Die nächsten 100 (Miriquidi die 2.)

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Hier beschrieb ich schon den ersten Tag auf meinem Stoneman Miriquidi Abenteuer 2024. Heute am zweiten Tag sollte es allein auf die nächsten knapp 100 Kilometer gehen. An meinen Radbegleiter war nicht zu denken und ich war traurig. Nicht, dass ich allein zu fahren hatte, sondern einfach vor Sorgen was hinter den gesundheitlichen Problemen steht. Die Spezialisten werden es herausfinden und ich musste die Herausforderung annehmen, den Rest der Tour ohne Unterhaltung und Unterstützung zu fahren.

Claudia brachte mich wiederum an den Endpunkt des ersten Tages und schon ging es los in Richtung “Stempelstelle Trailcenter Rabenberg”. Der aufmerksame Leser des Artikels “Miriquidi” mag erinnern, dass ich der Meinung war, die Stempelstelle am Tag zuvor verpasst zu haben. Dem war nicht so, ich war einfach nicht weit genug gefahren und hatte zu früh aufgehört zu radeln. Und so startet der zweite Tag mit den ersten 240 Höhenmetern des Tages (somit eigentlich mit den letzten Höhenmetern des ersten Tages). Die Beine waren ein wenig schwer, aber ich fand irgendwann so was wie einen Rhythmus – nicht flüssig, eher so 4/5 Takt und kein Walzer, schon gar kein Swing. Es war schon recht warm und die Temperatur empfand ich recht drückend. Ein obligatorisches Startfoto und es ging in den Bikepark, der mich talabwärts leitete. Auch wenn ich Bikeparks nicht so sehr mag, so war der Trail, den ich fuhr, doch wunderbar flowig und es hat Freude bereitet. Etwas anspruchsvoller wurde die Fahrt auf dem nachfolgenden Trail “Berms & Bumps”, was so viel heißt, wie “Berühungen und Unebenheiten”. Nun, das beschrieb den Weg schon richtig. Er war recht uneben, aber ich hatte keine Lust, mit irgendwelchen Körperteilen, den Boden zu berühren, also ging ich es vorsichtig an.

Das nächste Ziel hieß Auersberg und war nur 14 Kilometer und knapp über 400 Höhenmeter entfernt. Also ein Klacks. Doch irgendwie fühlte sich mein Rhythmus noch nicht so richtig gut an. Wie schon geschrieben, kein Walzer oder Swing. Aber nachdem es hinter Erlabrunn wieder bergauf in Richtung Auersberg ging, legte sich das komische Gefühl. Ich kam gut voran, eine e-Bikerin überholte von hinten (von wo auch sonst), grüßte nicht und schon war ich zufrieden, wieder allein in der Natur zu sein. Ich kam gut voran, transpirierte jedoch wie der Teufel. Der Schweiß tropfte in meine Augen, es brannte. Zusätzlich noch meine Beine. Denn 1,7 Kilometer vor dem Auersberg zeigte ein Schild des Auersbergkönig noch 170 Höhenmeter an und die Steigung war über 15% steil. Wie gut, dass mich Jesus gerettet hat. Denn kurz vor dem schönen Aussichtsturm wurde der Weg flacher, es waren nur noch 500 Meter und nicht zu erwähnende 30 Höhenmeter und ich konnte die letzten Meter auf Asphalt zurücklegen. Das Bild beweist all das.

Nun hieß es, den Weg nach Johanngeorgenstadt zu finden. Denn heute war ich alleine auf meine Augen angewiesen, kein zweites Augenpaar, das die Beschilderung des Stoneman erspähen konnte. Und so passierte es auch bei der Abfahrt kurz vor der Sauschwemme: Ich übersah einen Wegweiser und fand keinen weiteren. Also verfahren, Mist!. OK, also das Navi gezückt, einen alternativen Weg gesucht und schon hatte ich wieder den schönen Trail gefunden, der mich näher an Johanngeorgenstadt heran führen sollte, das direkt an der Tschechischen Grenze liegt.

Hier war es für knapp 500 Meter vorbei mit schönen Natureindrücken. Ja, ich musste auch ab und zu Asphalt fahren. Aber was ich beim Grenzübergang sah, war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Links und rechts der Straße im Grenzort Potucky waren Ramschläden, in denen einige asiatische Verkäuferinnen ihr Glück versuchten, ihre Waren an den Mann oder die Frau zu bringen. Es könnte auch sein, dass sie entweder den Marktschreiern auf dem Fischmarkt Hamburg Konkurrenz zu machen wollten oder sich einfach nur lauthals über die Straße unterhielten. Ich weiss es nicht. Wie dem auch sei, das Treiben war bunt. Ob das auch für das Etablissement mit dem Namen “Kiss Club” galt, darüber kann ich nur vermuten. Denn mein Weg führte mich selbstverständlich nicht hinein, sondern ich ließ es rechts liegen, da mein Weg linksseitig in Richtung Blatensky Vrch bringen sollte. Wer kann eigentlich solche Namen aussprechen, die noch nicht einmal ein Vokal beinhalten?

Es ging weiter über Asphalt, die Sonne brannte immer noch, rechtsseitig brachte der dahinplätschernde Bach etwas Frische in die Lungen, bevor ein Imbiss zu einem Kaltgetränk einlud. Ich hatte kein Interesse daran, obwohl der Verkaufswagen auch in einem Winnetou Film der 60er Jahre hätte stehen können. Hätte ich es mal lieber gemacht und meinen Flüssigkeitshaushalt auf Vordermann gebracht…

Kurz danach bog ich dann auch wieder in einen Naturpfad ein und keine 1000 Meter später brachte mich eine doch steile und auch ruppige Steigung, die von mir Schieben erforderte, zum Plattenberg (was die Deutsche Bezeichnung von Blatensky Vrch ist).

Zwei Coke fanden schnell den Weg in meinen Magen. Ja, ich weiss, dass 1 Liter dieses Zuckergetränks sicher nicht gut sind – aber es musste einfach sein. Meine Vesper “Brötchen und Kaminwurzn” wurde ausgepackt und neben dem Energieriegel, den ich als Dessert aß, waren das dann meine Energiespender für den Nachmittag. Wie sich zeigen sollte – viel zu wenig.

Gegen 12:45 Uhr ging es weiter, um nach  Plešivec zu fahren. Eine einmalige Ausflugshütte säumte den Weg und kurz vor Abertamy sah ich dann schon das nächste Zwischenziel am Horizont: Die nächste Stempelstelle sollte oben auf dem Berg sein. Doch zuvor konnte ich in Abertamy noch die Kirche der 14 Nothelfer betrachten, wenn leider auch nur durch eine vergitterte Tür. Auf dem Weg bergauf sah ich noch Farne / kleine Bäume? Ich weiss es nicht, ich fand es aber sehenswert, welch ein Muster diese Gewächse zeigten.

Die letzten Höhenmeter und ich war auf dem Skiareal Plešivec. Same procedure as … Na ihr wisst schon. Der vorletzte Stempel auf Tschechischem Gebiet zierte bzw. durchlöcherte meine Tourenkarte und ich machte mich auf zum nächsten Etappenziel. Laut Aushang sollte auf dem Weg zum Klinovec noch knapp 30 Kilometer zu radeln und dabei sollten 1027 Höhenmeter zu überwinden sein.

Nun gut, auf geht es. Ein kurzer Blick zurück, dort wo ich her gekommen bin: Albermaty.

Und schon ging es weiter auf einem schönen flowigen Trail im hiesigen Trailpark. Der Trail nahm kein Ende und meine Beine wurden immer müder. Daran lag es aber keinesfalls, als ich unten in Pstruží angekommen bin und Schwierigkeiten hatte, die nächste Steigung zu bewältigen. Also schob ich wieder einige Meter. Wenn meine Karte das richtig wiedergibt, waren es zwischen 15-20% auf nicht ganz so festem Unterboden. Und die Hitze war immer noch unerbittlich. Also ging ich einige Meter, fuhr wieder, ging, fuhr, bis mich der schöne Waldweg auf eine nicht befahrene Straße brachte. Knapp 5 Kilometer (es fühlte sich länger an) und 220 Höhenmeter weiter durfte ich die Straße wieder verlassen. Die Straße war wirklich nicht befahren. Eine Motorradfahrerin kam aus dem Gebüsch, als ich vorbei fuhr und ein Rennradler überholte mich. Sonst waren nur 2 Autos zu verzeichnen.

Wahrscheinlich hatte ich an dieser Stelle schon viel zu viel Kalorien verbraucht und mein Körper war schon dehydriert. Ich trank, doch mein Wasser ging zur Neige. Zu Essen hatte ich auch nichts mehr. Aber in Jáchymov werde ich das alles ausgleichen. Die Kräfte waren nicht mehr ganz so präsent, und als ich linksseitig in der Ferne mein nächstes Ziel sah, war ich doch nicht mehr so motiviert. Denn ich wusste, dass ich erst noch nach Jáchymov runter fahren musste, bis ich meine Auffahrt zum Klinovec (Keilberg) starten konnte. Und die Abfahrt ging erst einmal über schottrige Wege. Irgendwie habe ich mich wieder verfahren (nicht aufgepasst!), habe aber den Weg zurück zur Tugend -sprich dem Stoneman- schnell wieder gefunden.

Der Rest ist kurz erzählt: Nach der ersten heftigen Steigung in Jachymov hatte das Restaurant, in dem ich essen und trinken wollte (und das lt. Aushang extra für Stonemanfahrer vorbereitet sein sollte) geschlossen. Und das, obwohl das Schild vor dem Restaurant zeigte, dass es geöffnet sei. An der Tür geruckelt, doch niemand machte auf. Also ging es weiter bergauf.

Scheisse! Hungrig und durstig ging es nun auf die nächsten 11 Kilometer, in denen ich knapp 700 Höhenmeter überwinden sollte. Mal auf Asphalt, mal auf Schotter, mal auf flowigem Waldboden. Meine Kräfte schwanden, ich hatte Durst und nicht mehr so viel im Trinkrucksack. Die Sonne war – na was wohl? Na, immer noch unerbittlich. Und dass, obwohl die Wettervorhersage bedecktes Wetter vorausgesagt hatte. Nur leider hielt sich das Wetter nicht an die Wetterfrösche.

Einen bis zwei Kilometer vor dem Gipfel war sie: Die Quelle, die mich rettete. Ich duschte quasi unter der Quelle, kaltes Bergwasser fand den Weg in meinen Magen und die Lebensgeister zurück in meinen Körper. Denn rechtsseitig sah ich auch schon Oberwiesenthal – mein Basecamp.

Der Rest ging eigentlich ganz gut. Aber oben angekommen war ich doch enttäuscht. Die Bauten auf dem höchsten Berg der Tour waren doch sehr baufällig. So blieb mir nur noch übrig, auf 1245 Metern über N.N. den letzten Stempel in der Tschechischen Republik in meine Karte zu stempeln und mich dann doch noch über einen Tretrollerfahrer am nahen Bikepark zu amüsieren. Barfußsocken und freier Oberkörper – aber wenigstens mit Helm 😉

In Richtung Deutschland führte mich ein schöner Flowtrail, auf dem ein ca. 10-jähriger Stepke vor mir wie der Teufel fuhr. Ich hatte mich noch kurz verfahren und so führte mich mein Orientierungssinn angesichts der leeren Batterie meines Navis dann doch irgendwie zurück zum Tschechischen Grenzort Boží Dar, was ungefähr so viel heißt wie Gottesgrab. Nun so fühlte ich mich auch: Wie in Gottes Grab. Ich war kaputt. Noch schnell den Grenzübergang nach Deutschland auf der Straße überfahren (interessant, dass das Sachsen-Schild vor dem Deutschland Schild kommt). Der letzte Berg (Fichtelberg) lag linksseitig von mir. Am zweiten Tag des Stoneman Miriquidi Abenteuers bin ich in 8,48h Fahrzeit 2584 Höhenmeter und 98,95 Kilometer gefahren.

Die Stempelkarte ist voll und ich muss schon sagen, dass ich mich trotz des physischen Einbruchs auf dem Weg zum Keilberg doch gut fühle, diese Herausforderung angenommen zu haben. Insgesamt waren es in den zwei Tagen 191,94 km und 4557 Höhenmeter, die ich mit Muskelkraft erklommen habe. Auch wenn die Berge gar nicht so hoch waren, so war die Anstrengung doch, immer wieder ins Tal zu fahren und von vorne den Aufstieg aufs Neue zu beginnen.

Und herausfordernd war es auch, den zweiten Tag ohne Felix zu fahren. Nicht nur, weil ich mich dadurch sicher weniger verfahren hätte, sondern weil ich mich schon auf die Tour mit Felix gefreut habe und ich mir echt Sorgen um seine Gesundheit gemacht habe.

Das war mein persönliches Miriquidi Abenteuer (zumindest die Beschreibung) und ich weiss, dass ich bei meiner großen Klappe mal etwas zurückhaltender sein sollte. Denn angesichts geringer Trainingskilometer war die Tour schon eine gehörige Anstrengung. Also beim nächsten Mal heißt es “Klappe halten”, sonst bekomme ich wohl irgendwann noch eine Radtour durch die norwegische Winterlandschaft geschenkt. Und das will ich keinesfalls haben 😉 Zusammenfassend lässt sich aber sagen: Schön war’s!