Ein Sprung fürs Foto…

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… … und der Körper meldet höflich, aber bestimmt: „Das war keine gute Idee. Und damit willkommen beim Artikel über den heutigen Urlaubstag. Das mit der nicht guten Idee war aber auch eine Ausnahme, der Rest heute hat einfach gepasst und wir fangen wieder ganz von vorne an, bevor wir zum Sprung kommen.

Manche Urlaube sind wie eine Tour-de-France-Etappe: Jeden Tag steht eine neue sportliche Herausforderung an. Gestern stand bei uns eher kultureller „Shopping-Sport“ auf dem Programm – Wochenmarkt im Südtiroler Kur- und Touristenmekka Meran. Sportlich zwar überschaubar, aber gefühlt bei geschmeidigen 38 Grad im Schatten ein Horror. Mein schickes, lockeres Shirt war bereits nach fünf Minuten so durchgeweicht, dass man es als Schwamm hätte verkaufen können. Mein Körper hat gelitten wie alle Alpengletscher angesichts der Klimaveränderung. Wobei wir ja auch nicht vergessen dürfen, dass die Gletscher erst durch Eiszeiten entstanden sind, also noch gar nicht lange da sind. Und wo ist die Eiszeit, wenn man sie mal braucht? Denn eine Eiszeit hätte ich mir gestern gerne herbeigesehnt. Doch für Eis war es dann doch zu heiß, es wäre ja viel zu schnell geschmolzen, bevor es den wohligen Weg in die Speiseröhre geflossen wäre. Dafür sorgten kühle Getränke für sehr kurzzeitige Abkühlung von innen.

Doch zurück zum sportlicheren Urlaub. Gestern noch in Meran und vor drei Tagen unsere letzte Mountainbike-Tour, die – vorsichtig ausgedrückt – motivatorisch, emotional und mental ein epischer Reinfall war. Sozusagen ein Totalausfall. Die Frage sei erlaubt, ob das jetzt der Beginn meines sportlichen Verfalls oder nur eine muskuläre Eintagsfliege war?

Heute sollte es die Antwort auf die Frage geben. Aber ganz ohne Druck: Keine Rekorde, keine MTB-Transalp-Etappe, einfach eine lockere Genusstour. Das Ziel: Die Rescher Alm, gut 600 Höhenmeter über dem Reschensee.

Morgens 07:00 Uhr: Der Wecker klingelt. Wir frühstücken gemütlich und genießen Vinschgauer Spezialitäten, bevor wir uns die Räder aufladen, uns ins Auto schmeißen, und den Berg hinunter in Richtung Mals rollen. Doch nach fast genau 15 Minuten dröhnt die eine Frage von Claudia durch den Innenraum, die jedem Ehemann den kalten Schweiß auf die Stirn treibt: „Du, Schatz… hast du meinen Akku eingepackt?“*

Kurzes Schweigen. Der Blick auf die mentale Checkliste. Mist, vergessen. Da kannst Du die Schuld auch nicht Deiner Ehefrau geben. Das gehört sich nicht und letztlich bist Du als ihr persönlicher Guide und Wohlfühl-Animateur ja dafür verantwortlich, dass alles funktioniert. Und der Akku hätte zum Bikecheck dazu gehört.

Also musste großzügig die Wende, nachdem nach 2 km erstmalig eine Wendemöglichkeit zur Verfügung stand, eingeleitet werden. Und so ging es zurück ins Hotel. Der Akku wurde geholt, und ich habe noch schnell die gesetzlich verpflichtende rot-weiße Warntafel an den Fahrradträger gezimmert. Komische Regelung in Italien, aber an einem Wechselwochenende mit viel Verkehr auf der Staatsstrasse wollte ich dann doch nichts riskieren. Fix ging es dann auf ein Neues Richtung Graun am Reschensee!

Die Fahrt war ein Geduldsspiel. Es war zwar Samstag, aber gefühlt hatten sich sämtliche Sonntagsfahrer der Alpenregion verabredet, um mit stoischen 23 km/h vor uns herzuschleichen. Ich war kurz davor, das Mountainbike vom Heckträger zu holen, weil ich tretend vermutlich schneller gewesen wäre.

Um 10:00 Uhr standen wir dann aber endlich startklar am Reschensee. Fahrtrichtung: Österreich/Nauders. Kennt ihr den Reschensee? Ja klar, müsst ihr doch! Der See mit dem Kirchturm, der aus dem Wasser ragt. Falls nicht, habe ich mir für euch mal kurz von der KI eine verdammt poetische Zusammenfassung schreiben lassen:

Der Reschensee liegt still, fast regungslos… Und dann erscheint er: der Kirchturm von Alt-Graun, einsam, aufrecht, ein steinernes Echo eines Dorfes, das nicht mehr existiert. Im Jahr 1950 veränderte ein technisches Großprojekt das Leben der Menschen hier für immer. Häuser verschwanden, Felder versanken… Die traditionelle Winterhilfe löste sich auf. Und dann taucht eine kleine Szene auf: Ein Bernhardiner, der immer wieder zum überfluteten Gasthaus Traube Post schwamm, als würde er sein Zuhause suchen. Der Reschensee ist kein Ort, den man nur betrachtet. Er ist ein Ort, den man erinnert.

Gänsehaut, oder? Trotzdem zurück in die Realität: Das Wetter war schlichtweg göttlich. Blauer Himmel, der nur vom tiefen Blau – stellenweise auch leuchtendem Türkis – des Wassers übertroffen wurde. Klassischer Touri-Stopp am Kirchturm, das Pflichtfoto zusammen mit der Pappmache-Attrappe geknipst und weiter ging es.

Der Blick zurück ins Vinschgau mit den Spiegelungen des Tals auf dem See war einfach bombastisch.

Es war zu dieser Zeit angenehm kühl, rund 18 Grad – Celsius, versteht sich. Voller Elan traten wir in die Pedale auf dem Radweg am Ostufer in Richtung Norden und schauten noch einmal nach oben, wo wir unser Ziel, die Reschner Alm suchten. Findet ihr sie?

Allerdings bogen wir schnell auf eine Asphaltstraße in Richtung Schöneben ab. Hoppla! Uns überholten einige Autos. Mal mit etwas Abstand, mal kritisch nah am Körper. Und das waren zwei Mal Autos mit Fahrrädern am Gepäckträger, die es ja besser wissen müssten. Ich hatte wohl bei der Routenplanung kurz geschlafen, denn diese Strecken machen nicht unbedingt Spaß, beim Fahren. Egal, die Blicke auf den Reschensee waren immer wieder schön.

Na ja, immer noch besser, als die Seilbahn zu nehmen! Apropos Seilbahn: Während wir uns stetig bergauf arbeiteten, unterfuhren wir die Schöneben-Gondelseilbahn. Über uns saß tiefentspannt ein Biker in einer Gondel, der sein Rad von der Kabine nach oben schaukeln ließ.

Nix für mich! Ich bin kein Downhiller, ich brauche das ehrliche Cross-Country-Gefühl. Wenn die Muskeln dann doch nicht irgendwann etwas müde werden, und die Zeit für schöne Gedanken nicht vorhanden ist, war es keine Tour.

Kurz darauf eine 180-Grad-Kurve – und es ging bergab! Höhenmeter vernichten? Jetzt schon?! Zum Glück dauerte der Spuk nur wenige Meter, bevor wir rechts auf einen idyllischen Waldweg einbogen und der Puls wieder steigen durfte. Die Autos waren wir nun los .Dafür schlug die Stunde der E-Mountainbiker. Und zwar leider genau jene Spezies, die den Ruf der Zunft ruiniert: Keine Begrüßung, Ellbogen raus, haarscharf an uns vorbeigerauscht – ganz so, als hätten sie die Lektion von den zuvor nervenden Autofahrern auf der Asphaltstraße gelernt Oder sie waren gar die Autofahrer.

Aber Schwamm drüber! Ich trat stoisch mein Tempo. Die Form passte heute wieder, die Muskeln spielten mit und die Atmung auch. Neben einer Truppe ehrlicher Bio-Biker ging es vorbei an einsamen Almwiesen (wobei wir heute grundsätzlich sehr viele Alpentouristen -wie wir ja auch welche sind- getroffen haben und es so einsam dann doch nicht war) und entspannten Kühen. Rechts oben lugte der Plamort hervor – jener berühmte Geschichtsort über dem Reschensee, wo noch heute die beeindruckenden Panzersperren aus dem Zweiten Weltkrieg als stumme Zeugen im Gelände stehen.

Ratz-fatz, schneller als wir schauen konnten, waren wir oben auf der Reschner Alm. Und da sprang mir direkt ein Schild ins Auge, das schöner nicht hätte sein können:

„Nicht der Schnellste gewinnt – sondern der, der die Einkehr am meisten genießt.“

Amen! Das gilt fürs Leben genauso wie fürs Radfahren. Nicht der Schnellste mit Kabel und Akku gewinnt, sondern der, der die Natur und das Echte aufsaugt.

Und genossen haben wir, das ist klar. Und so mussten natürlich auch noch unzählige Genussfotos zur Erinnerung gemacht werden

Die Einkehr auf der Alm bot Mountainbiker-Kulinarik in ihrer reinsten Perfektion:

  • Ein Kaiserschmarrn, so traumhaft resch, dass selbst die Oma vom Eberhofer erblassen würde.
  • Eine eiskalte, perlende und somit erfrischende Johannisbeerschorle.

Wir saßen auf den Bierzeltgarnituren wie im Erstaufführungskino – Panoramablick in Cinemascope auf den Reschensee! Neben uns saß eine allein reisende Schweizer Radlerin. Wie sich herausstellte, war es genau die fitte Radlerin, die uns ganz zu Beginn unserer Tour beim Fotografieren überholt hatte. Claudia verwickelte sie in ein nettes Gespräch (schließlich soll man solch ein Panorama nicht einsam genießen müssen). Wir lernten: St. Moritz ist ihr viel zu mondän, aber das Skifahren dort im Januar ist – trotz „arschkalter“ Temperaturen – einfach herrlich. Und der Schwarzwald sei nicht zu verachten. Die Menschen viel netter und freundlicher, als in der Schweiz. So so, man lernt nie aus!

Circa 90 Minuten ließen wir die Seele baumeln. Der See im Tal wechselte je nach Wolkenspiel minütlich seine Farben von Smaragdgrün bis Saphirblau.

Doch die Wettermodelle hatten es angedroht: Gegen 14:00 Uhr sollte die Regenfront anrücken.

Wir zahlten bei den charmanten, zünftig attraktiv in Lederhosen gekleideten und vor allen Dingen fröhlichen Bedienungen. (Einschub: Da könnten sich einige mürrische Sommertouristen mal eine gewaltige Scheibe von abschneiden – nicht an der Attraktivität oder Kleidung, sondern an der Fröhlichkeit!), um unsere Abfahrt zu starten. Doch bevor es an die Abfahrt ging, sollte noch ein Erinnerungsfoto her. Frei nach Heinz Ehrhard „Noch‘ n Gedicht“. Erst ein Gedicht mit Fahrrad. Das war schön, aber noch nicht ultra-spektakulär.

Und dann stellte ich mich auf und dachte mir: „Hey, bring etwas Dynamik rein, spring in die Luft!“

Nun kam das zweite Gedicht in Form eines Fotos dran. Ich sprang. Die Kamera löste sehr schnell aus. Oder Claudia war ob meiner sportlichen Höchstleistungen so überrascht, dass ihr der Fotoapparat fast aus der Hand gefallen wäre. Das Foto kennt ihr vom Titelbild. Ich landete. Oh Gott, ein stechender, pfeilschneller (ein wenig schneller als meine Bergauffahrt ;-)) Schmerz schoss mir direkt in die Lendenwirbelsäule. Tja. Je oller, desto doller. Mit strammen 60 Jahren sollte man sich solche akrobatischen Flugeinlagen vielleicht zweimal überlegen. Die Schwerkraft gewinnt am Ende eben doch immer und man landet hart auf dem Boden. Oder die Schmerzrezeptoren (nun wisst ihr auch, woher der Titel dieses Artikels stammt) melden sich mit einem -sagen wir mal- Unwohlsein.

Mit leicht lädiertem Rücken ging es über die Forststraße bergab. Wir passierten wieder etliche Kühe, die ich in diesem Urlaub irgendwie tief ins Herz geschlossen habe. Auf der Abfahrt ließ ich es rollen: 47 km/h! Fast Lichtgeschwindigkeit auf zwei Rädern! Dank dieses Höllentempos schafften wir es pünktlich 13:30 Uhr nach Reschen am See. Hier, wo Claudia der berühmten Via ihren Namen gab.

Puh, vor dem Regen gerettet! dachte ich. Tja, falsch gedacht. Jörg Kachelmann und sämtliche Wettermodelle hatten sich schlichtweg verrechnet: Es fing an zu tröpfeln und wurde immer stärkerer Regen. Klatschnass wurden wir! Claudia und ich sahen uns an und mussten lachen. Trocken geht bei uns am See scheinbar nicht. Wir erinnerten uns an unsere Silberhochzeits-Fahrrad-Tour zum Gardasee vor vier Jahren, als wir im strömenden Dauerregen einfach nur noch flüchten wollten.

Heute war es zum Glück nur ein kurzes, feuchtes Intermezzo. Wir rollten noch schnell um den Kirchturm herum (unser Sohn Oskar hatte übrigens absolut recht: da gibt es tatsächlich eine Art Sandbank, auf der man den Turm umrunden kann). Noch drei schnelle Fotos (eines, bei dem Claudia ihren berühmten Stein für ihre Freundin Meike ins Wasser warf) im Kasten und – Zack! – ging die Sonne wieder auf.

Am Ende war es völlig egal, dass wir ein paar Tropfen abbekommen hatten. Die Tour war eine reine, wunderschöne Genusstour. Der sportliche Einbruch vor drei Tagen? Abgehakt, vergessen, eine reine Eintagsfliege! Die Schmerzen in der Lendenwirbelgegend: Altersbedingt zu akzeptieren. Die Kraft war da, die Rescher Alm war kulinarisch ein Gedicht und die Aussicht unbezahlbar. Und so radelten wir einsam am See quasi in den nachmittäglichen Sonnenaufgang nach Osten.

Ein schneller Trikottausch am Auto, die Räder auf den Träger geschnallt und ab nach Glurns, dem schönen mittelalterlichen Städtchen an der Etsch. Denn verbrannte Kalorien müssen schließlich umgehend wieder aufgefüllt werden. Und wie ginge das besser als mit einem Eisbecher und Erdbeeren? Nun, der war nicht annähernd so qualitativ wie der Kaiserschmarrn, aber was soll es.

Wir genossen das Gewusel um uns herum, auch das ist Cinemascope-Kino und amüsierten uns über die ein oder andere Person. Und zwar so lange, bis der nächste Regen einsetzte. Aber das ist eine andere Geschichte!