Es ist jetzt 8 Uhr am Sonntag früh und muss einfach in die Tasten greifen. Nein nicht in die Tasten der Klaviers, was ich so häufig tue, sondern in die Tasten des Computers. Warum? Nun ich habe einen super Abend / Nacht hinter mich gebracht und will darüber gerne berichten. Und es wird ausnahmsweise viel Text und wenig Bild sein, dann alles, was Nachts passiert, will man dann doch nicht auf Fotos festhalten.
Es ist nicht so, wie ihr denkt, nein nein. Die Nacht hat eben auch etwas mit Tasten zu tun. Mit 88 Tasten und Zisterziensern. Einige von Euch werden sich fragen, was? Zisterzienser? Nun, die Zisterzienser waren eine mittelalterliche Mönchsbewegung, die sich dem Motto „Ora et labora“ – bete und arbeite – verschrieben hatte, aber bitte schön ohne Prunk und Pomp. Ihre Klöster waren schlicht, dass selbst IKEA neidisch wär. Ihre Lebensweise streng, und ihre Musik? Himmlisch minimalistisch! Statt barocker Klangorgien gab’s klare Gregorianik, die so rein war, dass selbst ein Tonleiter-Ausreißer sich schämte. Wenn du also Musik mit spiritueller Tiefenreinigung suchst – die Zisterzienser liefern den Soundtrack zur inneren Einkehr mit Stil und Stille.
Die 88 Tasten, von denen ich sprach, sind natürlich die vom Klavier. Nicht irgendeines Klaviers, sondern eines Steinway Flügels mit interessantem Eigenleben – wir kommen noch darauf. Wer jetzt denkt, der Kohl hat Gregorianische Musik auf dem Klavier gehört, der irrt gewaltig. Ich hörte Musik nicht mit sprituellem Tiefgang, sondern mit musikalischem Tiefgang und ja, hier ist das Wort richtig, mit fulminanter Bandbreite.

Joja Wendt, der Chuck Norris des Klaviers gestaltete einen musikalischen Abend der Meisterklasse. Klar, wo er spielt, wächst kein Staub mehr auf dem Flügel. Er haut in die 88 schwarz/weissen Tasten mit einer Mischung aus Jazz, Charme und norddeutscher Coolness, dass selbst Beethoven im Grab mitwippt. Wenn er ein Konzert gibt, tanzen die Noten freiwillig vom Blatt. Und ganz ehrlich: Wer so locker über Musik spricht, könnte auch einem Metronom das Swingen beibringen! Und er brachte den Flügel zum Schwingen. Auch dann, wenn er die angeschlagene Saite festhielt. Beeindruckend.
Häufig hört man den Begriff virtuosität. Und das haben wir den Abend erleben können. Wir genossen das glänzende Können, das einem die Kinnlade runterklappen lässt. Joja Wendt beherrscht sein Instrument so meisterhaft beherrscht, dass es fast übermenschlich wirkt. Technische Brillanz: traf künstlerische Raffinesse und das wurde mit souveräner Leichtigkeit dargeboten. Blitzschnell, präzise, und dabei mit Gefühl und viel Ausdruck brachte er das Zisterzienserkloster in Walkenried zum Beben.
Aber nicht nur auf dem Klavier (und nebenbei auf der Melodika) haben wir einen Meister erlebt, sondern auch verbal. Er parlierte mit einem Schalk im Nacken, den man so ganz und gar nicht mit seiner Heimatstadt in Verbindung bringt. Wer das Programm gehört hat, dem war klar, wieso er ein begnadeter Entertainer ist. Er ist pures Dynamit (so eines seiner Lieder). Und damit sind wir auch schon bei einem Teil seiner Setlist, die diverser kaum sein konnte.
Neben Eigenkompositionen und der Erklärung, wie er seinen kreativen Kompositionsprozess erlebt wurden bot er eine Bandbreite mit Thunderstock von AC/DC (das er auch vor zwei Wochen beim Wacken Open Air ‚Iron Keys‘ auf der Wasteland Stage spielte) bis zum Beethoven-Medley an, die man sonst in Konzerten selten hört.
So wurde Oscar Petersons (der von Duke Ellington als Maharadscha der Tasten genannt wordne ist) Version des Sheik of Araby intoniert und auch der klassische Boogie Woogie durfte nicht fehlen. Der „Walkenried Boogie Woogie“ animierte das Publikum zum mitwippen. Das typisch Deutsche Klatschen auf 1,2,3,4 – die Marschmusik eben, ist bei einem Tempo von 180-240 Beats pro Minute eben nur noch schwer möglich. Zum Glück 😉. Und wo wir gerade beim Jazz sind, da fehlte der Chigaco blues „I got my mo jo working“ von Muddy Waters auch nicht.
Im Südharz, sozusagen das Südamerika von Deutschland hört man Tango. Walkenried ist eine Tango Hochburg. Na, wenn Joja Wendt das sagt, wird es wohl stimmen. Der gespielte Tango war dann das passende Gegenstück zu den norddeutschen Schwerpunkten im Programm. Der Hans Albers Klassiker „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ wurde so zitiert, dass selbst der Flügel mitanzte. Später explodierten die Tasten und die Stimmung bei der -angelehnt an John Lee Hookers Boom Boom- Eigenkomposition Moin Moin Moin. Klar, die Hamburger und Norddeutschen „sind reines Dynamit“. Wenn das die Zisterzienser erlebt hätten…
Der Abend neugte sich dem Ende mit dem Partyprogramm aus Gilbert O‘ Sullivans Get Down, David Dundas‘ Heans on I can’T get no satisfaction der Stones. Nein, passend war das Lied nicht, denn der Abend hat mehr als Befriedigung gebracht. Emotionale Stimmungen, befreiendes Lachen und eben eine grandiose Reise von 10 Fingern über 88 Tasten.

Ich bestaunte parallel immer wieder die virtuosen Fähigkeiten dieser Hände. Claudia sagte, es würde so aussehen, als ob die Finger gerade so über das Piano schwebten. Nun, bei den Geschwindigkeiten, geht das wohl auch gar nicht anders. Eine Ausnahme gab es: Der Mittelteils von Rimski-Korsackovs („wie war doch gleich der Vorname“ – Nicolai) Hummelflug. Wer kennt das Lied nicht. Und hier spielte Joja Wendt den klassiker mit hip hop Elementen begleitend derartig schnell, dass er versprach, dass selbst das Mobiltelefon des Besuchers in der vierten Reihe, in, dass der Besucher permanent schaute und dessen leuchtender Bildschirm nur störend war, mit seiner hochauflösenden HD Kamera nicht mehr alle Bewegungsteile aufnehmen konnte. Der Kampf Mensch gegen Maschine. Ich glaube, Joja Wendt hat ihn gewonnen.
Und lasst mich dieses unsagbar unsoziale Verhalten des einen Besuchers, der im übrigen neben Egon aus Hamburg saß, zum Anlass nehmen, die nächsten Zeilen geanklich mit dem Untertitel „Intelligenz trägt Sakko – und rempelt trotzdem“ überschreiben. Es war ein Abend der Hochkultur, der feinen Töne und der noch feineren Selbstwahrnehmung. Der Künstler auf der Bühne – eloquent, charmant, mit dem Charisma eines musikalischen Zauberers – ließ es sich nicht nehmen, dem Publikum ein Kompliment zu machen: „Sie sind ein besonders intelligentes und attraktives Publikum. – hier im Sisterzs.. In Walkenried“ Ein Satz, der schmeichelt wie ein warmer Cognac nach dem Dessert. Man nickt, lächelt, fühlt sich verstanden – und drückt im selben Moment dem Hintermann dauerhaft seinen Rücken in die Knie, als ob man intimen Kontakt haben möchte.
Denn was da im Kloster versammelt war, war weniger ein Think Tank als ein Drängel-Kollektiv mit Hang zur Selbstüberschätzung. Die Intelligenz, die uns da bescheinigt wurde, schien sich vor allem auf das Beherrschen von Dresscodes zu beziehen: Sakkos, Anzüge, Serviceclub-Embleme am Revers – die Uniform der gepflegten Besonderheit. Man zeigte Haltung, zumindest äußerlich. Innerlich jedoch tobte offenbar ein ganz anderes Konzert: das der sozialen Kurzsichtigkeit in Dur und Moll.
Hinter mir wurde geredet. Nicht geflüstert, nicht kommentiert – geredet. Mit einer Lautstärke, die selbst die PA-Anlage in Verlegenheit brachte. Die Musik? Ein netter Hintergrund für die eigene Konversation. Und wenn man schon mal da ist, warum nicht gleich an den schmalsten Stellen des Saals stehen bleiben, um dort in Gruppen zu parlieren? Die Idee, sich auf eine freie Fläche zu begeben, um anderen den Durchgang zu ermöglichen, war offenbar zu avantgardistisch für diesen Abend.
Was mich besonders erstaunte: Es waren nicht die jungen Wilden, die sich danebenbenahmen. Nein, die waren kaum da – vermutlich zu beschäftigt damit, irgendwo anders Rücksicht zu nehmen. Es war die Generation der silberhaarigen Selbstverwirklicher, die mit dem Habitus des Bildungsbürgertums auftrat, aber mit dem Benehmen eines schlecht gelaunten Festivalpublikums agierte. Kein Vergleich mit Wacken-so wie ich vermute. Nicht alle, versteht sich. Ein Großteil zeigte das übliche Maß an Sozialverhalten – man grüßte, man lächelte, man ließ passieren. Aber die Zahl derer, die sich wie die intellektuelle Elite auf Betriebsausflug aufführten, war auffällig.
Und so bleibt mir nur, dem Künstler zu widersprechen – mit aller gebotenen Höflichkeit: Ja, attraktiv mag das Publikum gewesen sein. Aber wenn Intelligenz auch soziale Intelligenz umfasst, dann war dieser Abend eher ein soziologisches Experiment mit ernüchterndem Ausgang.
