„Dam dam, dam dam“ – na, wer hat jetzt schon den Ohrwurm? Richtig, wir reden hier von dem musikalischen Ziegelstein deutscher Musikgeschichte: „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Ein Lied, das so tief in unserer kollektiven DNA verankert ist, dass selbst eingeschworene Techno-Fans es nach dem dritten Bier grölend mitsingen. Komponiert wurde dieses Meisterwerk übrigens von Christian Bruhn – und der Text stammt von Günter Loose, nicht zu verwechseln mit Herrn Loose aus Pappa ante portas. Der hieß Erwin und würde vermutlich heute noch Senf einkaufen, wenn er denn noch lebte.
Was das alles mit meinem Urlaub im Vinschgau zu tun hat? Geduld. Es klärt sich gleich. Aber ich warne vor: Diesmal gibt’s keine kitschigen Alpenpanoramen oder romantische Naturfotos. Heute wird es… steinig. Im wahrsten Sinne.
Ursprünglich hatte ich für diesen Tag ein halbtägiges Spitzkehrentraining geplant – klingt sportlich, war es aber nicht. Denn der Wettergott hatte wohl andere Pläne, und der Veranstalter auch: Training abgesagt. Wegen Nicht Verfügbarkeit des Trainers. Aber – und hier kommt Drafi Deutscher ins Spiel – ich weine ja nicht, wenn der Regen fällt. Ich habe Plan B in der Tasche. Etwas mit Marmor vielleicht? Oder Stein? Oder Liebe? Letzteres ist bekanntlich in Goslar geblieben – also Liebe leider nicht verfügbar. Steine hatte ich die letzten Tage genug. Unter den Wanderschuhen, unter den Stollenreifen, und auf meiner Sonnencreme als Steinstaub fixiert. Blieb also: Marmor. Und wo gibt’s Marmor? Genau: In Laas, elf gemütliche Autominuten von meinem hiesigen Urlaubsdomizil entfernt.
Falls ihr Laas nicht kennt – kein Problem. Laas ist für Marmorenthusiasten das, was für Mountainbiker ein gut gelegter Spitzkehren-Trail ist. Es ist berühmt für seinen strahlend weißen Marmor. Der ist so rein, dass er wahrscheinlich beim Einzug in Euer ZuHause erstmal das Licht dimmt, weil es ihm zu grell ist. Mein Plan: Vom Ort Laas zum sagenumwobenen Göflaner Marmorbruch radeln. Im Übrigen nicht zu verwechseln mit dem Laaser Weißwasserbruch. Der liegt auf 1526 Metern und ist wahrscheinlich der berühmtesten Marmor-Hotspot Europas. Nein, ich wollte höher hinaus. 2170 Meter. Ziel war Europas höchstgelegener Marmorbruch. Weil: Wenn schon leiden, dann bitte mit Stil.
Nach einer eher gestörten Nacht (Der Bäcker entlud unter meinem Balkon seinen Transporter um 4:00 Uhr, Der Lkw vermutlich vom Lebensmittelgroßhändler kam um 5:00 und Frühstück hatte ich um 7:00) startete ich gegen 8 Uhr. 15 Minuten Autofahrt, kein Thema. Außer natürlich, dass ich mal wieder vergessen hatte, dass die Geheimoperation Tango morgens nicht vergessen werden sollte. Also kurzer Zwischenstopp im Gasthaus am Dorfplatz – höflich gefragt, nicht mal einen Euro bezahlt (anders als am Stilfser Joch – aber das ist eine andere Geschichte…).
Fahrrad raus, Vorderrad dran – und Blick nach oben.

Da sollte ich also hoch? Da, wo die Wolken wohnten? Na gut. Wird sicher… sportlich. 13 Kilometer, 1300 Höhenmeter. Das klingt nicht anstrengend – das ist aber anstrengend. Aber hey – wer braucht schon Laktatwerte, wenn er als Musiker einen Drafi-Ohrwurm im Ohr hat? Los ging’s also. Mein Tempo, mein Rhythmus – alles unter Kontrolle die ersten 500 Meter. Bis… natürlich, ich habe den Weg verpasst. 200 Meter zurückrollen, Fluchen in mich rein und weiter geht’s. Die ersten Steigungen: nicht brutal aber auch kein Kindergeburtstag. Die 10 % Durchschnittssteigung auf der ganzen Strecke kann man kaum glauben – bis man’s tritt. Und tritt. Und tritt. Und… tritt.
Der Asphalt: langweilig.

Der Wald: auch nicht viel besser. Das Vinschgau unter mir: in Wolken gehüllt.

Aber dann – ein Highlight! Ein Katze, was sonst. Sie lief mir über den Weg, schaute mich mit großen Augen an, als wollte sie sagen: „Du weißt schon, dass das hier völliger Wahnsinn ist, oder?“

Ich trat weiter. 5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit – okay, nicht weltrekordverdächtig, aber hey: Ich war in meinem Element. Dem einsamen Bergfahrer-Modus. Keine Gespräche, keine Menschen – nur ich, der Berg, Drafi Deutscher und… LKWs. Und der liebe Gott, der mich auch hier begleitete, wie so häufig in den letzten 4 Tagen auf meinen Touren.

Und immer noch der langweilige Asphalt.

Ein LKW von hinten – Sensation! In dieser Asphalt-Einöde ist jede Bewegung ein kleines Fest. aber auch überraschend lebendig. Ich erinnerte mich an meine mehrfachen Fahrten von Scuol nach S’Charl. Irgendwie war es ähnlich. Nur länger. Gerade als ich mich im Gleichschritt mit Drafi durch die nächste Kehre kurbelte („… Kann ich einmal nicht bei dir sein …Denk daran, du bist nicht allein…“), hörte ich ein verdächtiges Knarzen und Knisten unter mir. Oh mein Gott, der langweilige Asphalt ist zu Ende. Wie jeder passionierte Radfahrer weiß: Wenn der Asphalt endet, fängt das echte Leben an. Vor allem das Leben der Oberschenkel. Ab jetzt hieß es: Schotterzeit. Aber nicht irgendein Schotter. Nein, meine Damen und Herren, liebe Freunde – Marmorschotter!

Ich will sagen: Ich radelte auf dem Material, das normalerweise eher mit Hochkultur, Statuen oder Hotelfoyers assoziiert wird. Ihr seht den Unterschied nicht? Versuchen wir es mit einem anderen Bild.

Was für andere ein Badezimmerboden ist, war für mich jetzt eine Bergstraße mit 10 % Steigung. Und weil mir das alles noch nicht skurril genug war, kam ein LKW entgegen. Ein 4-Achser, natürlich – was sonst fährt auf über 1000 Metern Höhe einfach so durch die Landschaft? Hinten drauf: ein Marmorblock von der Größe eines Wohnzimmers.

Wenn der runterfällt, kannst du dich gleich auf dem nächstgelegenen Soldatenfriedhof beerdigen lassen – natürlich unter einem Kreuz aus Laaser Marmor. In den 50er Jahren, als die amerikanische REgierung 86.000 von diesen Kreuzen für den schlappen Preis 1500 Dollar das Stück, bestellte, hatte Laas wohl Hochkonjunktur. 600 Mitarbeiter des Unternehmens waren ein Dorf im Dorf. Mit eigenem Sportverein, Lebensmittelgeschäft. Und als die Arbeit dann erledigt war und die Amerikaner angesichts ihrer vielfältigen Kriegsbeteiligungen sich wohl keine Marmorkreuze, die jeweils aus einem Stück Marmor gefertigt waren, leisten konnten oder wollten, gingen die Arbeiter wohl nach Wolfsburg und bauten auch hier ihre eigene Stadt in der Stadt auf. Ach nee, das war ein Scherz.
Aber Respekt, ehrlich: Dass die hier oben tatsächlich noch mit tonnenschweren Brocken rumfahren, während ich mich mit einem 10-Kilo-Rucksack abmühe, nötigt mir schon ein kleines Staunen ab. Ich stelle mir das als Fahrer nicht einfach vor. Meine Bremsen werden ja manchmal schon sehr heiß. Wenn das durch Unachtsamkeit bei Lkws hier passiert. Prost Mahlzeit. Ich lasse den LKW also passieren – mit der würdevollen Geste eines Mannes, der weiß, dass er hier nicht die Hauptrolle spielt.
Im Vinschgau unten immer noch Wolken. Sowohl in westlicher als auch östlicher Richtung.


Abwechslung? Gab’s tatsächlich! In der Einöde wurden mir echte Highlights serviert: Erst ein schwarzes Eichhörnchen, das sich heldenhaft vor mein Fahrrad warf, als wolle es sagen: „Wenn schon Suizid, dann bitte vor diesem rasenden Carbonmonster!“ Dann ein Blick ins Tal – immerhin zwei Minuten lang nicht nur Nebel. Und zwischendurch das leise Grummeln eines möglichen Gewitters, was mein Inneres natürlich bei meiner Gewitterhistorie in den Alpen anspannte.
Ich fuhr weiter. Der Rhythmus blieb. Die Sicht blieb schlecht. Der nächste Lichtblick:
Die Straße, die in Serpentinen nach oben führte, war aufwendig abgestützt. Aber nicht mit schnödem Beton oder kantigen Granitbrocken. Nein, das kann jeder. Auch hier: Marmor!

Wenn schon Berghang, dann bitte mit Stil und Steinqualität. Ich hatte das Gefühl, auf dem Testgelände eines italienischen Edelsteinverlegers zu radeln.

Selbst der Parkplatz, auf dem ich morgens geparkt hatte: Kopfsteinpflaster aus Marmor.
Auch der Wasserbrunnen, sonst so häufig aus Holz, stilecht in den Alpen, heute aus Marmor.

Willkommen in der Design-Alm Südtirols.
Inzwischen wurde es kühler. Mein Trikot war nass – nicht wegen des Regens, sondern weil meine Kondition sich im Schweißmaterial manifestierte. Und weil Anhalten bei Nässe und 10 Grad keine gute Idee ist, beschloss ich, weiter zu schieben. Nicht aus Schwäche – sondern aus strategischem Mitgefühl für meine Oberschenkel, denen ich mal eine andere Bewegung gönnen wollte. Und wer nun denkt, das sei eine gemütliche Wanderpause gewesen: Ich hab mein Körpergewicht (das geheim bleibt!) + 15 Kilo Fahrrad + 10 Kilo Rucksack mit der Eleganz eines Kohleschleppers gefahren und an wenigen Stellen auch nach oben geschoben. Das Ergebnis insgesamt: 1517607 Joule. Klingt nach viel – ist es auch. Aber wehe, man schreibt das in Kilowattstunden um: 0,4 kWh. Klingt plötzlich wie ein Toastvorgang im Energiesparmodus.
Nach knapp drei Stunden – mit drei sehr kurzen Schiebeeinheiten, vielen Gedanken und nur zweimaligen hadern– war ich oben. Aber vorher kam noch ein bisschen Drama Deluxe: Ein zweites Eichhörnchen kreuzte meinen Weg (wahrscheinlich das Cousinchen des ersten), ein Pferd kam auf mich zu, blockierte die Straße und beschloss spontan, an meinem Lenker zu knabbern.


Und dann… Baumfällarbeiten. Weil natürlich nichts mehr motiviert, als Motorsägen, die in fünf Metern Entfernung röhren, während du selbst nur noch schnaufst. Der nette Baggerfahrer wollte mir helfen. Habe ich so scheisse ausgesehen? Nein, im Ernst, ich fühlte mich gut und habe noch 30 Sekunden mit ihm gesprochen, bevor ich mein Fahrrad über den Holzstapel gehievt hatte.

Doch zwischen all dem Schweiß, all den Steinen, all dem Schnaufen kam dieser eine Moment. Ein Moment voller Ehrfurcht: Ich, in Funktionswäsche, Carbonbike, elektrischer Schaltung – hochmodern. Die Männer früher: ohne Technik, ohne GoreTex, mit bloßen Händen, Seilwinden, Hammer, Meißel. Sie haben diesen Stein nicht nur abgebaut, sie haben ihn bezwungen.


Und in genau diesem Moment, irgendwo zwischen Nebel und Marmor, an einer Informationstafel hat mich kurz die Geschichte gestreift. Nicht als Vortrag. Nicht als Gedenktafel. Sondern als Gefühl. Respekt (hatten wir ja schon mal). Punkt.
Also da stand ich nun, oben auf dem Berg, irgendwo zwischen Schotterstraße und Marmorwunderland, und schaute mir den Nachbau dieser Marmorrutsche an.

Später dachte ich mir: „Na gut. Jetzt bin ich hier. Es ist kalt. Ich seh nicht ganz so super.

Ich hab Hunger. Und ich hab keine Ahnung, warum ich eigentlich freiwillig hier hochgefahren bin.“ Jetzt weiss ich es. Aus sportlichem Ehrgeiz und Interesse daran, was hier wohl heute und in der Vergangenheit geleistet wurde. Die Nebelsuppe wurde zusehends dichter – die Marmor-Abbauwände, die ich soeben noch vage gesehen hatte, waren plötzlich verschwunden. Der „Gipfelblick“? Nur noch ein milchiger Schleier.



Im Tal hingegen? Sonne. Wärme. Apfelbäume. Cappuccino.

Aber ich? Ich stand mit klammen Fingern in der Kälte, auf 2170 Metern Höhe, eingehüllt in das, was der Wetterbericht als „hochnebelig mit Tendenz zur Frustration“ beschrieben hätte.
Doch dann – zack! – kam der erste Adrenalinschub: Ich fuhr einen steinigen Weg hinab,

die Bremsen quietschten, der Lenker zitterte, und plötzlich, Alaaaaarm! Mein Sturzsensor meldete einen vermeintlichen Crash und alarmierte automatisch Claudia und Frank. Kurz vorm Herzkasper (wahrscheinlich für die beiden) noch schnell per App gemeldet: „Alles gut. Kein Sturz. Nur zu enthusiastisch gebremst.“ Mal wieder eines meiner digitalen Dramen, wenn ich zu stark bremse und gleich vom Radl springe.
Aber es kam noch besser – oder sagen wir: surrealer. Ein durchdringendes Geräusch durchschnitt die Stille. So schrill, dass ich mich schon fragte, ob der Marmor anfängt, zu quietschen. Oder ob mein Sturzsensor die nächste Stufe gezündet hat. Aber nein.
Ein Murmeltier.


Mitten in dieser Steinwüste, zwischen tonnenschweren Marmorbrocken, stand da ein Fellknäuel mit Pfeifstimme und dachte sich, „Endlich mal wieder jemand zum Erschrecken!“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Ehrlich. Aber was sind schon Erwartungen, wenn man auf einem Berg voller Überraschungen steht? Ich schoss ein paar Fotos – trotz schlechterer Sichtverhältnisse. Aber ich versprach Euch ja, heute keine Hochglanz Werbefotos zu sehen.
Dann wurde es Zeit für eine Modenschau: Nasses Unterhemd runter, Trikot runter – und kurzzeitig stand ich da oben fast so, wie mich der liebe Gott erschaffen hat. Mit dem Unterschied: Gott hatte vermutlich nicht so kalte Hände.
Schnell in trockenes Gewand gehüpft, dünne Radjacke drüber, Helm zurechtgerückt – und dann: Abfahrt! Richtung: : Göflaner Alm. Also theoretisch. Praktisch wurde mir nach 300 Metern so kalt, dass ich wieder anhalten und die Regenjacke überwerfen musste.
Aber dann… ja, dann kam der schönste Moment des Tages: Ich entdeckte mein Haus. Na gut, fast. Denn auf ca. 1666 Metern Höhe kam ich an einem Schild vorbei: „Kohlplätze“.

Klarer Fall von Eigentum. Claudia hat mir das nie erzählt. Meine Mutter auch nicht. Aber da stand es schwarz auf weiß – Kohlplatz. Meiner, Juhu, ich kann in Rente gehen. Der „Kohlplatz“ könnte allerdings etwas mehr Pflege vertragen, liebe Claudia. Aber sei’s drum, ich bin ja nicht böse, und man kann sich seine Ferienimmobilie eben nicht immer selbst aussuchen.

Besonders nicht, wenn sie auf 1666 Metern steht und in früheren Zeiten als Holzkohleproduktionsstätte diente. Denn klar: Irgendwo mussten die Werkzeuge für den Marmorabbau geschmiedet und geschärft werden. Und da kommt mein Familienname eben ins Spiel. Zufälle gibt’s. Die Kohlplätzehütte, direkt daneben, war früher die Unterkunft der Arbeiter. Die Männer, die tagtäglich Marmorblöcke abseilten, während manche E-Biker beim Radeln über einen losen Stein schon innerlich die Bergrettung rufen. Es war harte Arbeit. Ehrlicher Schweiß. Ich habe wirklich Respekt bekommen. Und vielleicht auch ein wenig Demut.
Der Abstieg ging dann wie im Traum. Ich ließ die Kohlplätze hinter mir und raste weiter die Marmorstraße hinab, wie ein Blitz auf Rädern. Das Gefühl unbezahlbar nach der Auffahrt. Mountainbiken auf Marmor – klingt wie ein Werbeslogan, fühlt sich aber wirklich so dekadent an, wie es klingt. Die Abfahrt zum Heiligen Hansen Trail habe ich angesichts meines Temporauschs verpasst. Und 3 Kilometer wieder zurück und hoch wollte ich dann doch nicht fahren. Unten in Göflan wurde ich von Autos und Rennradfahrern empfangen, die mir mit einem Gesichtsausdruck entgegenkamen, als ob sie gerade eine Steuerprüfung hinter sich hätten.
Ich war also wieder unten, in Göflan, zurück in der Zivilisation – oder zumindest an dem Ort, wo Rennradfahrer mit versteinerter Miene und Autos mit Bleifuß aufeinanderprallten, als sei’s ein Strategiespiel für passive Aggression. Der Radweg zurück nach Laas: flach, entspannt, sogar ein bisschen langweilig – aber nach 1300 Höhenmetern aufwärts war ich dankbar für jeden Höhenmeter, den ich nicht mit meiner Fettverbrennung verhandeln musste. Nur eine Sache störte: Warum, bitte schön, schauen so viele Radfahrer, als würden sie auf dem Weg zum Zahnarzt statt ins Wochenende sein? Verkrampfte Gesichter. Null Gruß. Zero Freude.
Und siehe da – ich war nicht allein mit dieser Beobachtung. An einem Ort mit so herrlich unspektakulärem Namen, dass man ihn gar nicht mehr vergisst setzte ich mich zu einem Ehepaar – und wir kommen ins Gespräch. Sie haben die gleiche Wahrnehmung gehabt, während sie auf dem Weg von Burgeis zum Gardasee und weiter nach Verona waren. Er war Rentner, sehr belesen, sehr angenehm und lustig. Er sprach über die IAA, als wäre er heimlicher CEO von meinem Arbeitgeber. Er sagte „VW, die bauen doch wieder echt gute Autos, hab ich gehört.“ Ich hätte ihn umarmen können an jenem schönen Ort.

Stattdessen lächle ich milde, denke an das 0,4-kWh-Kraftpaket meines Anstiegs und sagte „Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.“ Das ist so ziemlich das Diplomatischste, was ich an diesem Tag von mir gebe.
Nach dem netten Austausch, einer kleinen Stärkung, ein paar wärmenden Sonnenstrahlen (ja, wirklich – kurz kam sie raus!), geht’s zurück zum Auto nach Laas. Nicht ohne noch schnell an der Freilichtausstellung vorbeizuschauen. Hier wird der Marmor greifbar – und zwar wortwörtlich: Ich säge. Ich schleife und haue ein Herz in den Marmor.



Ich verstehe plötzlich, wie unendlich viel Handarbeit und Hingabe in diesem Gestein steckt. Und während ich die Schleifspuren betrachte, kommt mir ein Gedanke: Vielleicht ist Marmor nicht nur schön, weil er glänzt. Sondern, weil er zeigt, was passiert, wenn man lange, hart und mit Geduld an etwas arbeitet.
Weil das Leben Dramaturgie liebt, setzt natürlich Regen ein. Aber hey: Ich weine nicht.
Denn ich bin zu glücklich und zufrieden. Voll mit kleinen banalen Eindrücken, kleinen Zufällen, tierischen Begegnungen, menschlichen Momenten – und ehrlichem Schweiß.
Ich bin dieses Jahr nicht fit gewesen. Ich war nicht schnell. Ich habe geschoben um meinen Muskeln andere Bewegungen zu geben. Ich habe das ein oder andere Mal tief geatmet. Aber ich habe durchgezogen. 1300 Höhenmeter – am Stück. Ohne Weinen. Ohne Aufgeben.
Hier nochmal einige Fotos von dem Marmorbruch:



Und zum Abschluss – beim Heimfahren – lerne ich noch etwas: Wenn selbst Marmor ins Grübeln kommt und Eisen sich verbiegt, dann gibt es vielleicht doch Dinge, die bleiben, wie sie sind. Und Claudia weiß genau, welche das sind.
