BÄÄHM – LET’S GO!…

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…oder wie ich in einer Woche Guide, Fahrtechniktrainer und unfreiwilliger Sanitär-Scout wurde.

Ich habe eine Woche hinter mir, nach der meine Waden offiziell Beschwerde eingelegt haben, mein Kopf randvoll mit neuem Wissen ist und ich kurz ernsthaft überlegt habe, ob Montezuma vielleicht doch Mitglied der DIMB ist – oder zumindest prüfungsrelevant. Denn in den vergangenen sieben Tagen habe ich gleich drei Ausbildungen absolviert. Na gut, streng genommen waren es eher 2,25. Klingt trotzdem beeindruckender.

Sieben Tage auf dem Mountainbike, zwei Bundesländer, unzählige Trails und jede Menge neue Gesichter später bin ich um einige Erfahrungen reicher. Nicht alle davon waren freiwillig. Neben neuem Wissen habe ich nämlich auch ein paar blaue Flecken fürs Ego eingesammelt. Verantwortlich dafür war meine sehr intensive Begegnung mit einer Fliesenabteilung im Fichtelgebirge. Die Beziehung hielt zwar nur wenige Stunden, hinterließ aber bleibenden Eindruck – zumindest bei mir. Doch dazu später mehr.

Bevor ich meine Bilanz offenlege, fangen wir lieber vorne an: Bei der ersten der drei DIMB-Ausbildungen, die ich mir für die erste Juliwoche vorgenommen hatte.

Guiding – Der Trail ist nicht das Ziel. Die Gruppe ist es.

Der erste Kurs beschäftigte sich mit Guiding und los ging es am Montag in Braunlage. Fast schon ein Heimspiel. Der Harz zeigte sich von seiner besten Seite. Vormittags noch bewölkt und nachmittags zunehmend besseres Wetter. Das war auch gut so, denn morgens wurde Theorie gelernt, während es nach dem Mittag raus in die Natur ging. Und so blieb es auch 3 Tage in unterschiedlichen Ausprägungen.

Und ja, so muss eine Weiterbildung aussehen. Wie im Bilderbuch: Silberteich, Hahnenkleeklippen, Oderteich, Kaiserweg.

Allein beim Schreiben bekomme ich schon wieder Lust, den Helm aufzusetzen. Natürlich fährt man diese Trails als Privatfahrer ganz anders. Da macht man Pause, wo es gefällt, freut sich über flowige Abschnitte und ärgert sich über die Wurzel, die garantiert gestern noch nicht da lag. Als Guide sieht die Welt plötzlich völlig anders aus. Ist die Gruppe noch zusammen? Wer fährt heute am Limit? Wer überschätzt sich gerade? Wo macht die Pause Sinn? Welche Risiken gibt es? Fahren wir die Treppe, oder gehen sie lieber?

Nun, erste Erfahrung zum Guiding habe ich ja schon gemacht. Siehe hier und hier.., aber die DIMB (Deutscher Interessensverband Mountainbike) Ausbildung war noch mal ein Sahnehäubchen und sehr lehrreich. Und nun weiß ich auch, wer den Ton angibt: Der Guide (Danke für das Foto, Jan)

Und ich erkläre jetzt elegant, dass der folgende Trail mit Wurzelteppich und Steinen versetzt ist und dabei auch noch mit den Wanderern geteilt wird. Wie? Na klar, in dem wir Rücksicht ansagen und drauf achten. Die Natur ist für uns alle da. Für die Wanderer und die Mountainbiker. Auch wenn es andere Zeitgenossen nicht immer so sehen.

Das alles heißt: Guiding bedeutet deutlich mehr als vorneweg zu fahren. Unser Ausbilder Jan Zander von Trailtech, der im Auftrag der DIMB unterwegs war, brachte genau das mit einer beneidenswert lockeren Art rüber. Fachlich stark, immer entspannt und mit seinem inzwischen legendären Schlachtruf: „BÄÄHM – let’s go!“

Irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich den Spruch innerlich sogar vorher schon hörte. 😉

Die Gruppe passte ebenfalls perfekt zusammen. Dennis, Dieter, Raphael, Guido aka Martin -der am Ende sicher auch unsicher ob seines Vornamens war, ich und Jan, der Trainer. Klein – überschaubar – toll. Jeder brachte andere Erfahrungen mit, aber spätestens nach den ersten gemeinsamen Kilometern war klar: Mountainbiker sprechen ohnehin dieselbe Sprache.
Und zwar fließend in Höhenmetern, Kilometern und vor allen Dingen Natureindrücken.
Mit jedem Tag wurde das Guiding sicherer. Die Abläufe wurden routinierter, die Ansagen klarer und das eigene Auftreten souveräner. Das fühlte sich richtig gut an.

Wir haben übrigens auch gelernt, was garantiert keine Pluspunkte bringt: Querfeldein durchs Unterholz pflügen, Pflanzen plattfahren und die Natur behandeln wie einen Hindernisparcours, nur weil das GPS oder der Kopf gerade kreativ wird. Nein, wir bleiben auf den Wegen, respektieren die Natur und sorgen dafür, dass Mountainbiker als das wahrgenommen werden, was sie meistens sind: Rücksichtsvolle Gäste im Wald. Und die DIMB-Regeln fahren dabei natürlich immer mit.

Frei nach Loriot kann man zu dem Foto sagen „„…man sollte das gar nicht tun! Nur die Freunde in Florenz machen das.“

Nachdem ich am dritten Tag noch die allseits bekannte Oberharzer-Killer-Heuschrecke auf meinem Fahrradrahmen mitgenommen hatte, wurde ich auch noch als zweitattraktivster Mountainbiker im Harz in Szene gesetzt wird (na klar, der schönste Mountainbiker war ich natürlich nicht ;-). Wenn das mal kein toller Abschluss des ersten Kurses war.

Danke an alle Teilnehmer: Ihr ward eine tolle Truppe!

Szenerie 2: Die Fahrtechnik

Am 4. und 5. Tag der Woche reicht „einfach runterrollen“, „Geschichten erzählen“ und nur „guiden“ plötzlich nicht mehr aus. Denn wir fuhren im 2. Ausbildungsmodul direkt in den Bikepark St. Andreasberg. Jetzt wurde es ernst für mich. Nicht nur die erste Steigung hatte es auf Schotter und ambitioniertem Tempo in sich. Ich bin ja immerhin schon 60 ;-). Es ging um die Fahrtechnik. Eher meine Achillesferse. Und Fahrtechnik zu beherrschen und Fahrtechnik zu vermitteln sind ungefähr so ähnlich wie selbst essen oder Tim Mälzer werden. Beides hat mit Essen zu tun. Aber viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht.

Auf einmal fährst Du nicht nur, sondern Du analysierst Blickführung, Grundposition, Aktivierung, Bremstechnik, Kurvenverhalten und Anfahren am Berg. Während Dein Teilnehmer denkt: „Ich will doch einfach nur den Berg runter.“, ist es Deine Aufgabe, für seine Sicherheit zu sorgen.

Sicherheit first – so einfach ist das. Einfach? Nun ja, Guiding ist meine Komfortzone und Fahrtechniktraining ist dann eher außerhalb der Komfortzone. Nennen wir es einfach interessante Baustelle. Genau deshalb waren diese beiden Tage Gold wert. Jan, wiederum unser Ausbilder in diesem Teil, vermittelte nicht einfach nur Übungen. Er erklärte auch, warum Menschen welche Fehler machen und wie man sie simpel anleitet, statt sie mit Fachbegriffen zu erschlagen. Und zwar Schritt für Schritt. Ein riesiger Unterschied. Merci vielmals.

Die Gruppe entwickelte sich erst nach und nach. Man musste sich ein wenig finden oder ich musste die Gruppe finden. Wobei ich Guido und Dennis ja aus dem Guiding-Kurs kannte und das alleine für einen Wohlfühlfaktor sorgte. Aber spätestens nach den ersten gemeinsamen Übungen war klar: Alle kämpften mit denselben Themen. Denn was ich fahren muss, wenn ich etwas beibringe, ist etwas anderes, als ich normalerweise fahre. Das war auch ein Lerneffekt, den andere Gruppenteilnehmer machen mussten. Und die Technik sieht dann ggf. auch eleganter aus. Nicht nur bei mir. Die Prüfung? Na ja, bestanden. Trotzdem weiß ich jetzt ziemlich genau, woran ich arbeiten möchte und werde- und nicht erst, wenn ich in Rente bin.

Teil 3 – „Wenn plötzlich der Guide Hilfe braucht“

Nach zwei erfolgreichen Lehrgängen machte ich mich Freitag Nachmittag entspannt auf den Weg ins Fichtelgebirge. 350 km Autobahn. Sonnenschein, freie Straße. Schnell noch an der Raststätte Frankenwald Strom getankt. 150kW Ladesäule. Doch halt, warum lädt mein Auto nur mit 33 kW? Da stimmt was nicht, also die nächste Ionity Ladestation angefahren. Ein böses Omen? Ach nöö, so weit wollen wir nicht denken. Die nächste Ladestation war keine 10 km entfernt. 12 Ladesäulen, 2 kaputt. Und von den 10 Ladesäulen, wurden 2 von Fahrzeugen mit deutschem Nummernschild belegt, der Rest kam aus Dänemark. Die sind wohl schon viel weiter mit der Elektrifizierung ihrer Autos. Gut, dass es bis auf wenige Ausnahmen nur Fahrzeuge von meinem Arbeitgeber waren. Aber es zeigt auch, dass für Ferienzeiten noch viel Ausbauarbeit der Ladeinfrastruktur vor uns liegt. Mit den respektlosen Worten eines Deutschen Ministers könnte man sagen: „Einfach mal ein wenig mehr leisten, nur für eine kurze Zeit“. Wird schon, denke ich mir… 😉

20 Minuten entspanntes Laden, und es ging weiter. Frei nach Johnny Hill und seinem Lied „Rufe Teddybär 1-4“ hieß es gegen 19 Uhr „Die letzte Kurve ich war da und glaubte nicht, was ich da sah„. Die Gaststätte, in der ich mein Zimmer gebucht hatte, hatte geschlossen. Was ist das? Nun, es hat sich alles aufgeklärt, ich habe mein Zimmer erhalten und ein „guats“ fränkisches Abendessen. Knödel mit Zwiebelbraten. Einfach lecker. So kann es weiter gehen. Und die Vorfreude auf den nächsten Tag ging mit mir früh schlafen, denn ausgeschlafen soll ich dann schon optimale Voraussetzungen am Sonnabend haben. Das dachte ich.

Stefan, seines Zeichens Notfallsanitäter beim Bayerischen Roten Kreuz, startete pünktlich um 9 Uhr mit einem hervorragenden Theorieblock. Trotz -oder gerade wegen- meiner uralten Rettungssanitäter-Ausbildung war doch viel Neues dabei. Wertschöpfend nenne ich das und es war eine reine Freude. Und dann hieß es gegen 13 Uhr nach unzähligen virtuellen Notrufen und erfolgreichen Reanimationen und Druckverbänden nicht BÄÄHM- Let’s go,. Aber eigentlich war es das Gleiche gemeint: Es sollte nun rausgehen in die Natur.

Outdoor, Bodycheck, Fallbeispiele, Patientenversorgung. war angesagt. Eigentlich genau mein Ding. Ich freute mich riesig. Eigentlich. Denn parallel hatte der liebe Gott noch eine Sondereinheit Medizin für mich parat. Denn mein GI-(Gastrointestinal)trakt fuhr plötzlich Enduro mit mir. Mit Vollgas und ohne Protektoren 😉 Ich versuchte es trotzdem mit let’s go. Helm auf, Rucksack auf, los ging es.

Nach wenigen Minuten war klar: Heute gewinnt nicht der Trail, nicht die Erste-Hilfe Ausbildung. Heute gewinnt mein GI-Trakt. Und das führte mich schnell in einem Downhill in Richtung von gekachelten Räumen. Denn es hieß vernünftig bleiben, so war auch meine kurze Rücksprache mit Stefan: Abbrechen. Abbruch nicht aus mangelnder Motivation, sondern weil ein Guide, der alle zehn Minuten panisch nach dem nächsten Gebüsch fragt, vermutlich nur bedingt Vertrauen ausstrahlt. Und schon gar nicht gut lernen kann. Und das war ja mein Ziel.

Der Rest des Tages ist kurz erklärt. Er bestand aus zwei Bananen, viel Flüssigkeit und einer bemerkenswert hohen Schrittfrequenz zwischen – ach, lassen wir das. Komoot hätte daraus wahrscheinlich eine neue Sportart gemacht.

Der Lehrgang wird selbstverständlich nachgeholt. Denn gerade Outdoor-Erste Hilfe ist wahrscheinlich der wichtigste Baustein überhaupt. Wenn draußen wirklich etwas passiert, gibt es keinen Reset-Knopf.

Mein Fazit – Mehr als nur Zertifikate

Diese Woche war körperlich nicht unanstrengend, mental fordernd und unglaublich lehrreich. Ich nehme nicht nur 2 1/4 DIMB-Ausbildungen mit. Ich nehme neue Ideen, neue Motivation und viele Aha-Momente mit. Und die Erkenntnis, dass Mountainbiken eben viel mehr ist als möglichst schnell und elegant bergauf und bergab zu fahren.

Ein guter Guide kennt den Trail. Ein sehr guter Guide kennt seine Gruppe. Ein guter Fahrtechniktrainer erklärt Übungen. Ein sehr guter Trainer erkennt, warum sie nicht funktionieren. Und ein schlauer Teilnehmer akzeptiert irgendwann, dass Montezumas Rache keine Diskussionen führt.

Zum Glück überwiegen die Erinnerungen an die fantastische Natur, großartige Ausbilder und Menschen, die alle dieselbe Leidenschaft teilen. Oder wie Jan wahrscheinlich sagen würde: BÄÄHM – let’s go! … nächstes Mal aber bitte wieder Richtung Trail oder in den schönen Sonnenuntergang, den ich auf der Heimfahrt genießen durfte.