Regen, Wohnwagen und Norbert

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Claudia allein zu Haus? Nun, da ist sie selber schuld. Denn dank ihrer charmanten Überzeugungskunst sitze ich nun nicht neben ihr auf dem Sofa, sondern saß im Auto – auf dem Weg in die Alpen. Dieses Mal soll es keine Alpenüberquerung mit dem Mountainbike werden, sondern ein Basislager in Prad am Stilfser Joch. Von dort aus heisst es: Radeln, Wandern, Fluchen. Je nach Wetterlage und Laune.

Und damit sind wir auch voll im Thema. sagen wir, der frühe Vogel fährt im Regen. Denn um 04:30 Uhr ging es heute los. Eine Uhrzeit, die selbst der Hahn verschläft. Ich bin wach. Warum? Weil ich dachte, ich könnte in neun Stunden gemütlich nach Südtirol cruisen. Spoiler: Ich lag falsch. Es regnet. Nicht so ein bisschen „romantischer Niesel“, sondern „Apokalypse jetzt“. Mein Auto gleitet auf der Tangente in Goslar wie ein Pinguin auf Glatteis. Ich bremse meine Euphorie – und das Tempo. Zwischen Seesen und Göttingen hört der Regen auf. Mein Auto hat sich inzwischen an das Schneckentempo gewöhnt. Ich auch. Dank Travel Assist fährt es fast von allein. Ich bin nur noch Beifahrer mit Verantwortung.

Beifahrer auf der A7, Deutschlands längster Baustelle. Denn ab Kirchheim beginnt das große Baustellen-Bingo. Brücken, Absperrungen, Tempo 80-Schilder im Minutentakt. Ich frage mich, ob die A7 überhaupt noch eine Autobahn ist oder einfach ein ambitioniertes Kunstprojekt aus Warnbaken und Bauarbeitern.

Ein kurzer Ladestopp bei Würzburg, dann weiter Richtung Ulm. Auf der Gegenfahrbahn: 6 km Stau wegen Leitplankenarbeiten. Schwein gehabt, denn auf meiner Seite heisst es weiter Dauer-Cruising – bis Ulm.

Hier beginnt das große Wohnwagen-Festival. Oder sollte ich sagen, Wohnwagen-Wahnsinn und LKW-Ballett? Denn ab Ulm scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben: Wer ein Wohnmobil fährt, darf die linke Spur blockieren. Mit exakt 80 km/h. Und wehe, ein LKW will überholen – dann beginnt das epische Duell der rollenden Schnecken. Ich bleibe ruhig. Also äußerlich. Innerlich schreie ich in drei Sprachen.

In Kempten habe ich meinen zweiten Ladestopp beim Porsche-Zentrum. Und ich kann sagen Regen Reloaded. Während der Akku voll lädt, sitze ich im Auto, schaue den Fließenlegern im neuen Verkaufsraum zu und merke, wie der Regen stärker wird.

Auf der Weiterfahrt gilt das Gleiche für den Verkehr. Nach dem Grenzübertritt in Österreich: Stop-and-Go. Ich weiche aus, lande wieder auf der B179. Kolonnenverkehr. Vor mir ein Auto, das sich nicht entscheiden kann, ob es 50, 60 oder 70 fahren will. Ich entscheide mich für Geduld, es will nicht so richtig klappen. Denn den Fernpass geht es nur mit 40 hoch und weil es so schön ist mit 20/25 wieder runter. Das nenne ich Motorsport pur.

Ich muss meinen Ärger runter schlucken. Irgendwann hinter Imst lässt es sich besser fahren. Doch der Regen lässt nicht nach. Die Straßenverhältnisse lassen maximal 80 zu.

Ich erreiche Martina in der Schweiz. Das Holz vor ihrer Hütte ist noch da. Nein, kein metaphorisches Holz – echtes Holz. Sägewerk. Und ein Werbeplakat, das in Deutschland vermutlich einen Shitstorm auslösen würde. Dann geht’s über die Norbertshöhe – ihr wisst schon, die, die ein Arschloch ist.

Vor mir: ein Wohnmobil – na, wer hätte das gedacht. Neben mir: eine Rennradfahrerin mit Beinen aus Stahl. Und nachfolgende noch weitere – die allerdings mit Strom.

Ich erinnere mich an meine eigene Tortur hier – bei 40 Grad und null Strom. Heute? 300 PS und Akku-Power und 30 Grad geringere Temperatur. Ich bin der König der Norbertshöhe. Zumindest fast.

Weil mich die Norbertshöhe am 16. Juli 2023 so stark geärgert hat, bleibe ich auf ihr auch nicht stehen, fahre an Nauders vorbei. Wie? Na im strömenden Regen. Am Reschensee schüttet es wie aus Eimern. Der berühmte Kirchturm? Heute nicht. Ich will nur noch ankommen.

Um 15 Uhr bin ich endlich in Prad. Statt 9 Stunden: 10,5.. Und was passiert hier? Nach 45 Minuten sehe ich statt Regen die Sonne.

Ich versuche noch eine Softshelljacke zu erwerben (das ist der Preis, wenn man seine zu Hause liegen lässt). Die einzige passende Jacke, die ich in meiner Größe finde kaufe ich nicht. Warum? Die Bedienung telefoniert privat und ignoriert mich. Mein Geld bekommt sie nicht. Ich bin Prinzipienreiter.

Ich zeige mich nicht in Softshell, sondern im T-Shirt und genieße den Blick gegen den blauen Himmel.

In der Ferne die Berge im Schnee. Das heisst morgen: Zwiebel-Look. Denn da oben, wo ich hin will – morgen nicht mit dem Rad, sondern mit Wanderschuhen- ist es kalt. Ach ja, was oben ist: Das Stilfser Joch, von wo ich den Goldseeweg, der mich seit über 7 Jahren schon ruft, erwandern möchte. Vorbei an alten Weltkriegsstellungen, hoffentlich mit Blick auf König Ortler. Ich bin gespannt. Und jetzt müde.

Bis morgen – mit weniger Wohnwagen und mehr Wanderwegen.