Es gibt Tage, da sollte man einfach auf den Deutschen Wetterdienst hören. Und dann gibt es Tage, an denen man denkt: „Ach, wir fahren ja schon um sechs Uhr morgens los. Im Oberharz ist es sowieso kühler.“ Spoiler: Der Deutsche Wetterdienst hatte recht.
Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Seit Tagen lese ich überall dieselben Schlagzeilen:
Extreme Hitze.“
„Schwere Hitzewarnung.“
„Extreme Belastung.“
„Die Hitze ist allgegenwärtig und lässt uns seit Tagen schwitzen.“
Der Deutsche Wetterdienst legte sogar noch nach und schrieb sinngemäß, dass die Wettermodelle örtlich bis zu 41 Grad prognostizieren und damit dem gerade erst aufgestellten Rekord erschreckend nahekommen. Die Botschaft war eindeutig: Obacht!
Dass diese Warnungen nicht bloß journalistische Übertreibungen waren, durfte ich bereits am Vortag erleben. Bei der Beerdigung eines sehr geschätzten Feuerwehrkameraden stand ich in dunkler Uniformhose eine gefühlte Ewigkeit am Grab. Wer schon einmal bei brütender Hitze in einer schwarzen Uniformhose still in der Sonne gestanden hat, weiß: Man entwickelt eine völlig neue Beziehung zum Begriff „Schwitzkasten“. Anschließend folgte noch die Amtsübergabe des Lions-Club-Präsidenten in Wolfshagen. Ebenfalls wunderschön. Ebenfalls heiß. Ebenfalls schweißtreibend. Eigentlich hätte das als Warnung reichen müssen.
Eigentlich. Doch wir sagten: „Wir fahren einfach früh los.“ Der Plan klang vernünftig. 06:00 Uhr Start im Oberharz. Angenehme Temperaturen um die Uhrzeit. 56 Kilometer Mountainbike. Und außerdem war ich ja nicht allein unterwegs. Freundin F., ihres Zeichens Notärztin, war dabei. Sollte also irgendetwas passieren…nun ja…professionelle Hilfe wäre wenigstens direkt vor Ort gewesen. Rückblickend ist das ungefähr dieselbe Logik wie: „Ich fahre ohne Ersatzrad los. Der ADAC hilft mir ja.“
In Oderbrück angekommen empfing uns tatsächlich eine angenehm frische Brise. Herrlich! Fast schon kühl. Genau so hatte ich mir den Morgen vorgestellt. Entlang des Wasserlaufs rollten wir Richtung Bodebruch.

Das leise Plätschern der Bode sorgte gefühlt direkt für drei Grad weniger Körpertemperatur. Weiter ging es in Richtung Achtermannshöhe und anschließend über einen Wanderweg. Wandern? Ja, Fahren war nicht drin. S3 bis S4. Und manchmal ist Schieben einfach intelligenter als Held spielen. Und wir hatten einen grandiosen Überblick.



Nächstes Ziel: Königskrug. Nach dem schnellen Wechsel über die B4 ging es bergab.
Jeder Mountainbiker kennt dieses Gefühl. Während normale Menschen denken: „Schön, es geht bergab.“ , denke ich als Mountainbiker: „Mist… irgendwann muss ich das alles wieder hoch.“
Und das geschah auf einem anschließenden Singletrail entlang des Naturmythenpfades. Und es machte einfach Spaß. Es war schmal, verspielt und wunderschön. Genau die Sorte Weg, wegen der man früh aufsteht. Bis plötzlich am Ende des Weges etwas Kleines über den Waldweg zottelte. Ein Frischling!
Noch bevor ich überhaupt richtig realisierte, was da gerade passierte, hatte F. bereits die eigentliche Gefahr entdeckt. Die Bache – und die Rotte. Wer Wildschweine kennt, weiß: Mit einer Bache diskutiert man nicht. Man steigt auch nicht philosophisch in eine Grundsatzdebatte über Wegerechte ein. Das hätte das Wetter eh nicht hergegeben. Man fährt einfach sehr vorsichtig weiter. Und bedankt sich innerlich dafür, dass alle Beteiligten offenbar friedliche Absichten hatten.
Schöne Gespräche und eine toll entspannte Tour machten den Sonnabend Morgen zur Freude. Alles OK, die Amerikaner würden sagen 10-4. Doch trotzdem war Rettung notwendig und der Rettungsdienst rettete, wie der Name schon sagte. Heisst, ein in kurzer Halt an der Rettungswache der KBW Goslar, die wir passierten wurde notwendig. Manchmal ruft eben nicht der Berg, sondern die Kachelabteilung. Vielen Dank an die freundlichen Rettungsdienstmitarbeiter, die ihre Sanitäranlagen zur Verfügung stellten. Und es war schön, Jörg E. nach knapp 20 Jahren mal wieder zu sehen. Am Rande sei angemerkt: Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits komplett durchgeschwitzt. Obwohl es noch vergleichsweise angenehm war.
Weiter ging es in Richtung Warme Bode. Der Name war Programm. Und ich hatte kurz überlegt, warum sie eigentlich so heißt. Nach diesem Tag hatte ich eine Theorie ;-). Während entlang der Wiesen sogar Überläufer (einjährige Wildschweine) friedlich unterwegs waren, und durch die Weisen tollten, wurde die Luft zunehmend wärmer.


Vielleicht hätten wir doch lieber entlang der Kalten Bode fahren sollen. Allein schon aus psychologischen Gründen. Aber es ging ja tendenziell bergab und so war es gar nicht schlimm, dass es schon so warm war, wie in einer angeheizten Sauna.
Über die ehemalige Bahntrasse ging es Richtung Sorge und Tanne.

Den Brockenbauer ließen wir links liegen und rollten weiter. Die Ausblicke auf Brocken und Wurmberg waren fantastisch. Und so kam mir der Gedanke, dass ich hier zwischen Brocken und Borken(käferergebnis) fuhr. Keine Sorge, so schlimm sieht die Natur nicht mehr aus. Wir haben schon wieder so viel Grün gesehen, unglaublich viel Grün.

Und natürlich weite Landschaft. Und doch war es gleichzeitig etwas bedrückend., wie viele Flächen, auf denen früher Wald stand, kahl waren. Sagen wir nicht bedrückend, denn Grün kommt nach, sondern drückend. Denn das waren die Temperaturen. Trotzdem erschien mir der Harz auch an diesem Tag landschaftlich wunderschön. Aber er erzählte uns auch Geschichten über Trockenheit, Borkenkäfer und Klimawandel.

Nun hieß es, die Vernunft walten zu lassen… ausnahmsweise! Denn eigentlich wollten wir noch zur Mandelholztalsperre. Und hier hat F. entschieden: No way, Das Wasser hätte sicher verlockend ausgesehen. Doch inzwischen war klar: Es wurde heiß. Richtig heiß. Und so musste ich mich von meiner Betreuerin beim betreuten Radeln dann doch schützen lassen vor meinem Ehrgeiz. Also entschieden wir uns vernünftigerweise gegen die zusätzliche Schleife. Venünftigerweise – ein Wort, das ich an diesem Tag leider nicht oft über mein Verhalten sagen kann.
In Elend legten wir den nächsten Halt ein. Natürlich bei Kuki. Nein., wir aßen keine Erbsensuppe. Ich glaube, allein der Gedanke daran hätte bei diesen Temperaturen für spontane Selbstentzündung meines Magens gesorgt. Die Gulaschkanone schien ebenfalls Hitzefrei zu haben. Also gab es Erdbeeren und Kirschen. Und ein Brötchen mit Wurst über den Daumen. Und vor allem Wasser. Viel Wasser. Insgesamt sollten es an diesem Tag drei Liter werden.
Während wir gemütlich Pause machten, fuhr plötzlich eine größere Gruppe Mofafahrer über die B27. Ganz ehrlich: Wann sieht man heute eigentlich noch Mofas? Für einen kurzen Moment fühlte ich mich wie in einer Zeitreise zurück in die Achtziger. Es fehlte eigentlich nur noch jemand mit Fuchsschwanz am Lenker. Dafür hatten sie Fahnen am Heck, auch nicht schlecht.
Und dann kam der Teil, den ich unterschätzt hatte. Wir fuhren zurück Richtung Braunlage. Singletrail. Alles noch gut. Dann wieder entlang der Warmen Bode. Diesmal allerdings nordwärts. Doch -wie der Name schon sagt und wir das früher schon erlebt hatten, wurde es warm. Richtig warm! Gefühlt zumindest. Und plötzlich wurde aus einer schönen Mountainbiketour ein zäher Überlebenskampf meinerseits. Der Weg bestand gefühlt aus einer Sammlung sämtlicher loser Steine des Harzes. Und auch einer Sammlung der festen Steine – also grober Brocken. Es war ein unruhiger Untergrund.
Und dann war da noch die Sonne, die keinerlei Interesse daran hatte, heute Gnade walten zu lassen. Mir fehlte inzwischen schlicht die Kraft. Rückblickend war mein Frühstück vielleicht -sagen wir- optimierungsfähig. Eine Schüssel Müsli. Ein Toast. Später das Brötchen von F.. Etwa dreißig Erdbeeren und Kirschen. Für einen gemütlichen Sonntag ist das völlig ausreichend. Für die erste größere Mountainbiketour des Jahres bei extremer Hitze? Eher nicht. Mehrfach entschied ich mich, zu schieben. Und das nagt am Ego eines Mountainbikers ungefähr so sehr wie Regen am frisch geputzten Auto. Na ja, vielleicht war es auch nur mein Ego.
Nach der Bärenbrücke erreichten wir die kleine Bode. Genauer, die kleine Bode, die den Tag rettete. An der Moosbrücke war nämlich erstmal Schluss. Ich machte das einzig Vernünftige: Arme ins Wasser, Kopf ins Wasser. Füße ins Wasser (nun das war eher ein Versehen oder kleiner Unfall). Das war nicht elegant und würdevoll, aber unglaublich effektiv. Mein Helm und Stirnband wurde noch mit Wasser getränkt, so dass ich noch 5,5 Minuten Kühleffekt hatte, bevor auch das warm und nachfolgend wieder getrocknet wurde. Ich glaube, hätte mich dort jemand beobachtet, hätte er gedacht, ich würde Joga für Anfänger versuchen. Aber letztlich muss ich sagen, dass die „Harzer Kaltwasser-Schocktherapie.“ nur zu empfehlen war.
„Nur noch 5,5 Kilometer.“ Dieser Satz klingt auf dem Sofa unglaublich harmlos. Auf dem Mountainbike bei extremer Hitze fühlte er sich heute für mich an wie: „Nur noch schnell den Mount Everest hoch.“ Oderbrück war plötzlich nicht mehr der Ort, an dem das Auto stand. Sondern eher ein Wortspiel. Mit sehr viel Fantasie steckt da nämlich fast schon „Brechen“ drin. Und irgendwie war ich an der vorletzten Wegegabelung bildlich zusammengebrochen. Kurz vor der Achtermannshöhe war ich schlicht am Ende. Der Puls hing bei etwa 130. Und er ging nicht runter. Zumindest nicht so schnell, wie ich das von mir kannte. Die drei Liter Wasser waren leer. Die Beine fühlten sich an wie gekochte Spaghetti. Kraftlos, müde, leer.
So kenne ich meinen Körper normalerweise überhaupt nicht. Also blieb nur eins, und das waren 15 Minuten Pause, natürlich im Schatten. Im Gras saßen wir nun in der Hoffnung, dass sich dort weniger Zecken als Halme befanden. Langsam kam wieder etwas Kraft zurück. Genug, um die letzten Meter bis zum Auto zu schaffen.Nach knapp 6 Stunden waren wir wieder da. Und trotz meiner Qualen im letzten Drittel der Tour und meiner Einschätzung, dass das Fahren nicht die cleverste Entscheidung meines Lebens war, möchte ich keine der 360 Minuten missen. Es war…
..Nun, es war etwas verrückt. Vielleicht sogar dumm. Ich hatte mit einer deutlich schnelleren Tour gerechnet. Doch mangelnde Fitness, die erste größere Mountainbiketour des Jahres und eine Wetterlage, vor der praktisch alle Meteorologen gewarnt hatten, waren keine gute Kombination. So kaputt war ich zuletzt nach der legendären Bezwingung der Norbertshöhe bei weit über 30 Grad. Und jeder, der meinen damaligen Blogartikel gelesen hat, weiß: Die Norbertshöhe bleibt ein Arschloch. Heute allerdings war nicht irgendeine Höhe mein größter Gegner. Heute war es die Hitze. Und so fühlte sich dann die Klimaanlage im Auto anschließend ungefähr so an, wie sich andere Menschen vermutlich den Himmel vorstellen.
Mit etwas Abstand bleibt trotzdem vor allem eines hängen.
- Eine wunderschöne Tour.
- Fantastische Landschaft.
- Nette Gespräche.
- Wildschweine.
- Mofafahrer.
- Flüsse.
- Singletrails.
- Und die Erkenntnis, dass man selbst nach vielen Jahren Mountainbike die Natur niemals unterschätzen sollte. Und somit
- Demut und die Erinnerung an eine schöne Natur.
Ich bin froh, dass wir die notärztlichen Fähigkeiten von Franziska nicht gebraucht haben. Ich ärgere mich aber auch ein wenig über unseren Leichtsinn. Manchmal reicht Erfahrung eben nicht. Manchmal sollte man einfach auf die Wetterwarnungen hören. Denn der Harz läuft nicht weg. Und der nächste Morgen kommt bestimmt! Vielleicht dann bei zehn Grad weniger. Und das ist manchmal die deutlich bessere Entscheidung.
