Oder anders ausgedrückt: Die ersten Tage im freien Leben. Es ist eine Geschichte über Pläne, Berge und andere Naturgewalt.
Als mein letzter Arbeitstag näher kam, stellte ich mir das Leben danach ungefähr so vor wie eine perfekt geölte Maschine: Morgens sportlich, mittags kreativ, nachmittags produktiv, abends zufrieden. Ein Tagesablauf wie aus einem Lifestyle‑Magazin, das jeden Insta-Nutzer zu einem erfolgreichen Influencer machen könnte. Ich war fest entschlossen, mein neues Leben mit einem Plan zu beginnen. Nicht irgendeinem Plan – einem dieser Pläne, die man nur schreibt, wenn man glaubt, man sei plötzlich die Hauptfigur in einem Selbstoptimierungsroman.
06:30 Uhr – Aufstehen. Natürlich frisch und fröhlich. Vielleicht sogar hochmotiviert voller Elan und einer federnd beschwingten Bewegung. Ich hatte keine Beweise, dass ich jemals hochmotiviert voller Elan mit federnd beschwingter Bewegung aufgestanden bin ;-). Aber man darf ja träumen.
07:00 Uhr – Rücken- und Bauchtraining. Weil man ja nicht jünger wird. Und weil ich dachte, mein zukünftiges Ich würde mir irgendwann dankbar sein. Mein zukünftiges Ich hat sich später gemeldet – aber nicht dankbar.
08:00 Uhr – Frühstück & Dusche. Klingt harmlos, aber ich hatte das Gefühl, ich müsste es trotzdem in den Plan schreiben, damit es offiziell ist.
09:00 Uhr – Saxophon. Eine Stunde. Täglich. Ich sah mich schon als Mischung aus Jazzmusiker und Frühpensionär mit Stil, dem die Damen in der Fußgängerzone zujubeln. Die die Webseite aufrufen „www.ichwärsogernwieullrichkohl.de“ (letztes habe ich bei Götz Alsmann geklaut).
Ab 10:00 Uhr – Tageswerk. Hausarbeit, Gewerbe vorbereiten, programmieren, Musikprojekte, Fahrrad reparieren, Mountainbiken. Ein bunter Strauß aus Tätigkeiten, die alle nach „Ich hab mein Leben im Griff“ klingen.
Es war ein wunderschöner Plan. Ein stolzer Plan. Ein Plan, der auf Papier aussah wie ein kleiner Neuanfang in Reinform. Und dann kam die Realität. Die Realität kam nicht laut, sondern eher wie jemand, der dir im Vorbeigehen zuflüstert: „Süß, dass du’s versucht hast.“
In den ersten sechs Tagen habe ich diesen Plan exakt null Mal eingehalten. Nicht einmal ansatzweise. Ich bin nicht federnd voller Elan motivierend aufgestanden, ich habe nicht trainiert, und mein Saxophon hat mich nur einmal kurz angesehen, bevor es sich wieder beleidigt in die Ecke gestellt hat.
Aber ich habe etwas anderes geschafft: Ich bin wieder aufs Rad gestiegen. Und los ging es damit in Wernigerode. Dort wo die Vergangenheit plötzlich mitfährt. Und so stand ich gestern um 10 Uhr in Wernigerode auf dem Parkplatz nahe der Jugendherberge. Das Mountainbike unter mir, die Harzer Berge vor mir. Warum Wernigerode? Weil dort alles angefangen hat: Studium, Jahrgangsbester, Lehraufträge, Semmeln vom Bäcker Türk, die Harzer Schmalspurbahn, die am Labor vorbeizischte wie ein übermotivierter Drache. Und wenn ich jetzt ehrlich bin: Weil ich für die Klasse meiner Frau eine Logistik-Dienstleistung als für ihr Klassenfahrtgepäck angeboten habe.
Nun war ich also in WR, meiner alten Wirkungsstätte. Es war, als würde die Vergangenheit sagen: „Na, komm. Eine Runde geht noch.“ Mein Ziel war klar: Ottofelsen (schöne Erinnerung an meinen Vater, der den gleichen Namen trug, bevor er zu früh verstarb).

Hohnehof (die Rangerstation kann man nur empfehlen), kurz meine Frau und ihre Klasse treffen (nicht alle Kinder haben es wirklich gut und es ist schön zu sehen, wie dankbar und zufrieden einige waren), zurück nach Wernigerode. Eine Tour zum „Heimkommen“, auch wenn es nicht meine Heimat ist – aber ein Ort, der sich so anfühlt, als würde er mich kennen.

Ich fuhr los, voller Motivation, voller Nostalgie, voller… Selbstüberschätzung. Da half auch nicht die HSB, die dampfend entgegen kam. Denn ich hatte vergessen, dass ich seit einem Jahr kaum gefahren bin. Meine Muskeln hatten sich in der Zwischenzeit offenbar in den Vorruhestand verabschiedet. Meine Kondition war irgendwo zwischen „früher mal gut“ und „bitte nicht bergauf“. Die Strecke war wunderschön. Die Wolken dramatisch. Die Ausblicke herrlich. Und ich mittendrin – ein Mann, der dachte, er sei bereit. Ich war es nicht.





Aber ich kam oben an. Nicht elegant. Aber ist ankommen auch eine Form von Eleganz? Ich glaube nein. Es ist eine Form der Leistung. Und die kann ich nicht hochgenug einschätzen, denn den Weg auf meinem nostalgischen Fahrrad, das an die Flintstones erinnert, zu fahren, ist schon eine Leistung. So stellt ich dann ausgelaugt mein historisches Fahrrad am Hohnehof neben dieser Carbon-High-Tech-Waffe hin.

Tag zwei ein weiterer Home-Run. Dachte ich, denn heute wollte ich „nur eine kurze Runde“ drehen. 38 Kilometer, 700 Höhenmeter – früher eine Entspannungstour. Heute eine Erinnerung daran, dass der gestrige Tag nicht einfach verschwindet, nur weil man es gerne hätte. Das Wetter war traumhaft. Und so ging es über einen frisch geschotterten Windeweg hoch zum Rammelsberg. Als ob die Steigung nicht herausfordernd genug war, war es dieser rutschige Waldweg, den ich in stechender Sonne bei gefühlt 100 Grad Celsius hochfahren musste. Gegenwind hatte ich auch noch. Ich war bedient, denn es wurde über die Schalke, den Zankwieser und Kellerhalsteich nicht besser.
Aber ich habe etwas gesehen, was nicht mit Geld zu bezahlen ist: Wunderbare Naturschauspiele, die so typisch für den Spätsommer sind: Klare Luft und feuchte Fauna mit interessanten Gebilden. Welche, die nur die Natur erstellen kann.




Kurz vor Hahnenklee musste ich mich an 2-3 Stellen durch einen zugewucherten Trail kämpfen, aber die Erfrischung in Hahnenklee war nicht mehr weit entfernt und somit ärgerte ich mich gar nicht. Ich bin ja Mountainbiker, und das heisst auch, dass die Trails auch sehr eng werden können.

Irgendwann kam ich in Hahnenklee an uns steuerte mein Stamm-Cafe an. Dort wurde ich wie immer sehr freundlich bedient. Sehr persönlich und fröhlich. Und so war die Stimmung, als ich mich in die Sonnenstühle legte, bestens. Lediglich die Musik in Hahnenklee war viel zu laut. Ein Kontrast zur schönen Natur, die ich sehen durfte. Nein, hier in Hahnenklee waren doch mehr Touristen als ich mitten in der Woche erwartet habe. Und die wollen wohl Beschallung haben.

Und ich war trotz der lauten Musik zufrieden. Nicht, weil ich mich freute, nicht so adipös zu sein, wie viele Zeitgenossen, die ich dort sah. Nicht, weil es leicht war. Sondern weil ich es trotzdem gemacht habe – auch wenn ich erst mit 90 Minuten Verspätung los fuhr.
Nach diesen ersten Tagen weiß ich: Freiheit ist kein Zustand, den man plant. Freiheit ist ein Zustand, den man erlebt. Mein perfekter Tagesplan liegt virtuell noch irgendwo auf dem Schreibtisch oder besser, in meinem Gehirn. Und er wartet darauf, dass ich ihn eines Tages wieder hervorhole. Vielleicht morgen. Vielleicht nächste Woche. Vielleicht nie. Und das ist okay.
Ich muss mich daran gewöhnen, dass ich jetzt für meine Termine selbst verantwortlich bin. Eine Sekretärin wäre nett – aber die hat mich ja vor ein paar Tagen in den Ruhestand geschickt. Also gilt jetzt für mich: Wenn das Wetter gut ist, fahre ich. Wenn nicht, dann nicht. Und genau das ist der Luxus. Viele müssen noch arbeiten. Ich darf – wenn ich möchte – einfach losfahren, die Natur genießen, mein Leben spüren. Und damit kommen wir zur schönsten Erkenntnis dieser ersten Tage:
Ich hab’s gut.
Fun-Fact am Rande: Da finde ich doch wieder den Löschwasserbehälter der Stadtforst. Das lobe ich mir als Feuerwehrmann. Doch womit löscht man, wenn da nur Luft drin ist? Also werde ich das nochmal melden müssen, damit das Ding wieder gefüllt wird. So wie letzten Winter, als das Wasser dort drin zugefroren war. Aber vielleicht verstehe ich auch nicht, warum man Eis im Winter benötigt, währen im Sommer mit -offensichtlich- Luft gelöscht wird.


