Der erste Tag meiner diesjährigen Alpentour im Vinschgau liegt hinter mir – und er war nicht nur landschaftlich ein Erlebnis, sondern auch eine Lektion in Demut und Anerkennung. Warum? Weil ich heute den Goldseetrail gewandert bin. Und dabei habe ich mehr als nur Höhenmeter gemacht – ich habe Respekt gezollt. Viel Respekt. An viele Menschen.
Aufstehen um 06:30 Uhr – „boa, war das früh“. Vor allem im Urlaub. Da könnte ihr mal Respekt vor mir haben ;-). Aber ich hatte einen Plan: Um 07:00 Uhr pünktlich frühstücken, denn der Bus zum Stilfser Joch sollte um 08:45 Uhr starten. Und wer will schon den ersten Gipfel des Tages am Bussteig verpassen? Frühstück: OK, Pünktlich an der Haltestelle: Auch OK. Doch dann – „ich musste noch einmal für Königstiger“. Also zurück zum Hotel, Sprintmodus aktiviert, und – na klar – Bus noch erwischt. Ein Hoch auf die innere Uhr und meine Gelassenheit.
Das Busfahren hier ist übrigens kostenlos für Gäste – und ich finde, das ist eine richtig gute Sache. Weniger Verkehr, mehr Entspannung. Ich muss neidlos anerkennen: Die Busse sind meist pünktlich (na ja, nicht immer 😉), sauber und die Fahrt oft stressfrei (auch das nicht immer 😉 – lesen wir alles später). In diesem Sinne: Respekt Nummer eins geht an die Südtiroler für ihr durchdachtes Mobilitätskonzept.
Doch bevor ich überhaupt einen Fuß auf den Trail des Goldsees setzen konnte, standen erst mal 25 Kilometer Busfahrt an – über 48 Kehren und 1.800 Höhenmeter hinauf zum Joch. In Stilfs hieß es umsteigen von Linie 271 auf 270. Ich war in Gedanken – denn kurz zuvor hatte ich die verbrannte Fläche des Waldbrandes gesehen, der Anfang des Jahres hier gewütet hatte.

Und ich dachte: „Gegen das, was hier abgegangen ist, ist unser Feuer am Nordberg ein Fliegenschiss.“ Kein Vergleich. Auch unser Einsatz war hart – Glutnester bekämpfen, den Berg rauf und runter – aber das hier war eine andere Liga. Respekt an die Feuerwehrleute von Prad.
Während ich so vor mich hin träumte und das Gewusel in Stilfs betrachtete – vor dem Hotel Traube und dem Stilfserhof – war ich ehrlich froh, dass ich mich gegen eine Übernachtung dort entschieden hatte. Der Marktplatz in Goslar zur Glockenspielzeit ist nichts dagegen. Enge Straßen, drei Busse, die sich irgendwie aneinander vorbeischlängeln – und ich mittendrin, fast den Anschluss verpasst. Erst im letzten Moment fiel mir ein: „Mensch, Du musst ja umsteigen.“ Gesehen, getan – und wenige Minuten später war ich auf dem Weg zur Passhöhe.

Ich war nicht allein. Mein Bus schon gar nicht. Wir überholten Radfahrer – viele Radfahrer – die sich den Pass hochquälten. Der gesetzlich vorgeschriebene Abstand von 1,50 m? „Wenn es mal 30 cm waren, war es teilweise viel.“ Und dann kamen auch noch die Motorräder. Aber dazu später mehr.
Meine Gedanken waren bei den Radlern. Ich bin selbst schon einige Pässe gefahren: Pordoi Joch, Falzarego Pass, Sellajoch, Campologno Pass, Grödnerjoch (Grüße an Frank!), Fernpass, Norberthöhe („ja, das Arschloch“), Fimbapass … wie mein Kollege Olli sagen würde: „You name it.“ Und ja, es war oft brutal. Aber mit diesen Radlern möchte ich nicht tauschen. Nicht bei dem Verkehr, nicht bei den Abgasen, und schon gar nicht bei dem Abstand, der eher nach Mutprobe als nach Sicherheit aussieht. Respekt vor diesen Radfahrern. Und es waren nicht zehn, nicht zwanzig – es waren sicher an die Hundert, die wir bis oben überholt haben. Besonders schön: Kurz vor dem Joch sah ich ein Tourenrad, das sicher seine 30 Jahre auf dem Buckel hatte. Kein Carbon, kein Hightech – nur Wille, Muskelkraft und wahrscheinlich ein bisschen Wahnsinn. Respekt vor diesem Radler.
So zogen wir die Kurven hinauf, Kehre für Kehre, bis wir bei Tournante 38 ankamen. Und da stand er: ein Motorradfahrer, dessen Maschine quer zur Straße lag – offenbar gestürzt oder einfach unglücklich geparkt. In akrobatischer Manier versuchte er, das gute Stück wieder aufzurichten und aufzusteigen. Nun ja, sowas kann passieren. „Ist meinem alten Chef wohl auch mal hier in der Gegend passiert.“ Aber dieser Zeitgenosse – mit Stummelbeinen und einer vorderseitigen Wohlstandsauswölbung, die sich unter der Brust wölbte – hatte sichtlich Mühe. Die Satteltaschen im Weg, die Beweglichkeit begrenzt – es war ein Schauspiel zwischen Slapstick und Mitleid. Aber irgendwann war auch er wieder oben. Respekt – irgendwie.
Nachdem uns auch noch 5 Porsche überholten und unzählige Motorräder war es um 10 Uhr geschafft. Oben auf dem Joch angekommen, war die Szenerie fast surreal. Es wirkte wie ein Jahrmarkt auf 2.758 Metern. Motorräder und Autos standen kreuz und quer, Menschen strömten durcheinander, und die Natur? Die hätte eigentlich mehr Ruhe verdient.

Aber: Respekt für die Radler, die sich den Pass hochgekämpft haben. Und auch für die Motorradfahrer – auch wenn das nicht mein Ding ist – die sich die Mühe gemacht haben, hier hochzudüsen. Der Schnee vom Vortag glitzerte in der Sonne, und ich blickte hinab auf diese architektonische Meisterleistung.
Die Strada Statale 38 dello Stelvio, in nur fünf Jahren zwischen 1820 und 1825 gebaut – das ist eine Leistung. Respekt den Bauarbeitern und Ingenieuren. Im Harz würde man in dieser Zeit gerade mal das Planfeststellungsverfahren für eine Brücke durchkauen, die ohnehin nur ersetzt werden soll. Aber gut – „wahrscheinlich lag es daran, dass der Auftrag von einem Kaiser kam. Sissi hätte gesagt: ‚ja der Franzl‘.“



Nun begann meine Wanderung. Die Sonne strahlte, es war wärmer als gedacht. Die Fleecejacke blieb im Rucksack, das T-Shirt und das langärmelige Bergshirt reichten völlig aus für die ersten knapp 100 Höhenmeter zur Garibaldi-Hütte.

Vor sieben Jahren war ich schon mal hier – damals mit Holger, auf unserer Etappe von Livigno zur Hütte. Wir haben geschoben, geflucht, gelacht. Und bis heute: Respekt für Holgers Leistung. Die Hochachtung bleibt.
Die Hütte war schnell erreicht. Ich blickte nach Westen – dorthin, wo ich morgen mit dem Rad vom Umbrailpass über den Bochetta di Forcola und den Bochetta di Pendenolo Richtung Livigno fahren will. Und was sehe ich? Schnee. Viel Schnee. Ob das was wird? Mal sehen. Respekt habe ich schon jetzt.

Doch heute ging es erst einmal um die Vergangenheit. Ich ging an der ersten Stellung der ARmee aus dem 1. Weltkrieg vorbei.

Na, das ging ja früh los und gleich danach sah ich die (Eisen-)Soldaten, die an der Dreisprachenspitze stehen und mahnen sollen. Nur verstehen es viele in dieser Welt wohl nicht.

Warum nur? Wie sinnlos? Später fand ich eine Tafel, die zum Nachdenken einlud:
„Wenn auch den einzelnen Soldaten der Kampf in 3000 m Höhe sinnlos erschien,…“
„Der Seppl, der Wastl, der Hans, der Peppino, der Valentino, der Sergio mussten sich drei Jahre lang hier oben beschießen, bekämpfen und umbringen. Dabei hatte keiner auch nur das geringste Interesse daran, denn man kannte sich, hatte Kontakte…“
Wie sinnlos sind Kriege überhaupt? Ich habe letztes Jahr schon zwei Blogs (https://www.nivo.de/2024/07/18/grenzwege/ und https://www.nivo.de/wozu-sind-kriege-da/) darüber geschrieben – über den Brenner Grenzkamm und die Festung Franzensfeste. Aber hier oben, auf fast 3.000 Metern, wirkt es noch sinnloser. Da steht ein Schild: „In Gedenken an unsere Tiroler Standschützen“ – und wenn man auf die Erde schaut, verwischt der Text schon wieder.


Wie auch die Erinnerung an die Sinnlosigkeit vergangener Kriege in der heutigen Zeit verwischt. Das Kreuz im Schatten des Ortlers sollten wir in Erinnerung behalten

Und dann – gestern – nennt der größte Präsident aller Zeiten sein Verteidigungsministerium einfach mal um in Kriegsministerium. „Na danke und Prost Mahlzeit.“ Kein Respekt vor Politikern, die nicht in der Lage sind, Frieden zu schaffen. Die stattdessen verbal und mit Waffen weiter Öl ins Feuer gießen, statt mit Verhandlungen zu löschen.
Aber ich wollte ja die Natur genießen. Und doch: ein letzter Respekt muss noch ausgesprochen werden. Auf einer Infotafel las ich, dass die Italiener damals sogar eine Kanone auf den Ortler gebracht haben – auf diesen 3.905 Meter hohen König der Ostalpen.

Respekt für die Leistung – auch wenn sie völlig sinnlos war.
Nun ging sie endlich los – meine Wanderung auf dem Goldseetrail, der bis 09 Uhr von Radlern befahren werden darf.

Ich wollte herausfinden, ob ich diesen legendären Pfad in diesem Urlaub mit dem Rad bezwingen könnte. Ich nehme es gleich vorweg: Nein, ich mach das nicht. Und ehrlich gesagt, bin ich froh, dass mein lieber Frank damals auch nicht fahren wollte und wir stattdessen über den Umbrailpass zurück ins Vinschgau rollten. Aber dazu später mehr.
Das erste Drittel war locker zu gehen. Ich traf auf Arthur, den Physiotherapeuten des lettischen Olympia-Biathlon-Teams – ein wirklich angenehmer Zeitgenosse. Wir wanderten gemeinsam und redeten über Gott und die Welt. Auch über Basketball, obwohl ich davon keine Ahnung habe. Aber Arthur war eben auch der Physiogott der Nationalmannschaft – nur bei dieser EM nicht, weil er gerade einen Biathleten im Höhentrainingslager betreute. Und dann erzählte er von seiner Schwester, die in der Ukraine lebt. Da wird Krieg plötzlich persönlich. Und das ging mir schon nahe. Ich genoss derweil die Natur und Arthur tat das Gleiche.




Wir gingen bis zur Goldseestellung, die ich fast übersehen hätte. Heute sterben hier Schafe, früher Menschen im Namen der KuK Monarchie



Ein paar Fotos, ein paar Gedanken – bis hierher war der Weg gut zu gehen. Und ja, man hätte auch gut radeln können. Unsere Wege trennten sich dort, denn Arthur musste zurück zum Mittagessen aufs Joch. Ich genoss Kühe und Schafe. Ja, ich esse auch kein Lammfilet mehr – bei den Gesichtern.






Und ich ging durch die Goldseestellung. Ich war in einer Art Bunker und blickte zurück auf das Stilfser Joch. Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört. Egal welchen Schwachsinn wir produzieren. Ich war auch im Schützengraben, den Ortler vor mir. Eine nette Bank zum Verweilen…









Waren es nicht auch Schafe, die erst diese Stellungen und Kriege gebaut/gestartet hatten? Oder dusselige Kühe (Remineszenz an Ekel Alfred)

Ich ging weiter – begleitet vom stetigen Blick auf den König der Ostalpen, der mich rechtsseitig den ganzen Weg über begleitete. Ich sah ein oder zwei Seilschaften auf dem Weg zum Gipfel. Toll, wenn man keine Höhenangst hat. Das muss ein großartiges Erlebnis sein – wenn auch frostig.

Und damit sind wir beim Thema: Höhenangst. Das zweite Drittel des Trails wurde zunehmend verblockter. Damals, als wir den bei „Best of Trails“ fahren wollten, wäre das wohl noch kein Thema gewesen. Kann man fahren – nicht alles, aber doch vieles. Dort wo man nicht fahren konnte, war ich froh, meine Bergstiefel zu tragen, die mich das ein oder andere Mal vor dem Umknicken bewahrt haben.

Doch gegen Ende dieses Abschnitts kam dann die Ausgesetztheit dazu – und meine Höhenangst meldete sich ein wenig zurück. Ich konzentrierte mich auf den Weg, schaute nicht nach rechts runter, machte keine Fotos an den heiklen Stellen und meisterte sie – auch wenn sie vor sechs Jahren wohl noch harmloser wirkten.







Ich machte nun auch meine Mittagspause. Stilecht mit Vinschgerl, Wurst und Apfel. Und ich sah, wie der Ziegen-Peter (jener Ziegenhirte) seine Tiere hier im Auge hatte und die Natur genoss.



Im dritten Teil des Trails war ich fast allein. Bis dahin hatte ich nur Arthur und ein nettes Ehepaar getroffen. Nun hörte ich italienische Stimmen hinter mir. Die Lautstärke kann hier oben schon nerven – gerade dort, wo die Geräusche der Motorräder endlich verstummen und man allein mit der Natur ist. Allein mit dem Bartgeier. Denn ich meine, ihn gesehen zu haben. Ob es wirklich einer war, sollen die Fachleute beurteilen.

Die italienische Jugendgruppe kam näher – und ich war gerade an einer recht ausgesetzten Stelle. Genau dort fiel die Entscheidung: Hier fahre ich diesen Urlaub nicht. Aber es ging ja alles gut: Der Druck der jungen Menschen hinter mir baute sich auf, ich funktionierte und schwupps war die Stelle überwunden.
Kurze Zeit später cremte ich mich zum zweiten Mal ein, ließ die Gruppe passieren und ging weiter bergab. Meine Knie meldeten sich: „Das, was du da machst, finden wir nicht so gut.“ Egal. Ich wollte meine Sonnenbrille wieder aufsetzen – doch wo war sie? „Scheiße, ich hatte sie beim Eincremen abgenommen.“ Also zurück zur vermuteten Stelle. Es war nicht unanstrengend – und, wie sich herausstellte, nicht sinnvoll. Denn die Brille hing an meinen Wanderstöcken, die am Rucksack befestigt waren. Wenn man doch erstmal nachdenken würde, bevor man zurückläuft 😉. Ach ja – die Stöcke habe ich heute nicht genutzt und war ein bisschen stolz darauf.
Die letzten Meter führten über hohe Stufen bergab – meine Knie jubelten innerlich nicht gerade. Dann kam ein kleines Wäldchen, ich hatte die Baumgrenze wieder erreicht, und die Furkelhütte hoch über Trafoi war zum Greifen nah. Jene Hütte, die ich schon die letzten x Höhenmeter immer wieder gesehen hatte.


Ich habe es geschafft, Gott sei dank.

Ein Apfelstrudel war meiner – und ratz fatz ging es mit dem Sessellift nach unten. Denn ich wollte den 14:44 Bus erwischen.

Ich war pünktlich da – nur der Bus nicht. Ich wartete zehn Minuten, ging nochmal weg, setzte mich in den Schatten und vertiefte mich in meine Fotos. Und um 15:05 fuhr der Bus der Linie 270 vorbei. Nur: Ich sah ihn nicht. Ich war zu sehr in den Bildern versunken.
Also hieß es: noch eine weitere Stunde warten. Ich wollte Motorräder zählen – und Radler. Aber es waren zu viele. (Nicht für die Grundschüler von Claudia, die ja nur einen begrenzten Zahlenbereich kennen.) Was ich sagen kann: Die BMWs waren die leisesten und hatten den schönsten Klang. Ganz anders als die Harleys, Kawasakis und Ducatis, die einen Höllenlärm veranstalteten.
Mit dem Bus ging es zurück – und beim Überholmanöver unseres Fahrers, der auf engster Straße mit geschätzten 60 km/h einen anderen Bus bergab überholte, hätte ich fast in die Hose gemacht. Trotzdem: Es war ein großartiger Tag. Historisch gefüllt, von schönster Natur dominiert, und ich bin sehr dankbar dafür.
Zum Abschluss gibt es noch zwei Panoramas
Morgen geht’s um 07:30 Uhr wieder los. Mein Shuttle bringt mich erneut aufs Joch, damit ich um 09:00 Uhr meine Tour Richtung Umbrailpass, Bocchetta, Cancano See, Val Mora und Döss Radond starten kann. Mal sehen, ob es klappt –
