Oder sagen wir, Genuss trifft Grenzerfahrung. Lange habe ich überlegt, wie ich diesen Tag überschreiben soll. „Danke Frank“ schien mir erst passend – schließlich war es ein Tipp meines lieben Freundes Frank, der mich heute in Bewegung gesetzt hat. Doch hinter diesen zwei Worten steckt ein alter Witz von der Rettungswache Braunlage, der Frank dort unsterblich gemacht hat. Nein, das wäre zu banal. Dieser Tag war größer. Er war ein Wechselspiel aus Staunen und Schwindel, aus Lachen und Zögern, aus Kaiserschmarrn und Kampf. Sollte somit passen.
Frank also ist schuld. Er hatte seinen Urlaub im Martelltal verbracht – einem Tal, das für mich bisher nicht mehr war als ein weißer Fleck auf der Landkarte. Ich stellte es mir vor wie das Ultental: rau, schlicht, ehrlich. Doch was mich dort erwartete, war mehr. Keine Spur von überzuckertem Touristenidyll. Nur Geschichte und Natur in ihrer puren Form. Der Berg, der Mensch, die Arbeit – hart und unverstellt. Selbst die Erdbeerfelder, die man mitten in dieser Bergwelt kaum erwarten würde, leuchteten wie ein stilles Versprechen von Sommer.
Zwischen tosenden Wasserfällen und stummen Zeugen der Vergangenheit flüsterte das Tal heute Geschichten: von Mut, Verlust, und ja – auch vom süßen Trost des Kaiserschmarrns. Wer hier wandert, begegnet nicht nur der Höhe, sondern auch sich selbst – mit zitternden Knien und einem breiten Grinsen. Genau das war mein Weg.

Der Tag begann am Ende des Tals, dort, wo selbst der Bus von Südtirol Mobil kapituliert. Sieben Euro sollte der Parkplatz kosten – doch der Automat streikte. Also stand ich da, halber Informatiker in der Blüte des Lebens, und ließ mir von einer betagten Dame das Gerät erklären. „Ich habe auch nur zugeschaut und gebe Ihnen das weiter“, sagte sie mit einem Lächeln, das mehr Energie hatte als jede Maschine. Ihre Tochter, vermutlich in ihrer eigenen Blüte, lachte so herzlich, dass mir der Tag plötzlich viel heller vorkam. Es gibt Begegnungen, die sind wie ein frischer Windstoß – unaufdringlich, aber belebend.
Gleich daneben dann der harte Kontrast: ein BMW X5, aus dem Vater, Mutter, Kind stiegen. Papa in makellos kuratierten Sportklamotten, Mama mit der Weisheit: „Das Auto muss abkühlen, deshalb hat Papa es angelassen.“ Ich dachte nur: Oh Herr, wirf Hirn vom Himmel. Diese Familie sollte mir heute noch mehrfach begegnen – und nein, sie wurden nicht sympathischer.
Doch genug davon. Ich wollte los. Die Wanderschuhe fester geschnürt, über die Brücke, die über die Plima-Schlucht führt. Links der See, in dem sich Sonne und Bergmassiv spiegelten – so klar, dass man fast hineinsteigen wollte in dieses andere, spiegelverkehrte Universum.

Der Weg: durchzogen von Wurzeln, gespickt mit Steinen, rau und lebendig.


Die ersten Aussichtspunkte ließen nicht lange auf sich warten. Stahlgerüste, die sich kühn über die Schlucht schoben, tief unter mir das Donnern des Wassers. Wie gut, dass wir noch Herbst und kein Winter haben. So konnte ich auf das Stahlmonster gehen. Wenngleich die Stufen für meine Füße zu kurz waren.


Ich machte Fotos, doch die Bilder konnten nicht einfangen, wie sehr es in und unter mir vibrierte.



Der dritte Aussichtspunkt zwang mir ein paar Schweißtropfen und Kalorien ab, bevor die Hängebrücke kam. Aber auch hier lohnte der Ausblick.




Hielten die Befestigungen? Solide sahen sie auf jeden Fall aus.

Ich ging sie hin und zurück – wie um meine eigene Standhaftigkeit zu prüfen. Und auch hier ein toller Wasserfall, der meine Begeisterung hervorrief.


Doch statt zur Zufallshütte zog es mich weiter nach links, hinauf, höher.
Der Weg 37 wurde einsamer, natürlicher und wilder. Nur eine Wanderin, die allerdings nicht den Eindruck hinterließ, dass sie wild sei, kam mir entgegen.





Ein Halteseil spannte sich am Felsen entlang – doch ich brauchte es nicht.

Schritt um Schritt, Minute um Minute ging es etwas schweisstreibend hoch. Bis ich die Hochebene erreichte. Ich schaute auf die entgegen liegende Talseite. Schön, einfach schön.

Vor mir der mächtige Ortler, rechts unten ein alter Staudamm, links ein Wasserfall, der wie ein brüllender Riese ins Tal stürzte.


Ein Schild wies zur Martellhütte. Ich schaute hoch.

Seht ihr die Menschen dort? Ich auch. „No way“, dachte ich. Mein Navi versprach einen alternativen Weg. Also hinab zum Staudamm, dann wieder hinauf.

Die Höhenmeter waren leicht, die Höhe schwer. Am Anfang war es noch recht easy für mich.



Jeder Schritt brachte mich jedoch näher an eine Grenze in mir. Es war auch nicht immer ein richtiger Weg, wie die folgenden Bilder beweisen.


Mitten in der Felswand spürte ich ihn – diesen leisen, bohrenden Schwindel. Na ja, eigentlich wurde ich immer langsamer und unsicherer.

Eine innere Stimme flüsterte: „Stopp.“ Ich kämpfte mit mir, wollte weiter, wollte mutig sein. Doch Mut ist nicht, die Angst zu ignorieren. Mut ist, ihr ins Gesicht zu schauen und zu entscheiden. Also kehrte ich um. Keine Martellhütte, die ich von unten später noch mit dem Teleobjektiv sah.

Kein Gletscherpanorama der Welt war heute den Preis wert, meine Grenzen zu überrennen.
Zurück auf der Hochebene atmete ich auf. Die Landschaft wirkte surreal – karg und gleichzeitig voller Leben. Ich setzte mich, ließ die Bergwelt auf mich wirken.

Winter, Schneeschmelze, Lawinen – wie mochte es hier in anderen Jahreszeiten aussehen? Was machte die Kraft des Wassers mit all dein Steinbrocken und Felsen, die in unterschiedlichsten Formationen und Farben hier wie in einem riesigen Murmelspiel lagen? OK, manchmal war es auch die Kraft der Menschenhand 😉





Ein paar hundert Meter weiter eine Brücke, später eine Bank am Staudamm.

Ich saß dort, schaute zurück auf die Wand, die ich nicht bezwungen hatte, und spürte: Ja, es war die richtige Entscheidung. Ich habe keine Verlustangst, nur Höhenangst. Und heute war nicht der Tag, sie zu überwinden. Ich genoß einfach die Bergwelt um mich herum.




Vielleicht zeigt das Panorama die Schönheit dieser Hochebene noch besser.
So ging ich weiter, nicht stolz, aber in Frieden. Ich sog die Luft tief ein, die mich erdete, und folgte einem Weg, der mich schließlich doch noch zur Zufallshütte führte. Er erschien fast natürlich, doch die sichtbaren Stufen lassen interpretieren, dass hier Menschenhand im Spiel war.


Zufall. Kein Schicksal, kein Glück – sondern Geografie. Die Hütte trägt den Namen der Zufall-Wasserfälle, die vom Gletscher herab ins Tal stürzen. „Zufall“ im Sinne von „dem Tal zufallen“. Und so saß ich nun hier, oberhalb dieses stürzenden Wassers, und hakte meine Urlaubsliste ab: Sonne? Ja. Mountainbikeabenteuer? Ja. Panorama? Check. Kühe, Schafe, Ziegen? Mehr als genug. Apfelstrudel? Schon gehabt. Kaiserschmarrn? Fehlanzeige – bis jetzt.
Also bestellte ich ihn, setzte mich an Tisch 30 mit Blick auf den smaragdgrün schimmernden Zufrittsee.


Vor mir das Lichtspiel auf den Berghängen, unter mir die Geschichte: das Hotel Paradiso. Ein Lost Place mit schwerer Vergangenheit – einst ein Prachtbau, ein Nobelhotel des weltweiten Geldadels. Später von Wehrmacht und SS besetzt, Spionageschule, Ort von Leid. Schönheit und Schrecken, nah beieinander.

Die Sonne kam durch, endlich. Zwischen bellenden Hunden und lärmenden Kindern fand ich an meinem abgelegenen Tisch einen Moment von Ruhe. Ich ließ den Kaiserschmarrn auf der Zunge zergehen, als wäre er ein süßer Ausgleich zu den Schatten der Geschichte, die hier überall lauern.
Und zur Geschichte komme ich jetzt etwas detaillierter. Ich hoffe, ihr lest bis zum Ende. Denn beim Abstieg entdeckte ich das kleine Museum „BadHaus“.


Ein Ort, der von der Zufallhütte und ihrer Rolle im 1. Weltkrieg erzählte. Schlicht, aber eindringlich. Ich las von extremen Wetterumschwüngen, von Lawinen, von russischen Kriegsgefangenen, die Lasten schleppten. Von Läusen, Kresol und der Entbehrung, die jeder Atemzug hier oben bedeutete. Und doch auch von Menschlichkeit, vom stillen Respekt zwischen Feinden, vom Mut eines Hauptmanns, der seine Männer schützen wollte.
Warum hier? Nun, ich will es erzählen. Die Sektion Dresden des Deutsch Österreichischen Alpenvereins baute 1882 die Zufallshütte, die 1913 stark erweitert wurde. Ab 1915 diente sie als Unterkunft für Offiziere des Abschnittskommandos des k.u.k. Militärs. Da gab es sogar ein Klavier. Auf Zufall wurde danninnerhalb kurzer Zeit ein Barackendorf errichtet. Heute würde man wohl von Basislager sprechen, wie ich las. Als Träger setzte man russische Kriegsgefangene ein. Träger brauchte es nämlich für die vorgeschobenen Stellungen (Eisseepass, Zufritt und Cevedale). Neben Proviant und Ausrüstung wurden mühsam auch kleine Kanonen älterer Bauart hinaufgezogen. Zum Lager gehörten zwei Mannschaftsbaracken für 350 Mann, eine Küche, Toilette, ein Hilfs- und Verbandsplatz und das Badehaus (genauer: Entlausungsstation).
Das Museum war schlicht, aber beeindruckend. Lasst mich einige Dinge, die ich las, hier als Zitate wiedergeben:
EXTREM: In einer Meereshöhe von 3000-4000 Metern ist an einem Tag alles möglich. Sonne, Temperaturstürze von 25 Grad, Schneetreiben, orkanartiger Wind, Hagel, dichter Nebel und Regen. Bald erkannten die Männer beider Seiten dort oben, dass die Natur weit gefährlicher war als der Feind. Riesige Lawinen verschütteten Trägermannschaften. Im schneereichen Winter 1917/1918 fielen bis zu 8 Meter Schnee. Um nicht zu ersticken, mussten die Mannschaft einer Gipfelbaracke immer wieder den Eingang freischaufeln und Ofenrohre aufstocke.
DIE FRONT IM EIS: Alles, wirklich alles musste auf eine Höhe von 3000 bis nahezu 4000 Meter hinaufgetragen werden. Ein Beispiel: Fünfzig Männer brauchte es, um einen im Marteller Wald geschlagenen Lärchenstamm von 10-15 Metern Länge in andertalb Tagen auf den Eissseepass hinaufzuschleppen. Über Gletscher, über Spalten. Die Italiener waren vom Terrain mit der weitgehend eisfreien Südseite im Vorteil. Die Nordseite war/ist größtenteils vergletschert, früher noch wesentlich mehr als heute
HYGIENE: Es war schwer, die Kleidung sauber zu halten, wenn man untertags darin arbeitete, darin Wache hielt und nachts darin schlief. Man schlief nebeneinander, Halberfrorene wurden auch schon mal auf dem Strohlager in die Mitte genommen und aufgetaut. Diese engen Körperkontakte waren ein ideales Vermehrungsfeld für Ungeziefer, insbesondere Kleiderläuse. .. Die Entlausung war generalstabsmäßig durchorganisiert: Entkleidung, Ganzkörperenthaarung, Mannschaftsduschen, bei starkem Befall Verwendung von Petroleum, Entseuchung der Kleidung mit heißem Wasserdampf oder Waschen mit Kreolseife. … Wie die Kerle, die von den Eislöchern herunterkamen, aussahen, erinnerte sich Johann Pinggera aus Prad: „Alle, wenn sie vom Berg herunterkamen, sind voller Läuse gewesen. Die Mannder sind zuerst in die Lausanstalt gekommen. Ausgeschaut haben sie oft wild im Gesicht, verwittert und verwettert, halb gerupft, halb rasiert.“ Am Ende mussten die Mander auf Zufall in die noch halbnasse Kleidung steigen. Kam schon vor, dass sie dann Rotz und Wasser spien, wenn die Kresol-Lösung in der Wäsche zu stark gewesen war. Kresol ätzt Augen und Schleimhäute
So, genug der traurigen Botschaften. Sie setzen das gestern und vorher Gesehene noch einmal in einen anderen Blickwinkel. Trotzdem gab es auch Menschliches. Hier noch zwei abschließende Texte, die ich unbedingt teilen muss.
- Menschliches: Das Ortlermassiv war die höchste Front des 1. Weltkriegs. Ein Krieg, der hineingetragen worden war aus weit entfernten Regionen und Hauptstädten. Hineingetragen in eine Region, wo die Menschen voneinander wussten und wo sie sich manchmal sogar kannten. Das trifft vor allen Dingen auf die Bergführer hüben wie drüben zu. Es war Krieg. Natürlich wurde geschossen. Auf beiden Seiten gab es die Schneidigen, die Offiziere vor allem gab es die lauernden Scharfschützen, es gab Angriffe und Überfälle. Aber wenn es irgendwie ging, war man nicht allzu übereifrig im Kriegführen. „Austiaci, attenti al cambio“ riefen die Italiener zu den Österreichern, wenn bei ihnen ein Offizierswechsel anstand.
- Johann Müller: war Hauptmann des Standschützenbattalions Schlanders. … er fühlte sich stark verantwortlich für die „Mannder“. „Sind ja fast alles Familienväter da, für die ich Verantwortung trage“. .. Dies führte unweigerlich zu Spannungen mit dem kommandierenden Major Hyza. … Als Hyza den Befehl gab, einen Angriff auf Feindesgebiet zu führen, stellte sich Hauptmann Müller ihm offen entgegen: „Unsere Aufgabe als Standschützen ist es zu verteidigen, nicht anzugreifen. Angreifen ist Eure Aufgabe. Wenn sie (die Alpini) aber zum Angriff herkommen, sind wir da“.
Jeder mag sich seine Gedanken jetzt selber machen. Diese Worte, diese Bilder – sie brannten sich ein. Sie waren sicher mehr wert als ein potenzieller Kaiserschmarrn auf der Marteller Hütte und das Panorama, was ich verpasste.
So ging ich nach einem erfüllten Tag voller Natur und Gedanken den steilen Berg schnellen Schrittes nach unten. Was bleibt? Ein Tal, das mich geprüft hat. Ein Kaiserschmarrn, der mich getröstet hat. Und ein Gefühl, das irgendwo zwischen Schwindel und Dankbarkeit liegt.

