Eintreten – Entspannen – Genießen

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Mit genau diesen drei Worten wurden wir in unserem Urlaubsdomizil auf knapp 1.800 Metern Höhe begrüßt. Und ich dachte sofort: Endlich mal ein Schild, das keine Bedienungsanleitung ist.

Denn genau deshalb sind wir hier. Ruhe – weil auf 1.800 Metern erstaunlich wenige Menschen auf die Idee kommen, mal eben hupend vorbeizufahren. Entspannung – weil das letzte berufliche Quartal eher nach Schleudergang als nach Wellness aussah. Und Genuss – von der Natur, voneinander und natürlich von allem, was Südtirol zwischen Knödel und Kaiserschmarrn auf den Teller zaubert. Und damit: Herzlich willkommen zu den ersten Urlaubstagen 2026

Die Vorfreude ging eigentlich schon vor Wochen los. Erstaunlicherweise habe ich dieses Jahr nicht die Tage, Stunden und Sekunden bis zum Urlaubsstart gezählt – was sonst mit schöner Regelmäßigkeit mein ganz persönlicher, leicht verhaltenskreativer Ticker-Spleen war.

Warum? Nun ja, vielleicht weil es der definitiv letzte Urlaub ist, den ich im aktiven Arbeitsleben bei meinem derzeitigen Arbeitgeber verbringe. Momentan zähle ich eher die Tage, bis ein völlig neuer Lebensabschnitt anklopft. Nicht etwa, weil ich es kaum erwarten kann, meine liebgewonnenen Kollegen im Büro zurückzulassen – der Abschied wird mir am Ende vermutlich schwerer fallen, als meine gepflegte Verdrängungstaktik mir gerade einreden will. Aber dazu irgendwann später mehr, wenn die Taschentücher parat liegen.

Nun sind wir also endlich da. Genauer gesagt am Ende des Matschertals in Südtirol. Und hier haben wir eine tolle Aussicht aus unserem netten Hotelzimmer.

Ein beschauliches, herrlich einsames Eckchen Erde – genau das, was unsere in den letzten Wochen überreizten Gemüter jetzt braucht. Seit zwei Tagen schwelgen wir hier im Bergluft-Delirium, unterwegs sind wir aber schon seit drei Tagen. Denn unsere Reiseroute lautete Goslar – Südtirol über Caputh. Nein, nicht Kaputt, Caputh in der Nähe von Potsdam.

Richtig gelesen. Wir haben die logischste aller Abkürzungen genommen und sind einmal elegant über Brandenburg gedüst. Grund dafür war die Hochzeit eines hochgeschätzten Kollegen. Und was soll ich sagen? Rückblickend war das eine der besten Entscheidungen überhaupt. So viel Herzlichkeit, so viele Emotionen – davon zehren wir wahrscheinlich länger als von jedem Frühstücksbuffet.

Über die eigentliche Fahrt gen Süden gäbe es fast nichts zu berichten – außer einer klitzekleinen physikalischen Anomalie: Mein E-Auto soff Strom wie ein Matrose auf Landgang. Wesentlich mehr als im Vorjahr auf ähnlicher Strecke. Woran das wohl lag?

  • An den gefühlt 20 Koffern voller Garderobe von uns und den Kosmetika meiner lieben Ehefrau, die bekanntlich auch auf 1.800 Metern noch für optische Höchstleistungen brennt?
  • Oder lagen die Zusatz-Stopps eher an den zwei Mountainbikes auf dem Heckträger, die die Aerodynamik unseres Fahrzeugs auf das Niveau einer Schrankwand mit Segel drückten?

Man weiß es nicht, vermutlich ist es aber die zweite Theorie, die man verifizieren sollte.  Jedenfalls durften wir einen Schnellladestopp mehr einlegen. Schadet ja nix, man hat schließlich Urlaub und gute Gesellschaft. Ein kleiner Nervenkitzel war für uns jedoch neu: Im Gegensatz zu früher waren die Ladesäulen dieses Mal nicht gähnend leer. Bei zwei von drei Stopps hatten wir pures Zockerglück und ergatterten jeweils die allerletzte freie Säule.

Tag 1:

Wo ich oben nun schon die Mountainbikes für die schleche Aerodynamik verantwortlich machte, stellt sich folgende Frage: Braucht man in den Alpen überhaupt Mountainbikes? Natürlich! Ein Alpenurlaub ohne Biken ist wie Badeurlaub ohne Badehose. Loriot hätte gesagt: „Möglich, aber nicht erstrebenswert.“ Und so haben wir die ersten zwei Tage bereits eifrig im Sattel gesessen. 😉 (Der Smiley ist Pflicht, weil wir genau das natürlich NICHT getan haben.)

Die Absprache zwischen Claudia und mir lautete – wie verlässlich in jedem einzelnen Jahr: Wir lassen es dieses Mal ruhiger angehen. Haben wir es ruhig angehen lassen? Aber selbstverständlich! Oder präziser gesagt: Auf gar keinen Fall. Auch das wie in jedem Jahr. Aber diesmal war das Versagen voll eingeplant!

Wir wollten in aller Seelenruhe wandern. Ohne Menschenmassen. Erfolg auf ganzer Linie. Wir wollten schön langsam machen. Ebenfalls geglückt. Wir wollten am ersten Tag mit ganz wenig Anstrengung starten. Kompletter Systemausfall. Ich hatte nämlich das Höhenprofil zum Upisee offenbar mit der optischen Treffsicherheit eines Maulwurfs gelesen. Das dämmerte mir exakt 50 Meter hinter dem Hotel. Umdrehen? Ach was, nach 50 Metern lohnt sich das auch nicht mehr. Und so schlichen wir mit einem letzten Blick auf unser Hotel die Steigung hoch. Gefühlte 100 % Steigung – ach was, sagen wir direkt 200 % Vertikale!

Irgendwann schaltet der Körper auf stoischen Rhythmus um.

Nach geraumer Zeit erreichten wir die Upi-Alm. „Na, schau mal, direkt dahinter liegt doch der Upisee!“, erinnerte ich mich an mein brillantes Kartenstudium. Auf dem Papier stimmte das uneingeschränkt. In der harten Realität erweitern wir das „uneingeschränkt“ mit einem vorgestellten „NICHT“.

Denn nun ging die Tour erst richtig los: Vorbei an einer staunenden Kuhherde, entlang eines Wasserfalls, durch einen steilen Hohlweg – ab auf die nächste Hochebene.

Das musste sie sein! Die letzten Schritte, der Schweiß perlt, der Blick öffnet sich… die Sonne lugt heraus, der Himmel erstrahlt in majestätischem Blau! Und – kein See. Weit und breit nur Wiese und Fels. Auch schön, aber kein See. Auch der Blick nach unten konnte immer wieder genossen werden.

Also weiter wandeln. Nicht flach, wo denkt ihr hin? Wieder bergauf. Moderat, denkt man beim Aufstieg (der Abstieg sollte uns da später noch einiges an Demut lehren). Unterwegs pfiffen uns immer wieder Murmeltiere aus dem Gebüsch an. Wir sahen sie sogar! Aber vor die Linse unserer Kameras wollte keines der possierlichen Biester treten. Wahrscheinlich war den hochalpinen Promis die Ausleuchtung schlichtweg nicht professionell genug, denn die Sonne verkrümelte sich prompt wieder hinter einer dicken Wolkendecke. Hat aber auch Vorteile: Man schwitzt etwas weniger.

Nach gefühlt zwei Stunden und gefühlten Millionen Höhen-Millimetern standen wir endlich am Upisee. Was für eine Überraschung… Enttäuschung… oder wie auch immer man dieses Naturereignis nennen mag. Der See war erheblich überschaubarer als gedacht. Immerhin schön blau, umringt von einem charmanten Stein-„Strand“. Den umherlaufenden Kühen war die überschaubare Größe völlig schnuppe – sie grasten tiefenentspannt den felsigen Krater ab. Wir brauchten nichts zu futtern, nach zwei Stunden Wanderung ist der Magen noch gar nicht bereit zum Verdauen.

Was wir dagegen dringend brauchten, waren Jacken. Durchgeschwitzt wie zwei untrainierte Leistungssportler blies uns nun ein garstiger Wind um die Ohren, der die gefühlte Temperatur schlagartig in den einstelligen Bereich katapultierte. Da saßen wir nun, eingehüllt wie zwei Zwiebeln, am windigen Ufer des Upisees. Klingt ungemütlich? War aber fantastisch! Wir hatten die vollkommene Ruhe, wir hatten uns – und eine grandiose Natur, die einem auf sehr kühlende Weise zeigt, wie winzig man eigentlich ist.

Noch schnell ein paar Schnappschüsse von den Kühen, bis die Kühle (geiles Wortspiel oder?) uns unmissverständlich befahl, den Rückzug anzutreten. Und siehe da: Kaum machten wir den ersten Schritt bergab, riss die Wolkendecke auf und die Sonne strahlte.

Der Rückweg war exakt dieselbe Strecke – fühlte sich merkwürdigerweise aber deutlich steiler an als bergauf. Reine Frage des Koordinatensystems versuchte ich Claudia zu überzeugen. Doch meine deppterten physikalischen Theorien funktionierten nicht und unsere Knie- und Oberschenkelmuskeln pfiffen auf meine neue Logik. Der Abstieg verlangte unseren Muskeln definitiv mehr ab als der Aufstieg. Eine Kuh schaute uns gar ungläubig an, die anderen beiden spielten „Verliebte Jungs“ (Nein, nicht das Lied von Purple Schulz) und der Wasserfall brachte etwas Erfrischung

An der Upi-Alm rettete uns ein charmanter italienischer Teenie mit zwei lebensrettenden Holunderschorlen. Gut aufgetankt ging es auf die Zielgerade: Teils satte 30 % Gefälle auf den letzten drei Kilometern.

Als wir nach gefühlt unendlichen Stunden wieder das Hotel erreichten, waren unsere Füße platt, die Knie schmerzgenerierend und die Muskeln schlichtweg überwältigt. Was für eine herrlich „entspannte“ Einstiegstour!

Tag 2:

Was am ersten Tag nicht klappte, sollte Tag zwei wiedergutmachen. Ehrenwort! Ich versprach Claudia eine Tour, bei der es ausschließlich bergab geht. Reine Entspannung! Und na ja… fast wäre es auch so gekommen.

Das Frühstück verlief schon mal leicht sportlich, da uns genau 30 Minuten blieben. Grund: Die Weiterfahrt zum Bahnhof Sponding! Wenn man da hinabrollt, erhöht sich der Akku des E-Autos durch Rekuperation um satte 4 % – Öko-Triumph pur! Von Sponding ging es weiter mit den Buslinien 270 und 271 Richtung Stilfser Joch. Meine Versprechungen an Claudia: Atemberaubende Kulisse, spektakulärer Trail, reine Erholung! Es geht schließlich nur bergab!  Wir stiegen vorausschauend schon frühzeitig von der 271 in die 270 um, damit wir später im vollgestopften Bus nicht mehr kämpfen mussten. Taktik-Sieg! Nachdem unser Bus an den ersten irrwitzigen Rennradfahrern (und ihren ebenso leidensfähigen Kolleginnen) vorbeigezogen war, füllte er sich erst in Stilfs und schließlich brechend voll in Trafoi.

So gings im Ölsardinen-Modus durch 48 Kehren, knapp 30 Kilometer und 1.800 Höhenmeter bei im Schnitt 7 % Steigung (Spitzenwerte: knackige 15 %). Das Wetter: Kaiserklasse. Der Bus: Nur voll. Die Luftqualität: Sagen wir… deutlich ausbaufähig. Aber die Aussicht war jeden einzelnen Atemzug wert.

Pünktlich kurz nach 10 Uhr waren wir oben und sagen: Willkommen auf dem alpinen Devotionalien-Jahrmarkt! Motorradfahrer im Rudel, Rennradler im Delirium und Verkaufsstände, die verdächtig an die Budengasse auf dem Goslarer Schützenfest erinnerten. Aber hey, Urlaubs-Konsum muss sein! Und so wechselten einige harte Euros aus Claudias Portemonnaie fließend in die Hände eines italienischen Händlers. Ergebnis: Postkarten und der unentbehrliche Kühlschrankmagnet im Gepäck.

Nach einer kurzen Toilettenpause (diesmal absolut kostenlos – ganz im Gegenteil zu meiner Solotour im Vorjahr!) ging es hinauf zur Garibaldi-Hütte. Jene historische Hütte, auf der mein bester Freund Frank vor gefühlt neun Jahren mal kräftig seekrank wurde, auf der ich selbst diese eine unvergessliche Hüttennacht erlebte und die nun seit drei Jahren unbewirtschaftet da oben steht – vermutlich wartet sie nur darauf, dass Claudia und ich sie pachten.

Der Weg hinauf war steil und schottrig, aber wir marschierten da hoch wie zwei junge Ausdauer-Götter. Null außer Puste! Oben herrschte reger Publikumsverkehr – die zwei prall gefüllten Busse zeigten Wirkung. Wir verweilten also nicht allzu lange, warfen einen Blick Richtung Borchetta di Forcola und Umbailpass, ließen den Ortler rechts liegen (verschieben lässt er sich ja eh nicht).

Nun bogen auf den berühmten Goldseetrail ein.

Über die Sinnlosigkeit von Kriegen, deren Mahnmale und alten Stellungen man hier auf Schritt und Tritt passiert, muss ich gar nicht viel sagen. Das habe ich letztes Jahr schon verarbeitet. Erschreckend ist nur, wie viele Zeitgenossen und auch Bekannte von mir heutzutage wieder einer seltsamen Kriegstüchtigkeit und -rhetorik verfallen sind. Wir definitiv nicht. Claudia brachte es passend auf den Punkt: „Es ist schon extrem bedrückend zu sehen, wie und wofür diese Soldaten vor 100 Jahren hier sinnlos geschunden wurden.“ Recht hat sie. Wenn das der „olle Fritze“ und seine heutige Gefolgschaft mal kapieren würden, wäre die Welt ein Stück weiter. Wir wanderten weiter, vorbei an einer alten Stellung, bei der ein riesiges Steinkreuz auf den Boden gelegt wurde. Gänsehaut-Moment.

Schließlich schälte sich der Namensgeber des Pfades aus der Landschaft: der Goldsee. Ein wahrhaft majestätisches Gewässer… von der Größe einer gepflegten Goldpfütze. Aber sind wir ehrlich: Goldpfützentrail klingt auf der Wanderkarte einfach nach nix. Wir verzeihen die romantische Übertreibung also gern.

An der Goldseestellung hielten wir inne, gingen kurz in uns und die verblühte Distel mit dem unscharfen Ortler im Hintergrund ist ggf. ein Symbol für diese Stellung.

Wir gingen weiter.

Hinter uns tauchte eine Wandertruppe auf. Laut. Sehr laut. Wir winkten sie höflich vorbei und genossen stattdessen unser Picknick im Schatten des Ortlers, der mit seiner gewaltigen Gletscherkuppe zusammen mit dem Madatschferner über uns wachte. Zwei Schafe begleiteten uns.

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Die Energiezufuhr war auch bitter nötig für das, was folgte.

Irgendwann fingen die Knie an zu meckern. Aus anfänglichem Zicken wurden kurze, stechende Schmerzen. Erst im Viertelnoten-Takt, dann zügig auf Halbe und ganze Schläge verlängert. Die Quittung für hunderte Meter Dauer-Abstieg von gestern und heute. Wir schalteten zwei Gänge runter. Vorteil: Mehr Zeit zum Genießen!

Und mehr Zeit zum Atmen. Denn einige Passagen waren für einen bekennenden Schisser mit Höhenangst (wie dem Verfasser dieser Zeilen) doch arg ausgesetzt. Und meine Wanderstöcke? Die lagen schlicht und ergreifend im Hotelzimmer, wo sie eine hervorragende Figur machten. Ohne Stöcke wurde die Kraxelei zur mentalen Reifeprüfung: Tief durchatmen, Puls senken, bloß nicht nach unten schauen. Irgendwie Deja vu zum letzten Jahr.

Nach knapp 3,5 Stunden strammem Bergab-Marsch erreichten wir schließlich – mit schmerzenden Knien, brennenden Oberschenkeln, heißen Sohlen, aber stolz wie Bolle – die Furkelhütte. Und ja: Wir hatten die lautstarke Wandertruppe unterwegs tatsächlich noch einmal überholt! Sie machten mitten auf dem schmalen Pfad Picknick und waren sich offenbar zu fein, unseren Gruß zu erwidern. Wahrscheinlich hatten sie ihr Wortkontingent für den Tag schon versprüht.

Ein aufgeschnappter Dialog-Leckerbissen aus ihrer Runde sei euch nicht vorenthalten:

„Er ist den Marathon übrigens in 2:20 gelaufen!“

„Hast du mir schon erzählt. Hat mich vorhin schon nicht interessiert.“

„Ich erzähle es dir trotzdem nochmal: Er hat den Marathon in 2:20 geschafft!“

„Interessiert mich immer noch nicht.“

So sind sie, die Profi-Sportler. 😉

Auf der Furkelhütte gab es angesichts der mittlerweile brennenden Sonne die beste Belohnung des Tages: kühle Holunder- und Johannisbeerschorle, garniert mit einem phänomenalen Apfelstrudel. Ich habe spontan beschlossen, diesen Strudel in meinem nächsten Lebensabschnitt exakt so nachzubacken.

Mit dem Sessellift schwebten wir entspannt nach Trafoi hinab, der Bus kam verspätet, der Anschlussbus noch verspäteter – aber schlussendlich kamen wir völlig erschöpft, aber überglücklich wieder am Auto an.

Ein absolut grandioser Tag liegt hinter uns. Und morgen? Morgen wollen wir definitiv Mountainbiken. Wollen heißt allerdings nicht zwingend tun, denn Bike-Touren machen vor allem bei Sonnenschein Spaß – und der Wetterbericht tuschelt was von tiefhängenden Wolken. Mal sehen. Vielleicht erkunden wir auch einfach erst einen entspannten Waalweg und schwingen uns übermorgen in den Sattel. Ihr werdet es erfahren…