwirte das Sagen hatten.

Und der Schutz der Natur rund um Chão dos Louros ist vorhanden, da hier die Lorbeerarten, Farne, Moose in einer Dichte vorkommen, die uns in Verzückung und Allergiker wahrscheinlich in Demut versetzt. Ganz ehrlich: Wenn irgendeine Landschaft einen Lorbeerkranz verdient, dann dieser Wald. Nicht nur, weil er aus Lorbeer besteht – das wäre ja fast schon Selbstdekoration – sondern weil er seit Millionen Jahren stoisch das tut, was viele Menschen nicht schaffen: Ruhe bewahren, grün bleiben und sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Selbst wenn Wanderer keuchend vorbeistapfen. Aber weil wir dem Weg oder Bäumen nun keinen Loorbeerkranz umhängen konnten, hat mir Claudia einen geflochten. Aus Loorbeeren, die auf der Erde lagen – selbstredent. Denn was die Natur in Millionen von Jahren erhalten hat, wollen wir natürlich nicht kaputt machen.

Und ich hatte mir den Loorbeerkranz auch verdient. Denn der Weg hierhier war steil und kurvig, so dass ich heute den Begriff Kraftfahrer fast neu definiert habe. Zwischendurch lagen Felsbrocken auf der Straße, die ich gekonnt umzirkeln konnte. Kein Wunder bei den steilen Hängen, bei denen auch die stärksten Steine mal die Kraft zum Halten verlieren können. Aber die Aussichten waren alle Kurbelei wert.

Wir waren fast ganz alleine in diesem kleinen Loorbeerwäldchen, das mystisch und bezaubernd zu gleich war. In fast totaler Ruhe spazierten wir durch das besondere Stück Natur. Farne, die größer waren als wir Menschen, Bäume mit Windungen, die doch besonders sind. Und es war nur ein Paar, das wir auf der Wanderung sahen. Wahnsinn, wie ruhig es hier auf der Insel, die quasi vom Tourismus lebt auch sein kann. So wenig Interesse an dem schönen Wäldchen? Warum mussten wir dann für den Weg bezahlen und reservieren? Wir wissen es nicht. Aber ist auch egal. Die 5 Euro waren super investiertes Geld.

Unser Weg führte uns weiter in den Fanal Forest. Als ich das Wort Fanal hörte, hatte ich irgendwie komische negative Gedanken. Es klang irgendwie bedrohlich für mich. Warum auch immer – ich weiss es nicht. Ich las nach. Ein Fanal war ursprünglich ein weithin sichtbares Licht- oder Feuerzeichen. Solche Zeichen konnten dazu dienen, vor Gefahren über große Entfernungen zu warnen oder Menschen zu alarmieren. Ah, da kam es her. Ob hier der Name wohl eher von vielen Touristen warnte? Nun, dazu kommen wir gleich.

Wir gingen den ersten schönen Weg, der mit einer Treppe begann, die steiler war, als wir vermuteten. Claudia musste teils quer die Stufen nehmen. Auch wenn das Bild die Steilheit nicht richtig darstellen kann.

Und wir waren bald nicht mehr alleine. Neben einer größeren Wandergruppe mit Wanderführer begleiteten uns alte, knorrige Bäume und nun auch feuchte, dreckige Erde und Nebelschwaden. Die Äste der Bäume wachsen in Richtungen, die man bei einem Baum nicht unbedingt erwarten würde, und der Nebel lässt die Konturen verschwimmen. Es ist eine Landschaft, die nicht einfach nur grün ist, sondern in unzähligen Schattierungen von Grün existiert. Dazwischen Grau, gelegentlich ein wenig Licht und immer wieder diese eigentümliche Stille. Frank brachte die Natur in einem Satz zum Ausdruck: Hier brauchst Du eine Leiter um Heidelbeeren zu pflücken. Und recht hatte er. Man sieht es Claudia an.

Wir waren auf einer Art Regenwaldtour unterwegs. Wiederum mystisch. Die schon erwähnte feuchte Luft, die knorrigen Bäume und der Nebel erzeugten eine Atmosphäre, in der man sich ohne Weiteres vorstellen konnte, dass gleich jemand aus einem Märchenbuch zwischen den Stämmen hervortreten würde.

Wobei man hier vermutlich zunächst prüfen sollte, ob es sich um eine Märchenfigur oder einen weiteren Wanderer handelt. Denn vermutlich wird es ein Wanderer sein. Verglichen mit dem ersten Wanderweg war es hier schon recht überfüllt. Doch das war gar nichts. Später zeigte sich, dass Fanal auch anders kann. Der Wald lässt sich über zahlreiche Wanderwege erschließen. Und insbesondere rund um den Lagoa de Fanal, den kleinen See inmitten der Landschaft, schien die Begeisterung für die mystische Kulisse noch ausgeprägter zu sein als dort, wo wir über gefühlte 200 Stufen Falllinie bergab gingen (und ich nachher wieder hoch ging – aber da ist ein anderes Thema). An dieser Stelle, die wir später mit dem Auto passierten waren Menschenmengen unterwegs, für die das Wort „gut besucht“ eine gewisse Untertreibung darstellt. Der Parkplatz „Fanal parking“ war überfüllt, und auch die Straßenränder wurden offenbar als Erweiterung des Parkraums betrachtet. Wir hielten nicht an.

Das Ganze wäre schon bei gutem Wetter eine Herausforderung. Bei Nebel und Sichtweiten von geschätzt 30 Metern bekommt es allerdings eine zusätzliche Dimension. Man fährt vorsichtig, konzentriert sich auf die Straße und versucht, hinter der nächsten Kurve nicht mit einer überraschend abgestellten Autotür Bekanntschaft zu machen. Die Vorstellung, dass sich irgendwo im Nebel ein freier Parkplatz auftut, führt zu starker Konzentration, die dann auch irgendwann müde macht. Gerade, wenn man durch eine potenziell letale Männererkältung eh schon etwas mental eingeschränkt ist 😉.

Doch zurück zum Wald: Es ist schon erstaunlich, dass der selbe Wald in einer Distanz von wenige Minuten Autofahrt erst vollkommen einsam wirkt und kurz darauf von Besucherströmen übervölkert zu sein scheint. Offenbar ist nicht nur entscheidend, wo man sich befindet, sondern auch, welchen Weg man nimmt. Ich war beeindruckt. Die Bäume wohl weniger. Denn sie stehen ja seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten? an ihrem Platz. Ob sich gerade drei Menschen oder dreihundert um sie herum bewegten, dürfte ihre innere Ruhe kaum beeinträchtigt haben. Es sei denn, sie hinterlassen Tempotaschentücher, Zahnstocher, Zahnseidestäbchen und was sie sonst noch zu bieten hatten. Denn das haben wir leider auch gesehen. Ersteres wahrscheinlich, weil ich die Dichte der Toiletten als Planer doch höher ansiedeln würde. So müssten Menschen, die ihre Notdurft in dieser wunderschönen Natur zu verrichten haben, nicht so viele Tempotaschentücher hinterlassen.. Das wäre noch ein Geschäftsmodell…

Nach dem Wald ging es weiter im Auto über die Insel. Grobe Himmelsrichtung: Nord-West. ein schnelles Erinnerungsfoto an einem Hotspot und weiter ging es.

Mittags erreichten wir Porto Moniz im Nordwesten der Insel. Der Ort ist vor allem für seine natürlichen Schwimmbäder bekannt, die in das dunkle vulkanische Gestein der Küste eingebettet sind. Hier hat die Natur gewissermaßen selbst gebaut. Lava, Meer und Zeit haben Becken geschaffen, in denen man zwischen Felsen im Atlantik baden kann. Infinity-Pool pur, quasi.

Die dunklen Gesteinsformationen stehen in starkem Kontrast zum Wasser, dessen Farbe je nach Licht und Wetter zwischen tiefem Blau und leuchtendem Türkis wechselt.

Das Meer ist dabei nicht nur dekorativer Hintergrund. Das Meer ist der Hauptdarsteller. Die Wellen brechen an den Felsen, Wasser schwappt in die Becken, und man wird daran erinnert, dass diese Schwimmbäder zwar von Menschen genutzt werden, der Atlantik aber weiterhin seine eigenen Vorstellungen hat. Ich hatte andere Vorstellungen von der Art, wie wir mit der Natur umgehen. Claudia berichtete von Tampons, Binden, Plastikteilen zwischen den Felsen nahe das Schwimmbades. Es wäre wohl auch zu viel verlangt, wenn die Natur gleich ausleerbare Mülleimer in Form von Lavagesteinsbrocken kreiert hätte. Zu viel wäre es aber nicht zu verlangt, wenn die Menschen ihren Scheiß wieder mitnehmen oder in die dafür vorgesehenen Behälter steckten. So hatten meine Eindrücke schon Dämpfer erhalten. Dämpfer anhand von dummem Verhalten wohl vieler Mitmenschen.

Doch zurück zu Porto Moniz: Nach dem nebligen Wald und den kurvenreichen Straßen war Porto Moniz eine willkommene Abwechslung. Wir sahen wieder ein anderes Gesicht der Insel. Madeira scheint auf engem Raum mehrere Landschaften untergebracht zu haben als manche Menschen ihre Unterwäsche in einer Woche wechseln. Und der Wechsel (der Landschaft und nicht der Unterwäsche) erfolgt in einer Selbstverständlichkeit, die man als Besucher erst einmal verarbeiten muss.

Wir tranken noch etwas, genossen die wirkliche Urkraft der Wellen des Atlantiks, die sich hier so mächtig brachen, bevor es weiter wieder in Richtung Osten ging.

 Das nächste Ziel, was unser Spitzen-Reiseführer Frank vorgesehen hatte, war Miradouro São Cristóvão. Denn hier machten wir auf dem Weg zum Pico do Areeiro Halt. Es ist ein Aussichtspunkt an der Nordküste, an dem man eine Pause einlegen, etwas trinken, einen Snack essen und den Blick über die Landschaft und den Atlantik schweifen lassen kann. Und wir taten genau das.

Dabei fiel mir erneut etwas auf, das mir auf dieser Reise schon häufiger begegnet war. Menschen sitzen an einem Ort, der ihnen einen großartigen Blick auf die Welt bietet, und schauen auf ihr Smartphone. Sie sehen Filme, betrachten Fotos oder beschäftigen sich mit irgendwelchen Inhalten auf einem kleinen Bildschirm, während die Landschaft unmittelbar vor ihnen liegt. Ich frage mich ernsthaft, wie es der IT-Industrie aus dem Silicon Valley gelungen ist, einen derart großen Teil unserer Aufmerksamkeit an diese Geräte zu binden. Na ja, eigentlich weiss ich es ja. Und so glaube ich, dass es tatsächlich eine besonders raffinierte Form des Sklaventums ist. Man hält sich für frei, entscheidet sich scheinbar freiwillig für die Ablenkung und bemerkt kaum noch, was man dafür aufgibt.

Natürlich kann es gute Gründe geben, auf ein Smartphone zu schauen. Man kann eine Nachricht beantworten, eine Route prüfen oder ein Foto machen. So wie in diesem Jahr überigens alle Fotos mit dem Mobiltelefon gemacht worden sind. Warum? Weil ich mein Ladegerät für meine klassische Digitalkamera zu Hause vergessen habe. Ärgerlich ist, aber so. So bin ich auch froh, dass ich mein Telefon dabei hatte. Ich bin so auch keineswegs der Meinung, dass man im Urlaub das Telefon am Flughafen abgeben sollte, zusammen mit dem restlichen Gepäck und den schlechten Gewohnheiten. Aber wenn Menschen an einem Aussichtspunkt sitzen und sich Bilder von Bergen anschauen, während die echten Berge vor ihnen liegen, bekommt die Sache eine gewisse Komik. Lotiot hätte es nicht skuriller darstellen können. Die Natur hat sich sichtbar Mühe gegeben, während die digitale Konkurrenz trotzdem konkurrenzfähig zu sein scheint. Furchtbar in meinen Augen.

Am folgenden Tag sollte mir diese Szene in einer Kirche erneut begegnen. Dort betrachtete jemand auf seinem Handy Fotos von Bergen.

Offenbar ist selbst eine Kirche nicht ausreichend, um die Aufmerksamkeit dauerhaft von einem Bildschirm wegzulocken. Wo sind wir nur gelandet? Man könnte darüber lachen, wenn es nicht zugleich ein wenig erschreckend wäre. Denn wir reisen um die halbe Welt, um etwas zu sehen. Wir planen, buchen, fahren, wandern und investieren Zeit und Geld. Und dann verbringen wir Teile dieser Reise damit, uns mit Inhalten zu beschäftigen, die wir genauso gut zu Hause hätten betrachten können. Einziger Vorteil: Wir würden nicht die Umwelt mit Auto-, Bus-, Zug- oder Flugzeugabgasen verpesten? Aber was kostet eigentlich die Energie, die die vielen Rechenzentren der Social-Media und KI Unternehmen benötigen? Auch das wäre mal wieder ein anderes Thema, dem ich mich irgendwann widmen werde. Vielleicht ist das perfekte Sklaventum tatsächlich jenes, bei dem man freiwillig mitmacht und die Einschränkung irgendwann gar nicht mehr als solche wahrnimmt. Und das scheint mit den Smartphones, (A-)social media und KI erreicht zu sein.

Aber ich will nicht zu streng und besserwisserisch sein. Auch ich habe ja mein Smartphone dabei. Und in diesem Urlaub könntet ihr -wie schon erwähnt- ja keine Fotos sehen. Der Unterschied liegt vielleicht weniger im Gerät als darin, ob man es benutzt oder ob es einen benutzt. Eine abschließende Antwort habe ich darauf nicht. Ich fand die Beobachtung nur bemerkenswert genug, um sie nicht einfach vorbeiziehen zu lassen.

Wir fuhren nach dem Erinnerungsfoto gestärkt weiter zum Pico do Areeiro. Nicht mit dem Mountainbike, welches ich noch am Wegesrand entdeckte. Denn das war schon zugewuchtert und nicht mehr fahrtüchtig.

Nein, wir nahmen natürlich unser Mietauto, um zum rund 1818 Metern hohen Gipfel, der ein bekannter Ausgangspunkt für Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangseindrücke ist, zu fahren. Gleichzeitig ist er ein Startpunkt für Wanderungen durch die zentrale Bergwelt der Insel und so auch zum Pico Ruivo.

Und hier sei ein Einschub erlaubt: Am Tag zuvor waren wir genau an jenem Pico Ruivo unterwegs, dem mit rund 1862 Metern höchsten Berg Madeiras. Die Bergwelt dort oben ist beeindruckend. Breite Grate, steile Hänge, tiefe Täler und Ausblicke, die einem die Dimensionen der Insel noch einmal ganz anders vor Augen führen.

Allerdings hatte ich -wie ich ja schon beschrieb- ein persönliches Naturerlebnis. Meine Höhenangst, die ich ja noch gar nicht so lange habe (und auch nicht weiss, wo sie herkommt) meldete sich zu Wort. Nicht mit einem höflichen Hinweis, dass ich vielleicht etwas vorsichtiger sein sollte, sondern mit der Entschlossenheit einer Behörde, die gerade beschlossen hat, den Betrieb einzustellen. Das Ärgerliche an Höhenangst ist ja, dass ich mir der mangelnden Logik durchaus bewusst bin. Ich weiß, dass ich nicht automatisch abstürze, nur weil der Weg an einem Abhang vorbeiführt. Ich kann die Situation vernünftig erklären, Risiken einschätzen und sämtliche verfügbaren Argumente auf den Tisch legen. Mein Gefühl hört sich das alles an und entscheidet anschließend, dass es trotzdem nicht weitergeht. Eine besonders effiziente Form der Entscheidungsfindung ist das nicht. Hatte ich alle Effizienzen in meinem Arbeitsleben aufgebraucht? Wie auch immer.  All das, was ich gestern beschrieb, klingt wohl nicht nach Heldentat. Ich hatte ja weder die Angst besiegt noch eine neue Persönlichkeit entdeckt. Aber ich hatte erlebt, dass man trotz eines unguten Gefühls manchmal noch einen Schritt machen kann. Vielleicht ist das schon genug. Nicht jede persönliche Entwicklung muss mit einem Gipfelfoto dokumentiert werden.

Der Gedanke sollte mich an diesem schönen Tag noch einmal begleiten. Madeira hatte schließlich reichlich Berge zu bieten. Und es wäre schade gewesen, wenn die Höhenangst künftig die komplette Reiseplanung übernommen hätte.

So ging es also zum Sonnenuntergang mal wieder bergauf. Kein Problem, wie häufig bin ich Pässe hoch gefahren? Wie häufig herunter? Was ist nur die Tage mit mir los? Denn so einfach war es nicht. Ich fuhr wohl eher wie der alte Rentner (der ich ja ggf. sogar bin) über die gut ausgebauten Passstraßen. Die Blicke nach unten waren so mein Ding nicht. Viel zu sehr konzentrierte ich mich auf die Straße. Und so ging es im Schneckentempo hoch zum Berggipfel. Wir sammelten weitere Kilometer, die die Tagesbilanz von rund 190 Kilometern füllte. Auf einer normalen Landkarte klingt das nach einem überschaubaren Ausflug. Auf Madeira ist eine solche Zahl allerdings nur bedingt aussagekräftig. Die Straßen winden durch die Berge, steigen an, fallen ab und biegen in Richtungen ab, die man kurz zuvor noch nicht für möglich gehalten hätte. Kurven folgen auf Kurven. Hin und wieder öffnet sich der Blick auf ein Tal oder das Meer, und man versteht wieder, warum man sich das alles antut.

Wie viele Höhenmeter wir hoch und wieder runter fuhren, haben wir offiziell nicht vermessen. Denn das erscheint überflüssig. Denn die Insel ist auch ohne das Wissen landschaftlich spektakulär. Nun ging es also auf den 1818 Meter hohen Berg hoch. Und da ich langsam fuhr, war das ggf. auch irgendwie ein Teil des Reizes. Madeira zwingt mich gewissermaßen dazu, langsamer zu werden. Nicht unbedingt aus philosophischer Einsicht, sondern weil die nächste Kurve ohnehin keine Alternative anbietet.

Wichtig: Wir kamen an. Sicher und gut und vor allen Dingen zeitig. Und wir waren voller Genuß und Vorfreude.

Der Sonnenuntergang, den wir genießen wollten lag noch 45 in der Zukunft. Die Aussicht dort oben war aber jetzt schon außergewöhnlich. Wir erwischten -nachdem wir auch wieder durch Wolken fuhren- eine klaren Sicht und konnten so weit über die zerklüfteten Bergketten schauen, während sich unter uns ein weisses Wolkenbrand ausbreitete. Claudia bemerkte noch, dass man das Gefühl haben könnte, dass man dort wie in ein schönes Federbett reinspringen könnte. Ich lasse das mal so stehen…

Natürlich waren wir nicht allein. Madeira ist ja längst kein Geheimtipp mehr (die Steuerung des Overtourism an den Wanderwegen ist da ja eindeutig). Und ein solcher Ort zieht Menschen an. Viele Menschen. Nach den Erfahrungen des Tages bzw. der letzten Tage hätte man erwarten können, dass es eng, laut und hektisch wird. Dass alle um den besten Platz kämpfen und möglichst schnell das perfekte Bild produzieren. Doch es kam anders.

Obwohl der Gipfel gut besucht war, herrschte eine erstaunlich ruhige, beinahe besinnliche Stimmung. Die Menschen nahmen Rücksicht, ließen einander Platz und schienen tatsächlich gemeinsam auf das zu warten, weswegen sie gekommen waren. Als ich ein Panoramabild machte (was irgendwie nicht gespeichert wurde) nahmen sich zwei Mitbewunderer der Szenerie automatisch zurück, als sie sahen, was ich tat. Das ist Sozialverhalten! Danke!

Während wir im sehr kühlen Wind (der meiner Erkältung trotz winddichter Regenjacke, Fleece-shirt, Unterhemd und Kopfbedeckung sicher nicht zuträglich war) warteten, veränderte sich das Licht.

Die Berge zeichneten sich gegen den Himmel ab, die Wolken lagen ja schon die ganze Zeit unterhalb der Gipfel, und die Farben wechselten im Westen langsam von hellem Blau über Gold bis zu warmen Rot- und Violetttönen. Das dann mehr auf der östlichen Seite. Die Landschaft wurde mit jeder Minute ein wenig anders. Man konnte fotografieren, natürlich. Aber irgendwann war es angenehmer, einfach hinzuschauen. Musste ich auch machen, weil mein Akku des Smartphones leer war…

Das Interessante war für mich nicht nur die Schönheit des Sonnenuntergangs, sondern auch die Stimmung unter den Menschen. Am Miradouro São Cristóvão hatten manche lieber auf ihre Bildschirme geschaut. Hier standen viele Menschen zusammen, ohne dass daraus ein hektisches Gedränge wurde. Vielleicht braucht es manchmal einfach eine Landschaft, die so eindrucksvoll ist, dass man sich mit ihr beschäftigt muss, statt sich mit ihrer digitalen Version auseinander zu setzen. Aber ggf. ist hier mehr der Wunsch der Vater des Gedanken.

Der Pico Ruivo vom Vortag war dabei noch in meinem Kopf. Dort hatte meine Höhenangst mich zunächst zum Anhalten gebracht. Nun stand ich wieder in den Bergen und erlebte einen dieser Momente, für die man überhaupt reist. Ich hatte meine Angst nicht überwunden. Es wäre übertrieben, daraus eine Erfolgsgeschichte zu machen. Aber ich hatte mich am Vortag noch einmal auf den Weg gemacht, und nun stand ich hier. Vielleicht muss man nicht jeden Gipfel erreichen. Vielleicht muss man nicht alle Ziele erreichen. Manchmal genügt es, sich von der Angst nicht alle Möglichkeiten nehmen zu lassen.

Und wenn man dafür mit einem Sonnenuntergang wie diesem belohnt wird, kann man sich eigentlich nicht beschweren. Außer über die Straßen. Die hätten auf dem Rückweg gern ein paar Kurven weniger haben dürfen.

Am nächsten Tag ging es erneut an die Ostküste. Und wieder zeigte die Insel ein vollkommen anderes Gesicht. Wo der Norden und die Bergwälder von Feuchtigkeit, Nebel und üppigem Grün geprägt waren, präsentierte sich die Ostküste deutlich trockener und wärmer. Die Landschaft ist offener, die Vegetation spärlicher, und die Farben wirken kräftiger. Ocker, Braun und Rotbraun stehen neben dem Blau des Atlantiks. Die vulkanischen Formen sind deutlicher sichtbar, die Hänge wirken rau und exponiert.

Besonders die Halbinsel Ponta de São Lourenço zeigt, wie anders Madeira aussehen kann. Statt geschlossener Wälder prägen dort windgeformte, weitgehend baumlose Hügel, steile Küsten und schmale Landzungen das Bild. Die Landschaft wirkt fast karg, obwohl sie keineswegs weniger eindrucksvoll ist. Nach den mystischen Wäldern des Vortags war das ein deutlicher Wechsel. Die Insel hatte offenbar beschlossen, noch einmal eine andere Abteilung ihrer Landschaftsausstellung zu öffnen.

Auch die tierischen Bewohner machten auf sich aufmerksam. Überall waren kleine Echsen unterwegs, die zwischen Steinen verschwanden, über Wege huschten und sich in der Sonne aufwärmten. Sie sind zahlreich und wirken zunächst recht harmlos.

Allerdings sollte man sich von ihrem niedlichen Erscheinungsbild nicht zu sehr täuschen lassen. Eine Echse biss mir tatsächlich in den Finger.

Mit ihren kleinen, scharfen Zähnen hinterließ sie einen durchaus überzeugenden Eindruck. Nicht sehr schmerzhaft, ich bin ja ein Mann. Aber doch fühlbar. Heldenhaft liess ich den Schmerz zwei Mal über mich ergehen, bevor Claudia in einem markershütternden Ton schrie. Da hat sie doch eine Echse auf  dem falschen Fuß erwischt. Vor allen Dingen unvorbereitet. Ob die Echsen in uns eine Bedrohung, eine merkwürdige Futterquelle oder einfach für einen lästigen Besucher sahen, bleibt offen.

An diesem Tag wurde im Übrigen kontrolliert, ob die Wanderer ihre Wege ordnungsgemäß reserviert und bezahlt hatten. Wir erlebten das in dieser Woche das erste Mal. Und so wurde ein Ehepaar am Eingang zum Weg abgewiesen. Der nächste freie Slot: Montag (heute ist Freitag).  Ich hatte mich bereits mit der Reservierungspflicht und der Besucherlenkung auf Madeira beschäftigt und darüber geschrieben. Die Kontrolle machte nun deutlich, dass diese Regeln nicht nur auf einer Internetseite stehen, sondern tatsächlich durchgesetzt werden.

Das Thema hat zwei Seiten. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass die Insel ihre empfindlichen Naturräume schützen und die Zahl der Besucher begrenzen möchte. Wenn immer mehr Menschen dieselben Wege nutzen, entstehen Belastungen, die sich nicht einfach ignorieren lassen. Andererseits bedeutet eine solche Regelung, dass man sich nicht mehr unbedingt spontan auf den Weg machen kann. Wer die Reservierung versäumt oder die Vorgaben nicht erfüllt, steht möglicherweise vor einem verschlossenen Zugang. Für das abgewiesene Ehepaar war das vermutlich kein besonders erfreulicher Teil des Urlaubs.

Es ist  ja auch eine der Widersprüchlichkeiten des modernen Reisens: Wir möchten unberührte Natur erleben, aber möglichst unkompliziert und jederzeit Zugang zu ihr haben. Wenn zu viele Menschen dasselbe wollen, muss jemand organisieren, begrenzen und kontrollieren. Die Natur wird dadurch nicht weniger schön. Der Weg zu ihr wird allerdings bürokratischer. Und mit zwei Beamten in unserer Reisegruppe haben wir für Bürokratie ja volles Verständnis.

Vielleicht ist die Steuerung (um ein schöneres Wort für Bürokratie zu finden) der Preis dafür, dass Meisterleistungen der Natur, wie sie Madeira viele zu bieten hat, nicht nur von wenigen Reisenden entdeckt, sondern von vielen Menschen besucht werden wollen.

Zum Abschluss lohnt sich noch ein Blick auf eine ganz andere Art von Meisterleistung: Der Flughafen von Madeira. Der Cristiano Ronaldo (wer ist das eigentlich?) International Airport. Seine Lage zwischen Bergen und Meer und die anspruchsvollen Windverhältnisse stellen besondere Anforderungen an den Flugbetrieb. Die Landebahn wurde erweitert und auf einer beeindruckenden Stahlbetonkonstruktion über das Gelände hinausgeführt. Mächtige Stützen, die wir auf der Autofahrt zur Ponta de São Lourenço schon unterfahren haben, tragen einen Teil der Bahn über die Küstenlandschaft. Schon vom Boden aus ist das ein imposantes Bauwerk. Richtig faszinierend wird es, wenn man beobachtet, wie Flugzeuge sich der Insel nähern und zur Landung ansetzen.

Hier treffen technische Präzision, Erfahrung und die besonderen Bedingungen der Natur unmittelbar aufeinander. Piloten müssen die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen. Und ich erinnerte mich, wie grandios mein eigener Landeanflug im Boeing 747 Flugsimulator der Lufthansa war, als ich die Landebahn selber einmal anflog. Nun, ich hatte ja auch eine super Hilfe von einem Profi.

Und Profis benötigt es hier auch. denn der sichere Flugbetrieb hängt von sorgfältiger Planung und anspruchsvollen Verfahren ab. Man kann sich leicht vorstellen, welche technischen und planerischen Leistungen notwendig waren, um eine solche Infrastruktur zu schaffen. Der Mensch ist durchaus in der Lage, erstaunliche Dinge zu konstruieren und sich schwierigen Bedingungen anzupassen. Allerdings nicht, indem er die Natur einfach ignoriert. Sondern indem er ihre Eigenheiten ernst nimmt.

Das ist vielleicht ein wichtiger Unterschied: Technik kann Möglichkeiten schaffen, aber sie hebt die Wirklichkeit nicht auf. Ein Flugzeug landet nicht deshalb sicher, weil man

Was bleibt von zwei weiterenTage Madeira? Mystische Wälder, überfüllte Parkplätze, steile Straßen, natürliche Schwimmbäder im Atlantik, ein Sonnenuntergang über den Wolken und eine trockene Ostküste, auf der selbst kleine Echsen ihren eigenen Standpunkt vertreten. Dazu die Beobachtung, dass manche Menschen lieber Bilder von Bergen auf ihren Handys betrachten, als die Berge vor sich anzuschauen. Und die Erfahrung, dass eine Insel einen nicht nur mit ihrer Schönheit beeindrucken kann, sondern auch mit den eigenen Grenzen.

Am Pico Ruivo hatte meine Höhenangst zunächst das Kommando übernommen. Ich war stehen geblieben, hatte mich geärgert und versucht, die Sache logisch zu analysieren. Danach war ich noch einmal losgegangen. Nicht weit, aber weiter als zuvor. Es wäre schön, wenn sich jede Schwierigkeit mit einem solchen kleinen Erfolg beantworten ließe. So einfach ist es vermutlich nicht. Aber manchmal reicht es, wenn man nach einer Pause noch einmal aufsteht und es versucht.

Man muss nicht jeden Gipfel erreichen, nicht jeden Weg bis zum Ende gehen und nicht jeden Augenblick festhalten. Manchmal genügt es, dort zu sein, wo man gerade ist, und das wahrzunehmen, was sich vor einem entfaltet.

Und wenn man dabei einen Sonnenuntergang wie den auf dem Pico do Areeiro erlebt, hat man eigentlich keinen Grund, sich zu beschweren.

Das war mein letzter Bericht von unserer Zeit auf Madeira. Denn heute hat mich eine medizinisch hochkomplexe, potenziell lebensbedrohliche Männererkältung (die mich schon seit 3 Tagen beschäftigt) ans Hotelbett gefesselt – eine Erkrankung, die Frauen vermutlich allein durch ihre Existenz wegstecken würden, während wir Männer erst einmal unsere letzten Kräfte mobilisieren müssen. 😂

Shopping und eine Seilbahnfahrt inklusive Botanischem Garten wurden daher kurzerhand aus meinem Therapieplan gestrichen. Meine körperlichen Ressourcen sind erschöpft. Einerseits durch die vermutlich hochaggressive Mischung aus Viren, Bakterien und sonstigem mikroskopischem Ungeziefer, die sich offenbar dazu entschieden hat, meinen Hals in eine Entzündungszone, meinen Kopf in einen Presslufthammer und meinen Kreislauf in den Energiesparmodus zu versetzen. Andererseits aber auch durch die vielen Eindrücke der letzten Tage und all das, was ich mit meinen Freunden und Claudia erleben durfte.

Die besonderen Tage und Eindrücke haben wir auch Frank zu verdanken, der in seiner ihm eigenen Art so tolle Planungen hingelegt hat. Claudia hätte daher gestern schon ein „Danke Frank“ heraus geschriehen. Ich konnte sie gerade noch zurück halten, denn das ist ja eigentlich eher Antjes Aufgabe ;-).

Ich will erwähnen, dass ich erst einmal dankbar bin. Nein, nicht unbedingt für die kleinen biologischen Mitbewohner, die gerade meinen Körper als Ferienwohnung nutzen. Nicht, dass ich Claudia gerade noch zurück halten konnte, den Dank heraus zu schreien. Sondern dafür, dass ich diese wunderbaren Tage erleben durfte – und sie mit Euch teilen kann.

Deshalb sage ich für heute: Obrigado und até à próxima! – also Danke und bis zum nächsten Mal. Welches Thema der nächste Bericht dann auch immer behandeln wird. Bestimmt nicht Madeira, denn morgen geht es zurück in die kühle Heimat. Vielleicht das Leben – oder die wissenschaftlich noch immer unterschätzte Rekonvaleszenz eines Mannes mit Schnupfen. 😉